22.11.2009 · Der Wettskandal stellt den deutschen Fußball auf die Probe: Einige Funktionäre kritisieren die Arbeit der Staatsanwaltschaft, Experten warnen vor einer Ausweitung der Spielmanipulationen. Und die Drahtzieher sitzen offenbar in Berlin.
Von Michael AshelmNach der ersten Bestürzung über die vermeintlichen Ausmaße des neuen Wettskandals haben einige offizielle Größen des deutschen Fußballs mit Kritik an der Arbeit der federführenden Staatsanwaltschaft in Bochum reagiert. Diese hatte am Freitag zusammen mit der Europäischen Fußball-Union (Uefa) erste Fakten zu den angeblichen Spielmanipulationen öffentlich gemacht, die betroffenen Fußballverbände zuvor allerdings davon nicht in Kenntnis gesetzt.
„Ich hätte es gut gefunden, wenn verantwortliche Leute, die nicht im Verdacht stehen, Informationen an die Öffentlichkeit zu tragen, eingeweiht worden wären. Ich werde versuchen, Anfang der Woche begrenzte Einsicht in die Akten zu bekommen, um zu sehen, welche Spiele und Spieler eine Rolle spielen“, sagte Reinhard Rauball, der Vorsitzende des Ligaverbandes, im ZDF. Sein Stellvertreter Harald Strutz legte im Sportsender DSF nach: „Der Fußball kann nicht einfach benutzt werden. Man kann nicht an die Öffentlichkeit gehen, ohne vorher die Verantwortlichen zu informieren“, sagte der Präsident des Bundesligaklubs FSV Mainz 05.
Zwanziger: „Fälle bewerten - und Vorsorgemaßnahmen treffen“
Doch ohne die Seriosität von Rauball oder Strutz in Zweifel ziehen zu wollen – aus ermittlungstaktischen Gründen erscheint das Vorgehen von Polizei und Staatsanwälten konsequent. Erstens müssen sie alles dafür tun, dass die Ermittlungen nicht durch den Einbezug zu vieler Mitwisser möglicherweise doch behindert werden, zweitens können nur sie von sich behaupten, in dieser Sache unabhängig zu sein. Die Uefa ist wohl deshalb von Anfang an involviert, weil ihre eigenen Investigationen die Grundlage bilden für die aktuellen Verfahren. Schon im Oktober hatte der neue Korruptionsbeauftragte der Uefa, Karl Dhont, auf Unregelmäßigkeiten bei nationalen und internationalen Spielen hin gewiesen. Er sprach schon damals vom bislang „größten Korruptionsfall“.
Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, gleichzeitig Mitglied im Uefa-Exekutivkomitee, ging im Gegensatz zur Liga mit den Ermittlungsbehörden nicht hart ins Gericht. „Ich bin sicher, dass die internationale Dimension den Anlass gab, mit der Uefa zusammenzuarbeiten. Wir werden sicherlich auch in angemessener Zeit über die deutschen Fälle informiert werden. Und dann werden wir die Fälle bewerten und die Vorsorgemaßnahmen, die es zu verbessern gilt, treffen“, sagte Zwanziger in der ARD.
Angeblich auch einen DFB-Schiedsrichter bestochen
In Deutschland sollen mindestens 32 Spiele von der zweiten Liga abwärts bis in die Juniorenklassen manipuliert worden sein. In sechs europäischen Ländern sind Erstligaspiele betroffen, zudem sollen zwölf Partien der Europa League sowie drei Champions-League-Spiele verschoben worden sein. Insgesamt stehen mehr als 200 Spiele in neun Ländern unter Manipulationsverdacht. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagte ein Ermittler.
Angeblich haben die Wettbetrüger auch einen Schiedsrichter des DFB bestochen. Zudem sollen drei Spieler des VfL Osnabrück in die Affäre verstrickt sein, von denen zwei inzwischen bei anderen Vereinen spielen. Der Schiedsrichter habe im Mai Schmiergeld von den mutmaßlichen Wettbetrügern kassiert, wie „Der Spiegel“ berichtete. Das Geld sei bei einem Spiel der Regionalliga Süd geflossen. Zudem sei der Regionalligaverein SSV Ulm offenbar stärker als bislang bekannt in den Wettskandal verwickelt. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins stehen vier Regionalligaspiele der Ulmer vom Ende der vergangenen Saison unter Manipulationsverdacht.
Reichenberger: „Habe mit dem Wettskandal nichts zu tun“
Im Fall des anscheinend betroffenen und oft genannten Drittligaklubs VfL Osnabrück ist die Faktenlage bislang dünn. „Wir sind Opfer und keine Täter“, sagte Klubpräsident Dirk Rasch am Samstag nach dem 4:1-Sieg gegen Borussia Dortmund II. Die Polizei sei noch nicht auf den Verein zugekommen.
Kapitän Thomas Reichenberger sah sich genötigt, öffentlich eine mögliche Beteiligung an Spielmanipulationen zu dementieren. „Es ist viel auf mich eingeprasselt in den letzten Tagen. Aber ich kann Euch versichern: Ich hatte nie Kontakt mit der Wettmafia und habe mit dem Wettskandal nichts zu tun“, sagte der 35 Jahre alte Profi vor den Fans. „Ich habe ein reines Gewissen.“ Der Klubpräsident bezeichnete es als „unerträglich“ und „unverantwortlich“, dass in verschiedenen Medien bereits Namen von verdächtigen Spielern genannt worden sind. „Wir haben einen Manipulationsskandal, aber auch einen Medienskandal, zumindest was den VfL Osnabrück angeht.“
Die Drahtzieher: eine fünfköpfige Gruppe aus Berlin?
Rasch bestätigte derweil einen Vorfall der zurückliegenden Saison, als ein Spieler sich den Vereinsverantwortlichen mit seiner Spielsucht geöffnet hatte. Der Profi habe eine Gehaltsvorauszahlung erhalten, um Schulden zu bezahlen, und sei zu einem Therapeuten geschickt worden. Als gesichert gilt nur, dass gegen den ehemaligen Osnabrücker Marcel Schuon ermittelt wird. Dessen Wohnung ist durchsucht worden. Das bestätigte der Manager des Drittligaklubs SV Sandhausen, für den Schuon jetzt spielt. In Deutschland sind angeblich 15 Verdächtige festgenommen worden, darunter ein Spieler des Landesligaklubs Würzburger Kickers.
Bei den Drahtziehern des Wettskandals soll es sich laut „Berliner Morgenpost“ um eine fünfköpfige Gruppe aus Berlin handeln. Zu dieser gehörten neben dem aus dem Hoyzer-Prozess einschlägig bekannten und inzwischen in Untersuchungshaft sitzenden Ante S. vier weitere Berliner südosteuropäischer und türkischer Herkunft, hieß es unter Berufung auf Ermittlerkreise. Nach WDR-Informationen wurde auch ein Mann aus dem nordrhein-westfälischen Herten als mutmaßliches Bandenmitglied festgenommen.
Ein Ermittler sagte der „Berliner Morgenpost“ zum Ausmaß der betrügerischen Wetteinsätze: „Wir stehen noch ganz am Anfang, und es würde mich nicht wundern, wenn am Ende schwindelerregende Summen herauskommen.“ Die Staatsanwaltschaft Bochum nannte am Freitag eine vorläufige Betrugssumme von zehn Millionen Euro. Für Spielmanipulationen hätten Spieler einzelne Beträge zwischen 5000 und 30.000 Euro erhalten, war am Wochenende zu erfahren.
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |