21.09.2010 · Meinungsfreiheit ist im Fußball unerwünscht. Klubs und Verbände versuchen durch Zugangsbeschränkungen und Zitatkontrolle die Wirklichkeit zu manipulieren. Nur vereinzelt lehnt sich ein Profi dagegen auf - mit unangenehmen Folgen.
Von Michael HoreniInterview mit einem Profi aus der zweiten Fußball-Liga: Der Spieler heißt Sascha Mölders, er ist angestellt beim FSV Frankfurt. In der Sommerpause wollte Mölders in die erste niederländische Liga wechseln. Es kam darüber zu einem wochenlangen Disput mit dem Verein. Mölders blieb stur. Und der Verein ließ ihn trotz einer Vertragsverlängerung wenige Wochen zuvor ziehen - aber der Stürmer überlegte es sich dann doch noch einmal anders. Er blieb. Der Geschäftsführer machte den Vorgang öffentlich. Nach den ersten Spielen in der neuen Saison wollten wir nun von Mölders wissen, wie er sich wieder zurecht findet in einer Mannschaft und einem Verein, dem er innerlich schon den Rücken gekehrt hatte. Und wie anfällig Profis für Verlockungen sind, wenn sie trotz eines Vertrags interessante Angebote erhalten. Aber der Versuch scheitert.
Während des Interviews weicht der Pressesprecher des Klubs nicht von Mölders Seite. Nach dem Gespräch sagt er, dass der Verein und der Spieler dieses Thema für beendet erklärt haben. Und als Reporter solle man sich nicht wundern, wenn Mölders demnächst nach Spielen nicht mehr mit einem spreche, wenn man so kritische Nachfragen stelle. Von den sieben Antworten, die zu diesem Thema zur Autorisierung an den Verein gehen, werden vier gestrichen. Die Eingriffe verändern den Charakter des Gesprächs entscheidend. Der Artikel erscheint nicht.
Reibungsfreie Benutzeroberfläche
Der Blick auf das Kleine schärft mitunter die Wahrnehmung für das große Ganze, und am Beispiel des in den Medien kaum wahrgenommenen FSV Frankfurt und seines Stürmers kann man erkennen, wie sehr sich im Profifußball das Streben nach Kontrolle der öffentlichen Darstellung zu einem ganz selbstverständlichen Anspruch entwickelt hat. Dass im öffentlichen Fußball-Unterhaltungsbetrieb das hohe Gut der Meinungsfreiheit nicht viel zählt, ist nur die eine Seite einer Entwicklung, die in den vergangenen Jahren immer stärker die Frage aufwirft, wie viel Realität sich eigentlich noch in der Berichterstattung über den omnipräsenten Profifußball jenseits der Bilder aus den Stadien spiegelt - und wie viel die Öffentlichkeit von den Dingen erfährt, die das glatte Erscheinungsbild beschädigen könnten? Immer weniger, das lässt sich sagen.
Der Wunsch, eine reibungsfreie Benutzeroberfläche für die Kundschaft zu produzieren, wirkt auf allen Ebenen: In der Führungsetage, auf dem Trainingsplatz, in der Mixed Zone und - natürlich - in den Presseabteilungen. Seit die Klubs mit dreistelligen Millionenumsätzen immer stärker wie Unternehmen geführt werden, wachsen die Kontrollmechanismen immer weiter. Unliebsame und unvorhergesehene öffentliche Äußerungen wie zuletzt von Lahm oder Ballack stören den Betriebsablauf - und werden unterbunden. Negatives oder auch nur vermeintlich Negatives wird in der optimiert funktionierenden Fußball-Leistungsgesellschaft nicht mehr geduldet. Zugangsbeschränkung, Zeitkorridor und Zitatkontrolle heißen die Hilfsmittel. Man kann das altmodisch aber auch anders nennen: Zensur.
Boulevardrepublik Bundesliga
Emotionen, nicht Informationen sind die eigentliche Währung des Fußballs in der ganzjährigen Rundumberichterstattung. Der Fußball lebt davon hervorragend. Aber auch die Boulevardmedien, die es vorzüglich verstehen, Emotionen aus Konfrontationen zu erzeugen - oder einen Streit nur zu konstruieren. Eine Woche liegt zwischen den Spieltagen, aber sportliche Nachrichten reichen angesichts des riesigen Interesses dafür kaum. Beispiele aus der Bundesliga-Boulevardrepublik nur von einem Freitag im September: „Jansen geht auf TV-Kommentator los“, „Petric: Krisengipfel beim HSV“, „Raffael geht auf Lell los“. Solche „Streits“ und „Skandale“ verkaufen sich gut, aber diese unwillkommenen Emotionen beeinträchtigen und behindern oft die Arbeit von Trainern, Managern und Vorständen. Das führt zu Konsequenzen: zu verknappten und kontrollierten Zugängen für Medien. Beispiel Nationalmannschaft: Selbst das Training von Löw zu beobachten, ist kaum mehr möglich. Spätestens nach einer Viertelstunde müssen Journalisten das Gelände verlassen. Bei der EM 2004 konnte man angesichts der müden Einheiten noch erkennen, warum die Mannschaft in Portugal so schnell abbaute. Aber das war einmal. Auch Auseinandersetzungen zwischen Spielern, beim Training nicht gerade unüblich, gibt es seitdem nicht mehr, besser: man erfährt so gut wie nichts mehr davon. Auch Gespräche mit Spielern, die nicht als Interview verwertet werden, unterliegen mittlerweile der Kontrolle.
Der Filter ist da, und er ist (fast) überall. Heribert Bruchhagen hat auf der Vorstandsebene eines Profiklubs ein erfolgreiches Mittel gefunden, Informationen zu kanalisieren: „One face to the customer“ ist das Motto des Chefs der Frankfurter Eintracht seit seinem Amtantritt. Das Sprechen mit nur einer Stimme gegenüber der Öffentlichkeit hat dem Verein nach turbulenten Jahren tatsächlich zu Ruhe und Seriosität verholfen. Bruchhagen schuf ein neues Bild - auch durch sein Meinungsmonopol. Nach außen dringt nur, was nach außen dringen soll. Im Schalker Reich von Felix Magath wird darüber nachgedacht, die Kontaktmöglichkeiten ohne Kontrolle zwischen Presse und Profis noch weiter als ohnehin einzuschränken. Selbst Aussagen nach den Spielen in der sogenannten Mixed Zone, in der Journalisten und Sportler zusammenkommen, könnten dem Vernehmen nach künftig überprüft werden. Der Plan würde genau ins Schalker Öffentlichkeitsbild passen.
„Das Interview wird er noch bedauern“
In der letzten Saison, nachdem Kevin Kuranyi seinen Wechsel zu Moskau bekanntgegeben hatte, verweigerte der Klub seinem Stürmer die Genehmigung für ein Interview mit dieser Zeitung - lästige Schlagzeilen wären möglich gewesen. Kuranyi musste sich beugen. Denn in den Musterverträgen der Profis steht, dass „Interviews der vorherigen Zustimmung des Klubs bedürfen, jedenfalls dann, wenn der Spieler die Gelegenheit hatte, diese vorher einzuholen“. Verstöße gegen diese Pflicht, so ergänzt eine Vertragsstrafenklausel in Paragraf 6, können mit maximal einem monatlichen Bruttogrundgehalt sanktioniert werden. Als Philipp Lahm in der Vorsaison die Einkaufspolitik des FC Bayern in der „Süddeutschen Zeitung“ kritisierte, wurde er mit einer Strafe von 25.000 Euro belegt. Hoeneß tobte: „Das Interview wird er noch bedauern.“ Lahm führte das Gespräch am Klub vorbei - sonst wäre es so nie erschienen.
Alles keine Einzelfälle. Als Magath noch in Wolfsburg mit seinem Öffentlichkeitsarbeiter wirkte, drang selbst nach dem Training praktisch kein Wort mehr nach außen, ohne dass es nicht vorher über einen Klub-Schreibtisch ging. Mit Kontrollfreak Magath verschwand auch dieses Diktum. Aber selbst der kleine FSV Frankfurt nimmt schon Anleihen wie aus dem nordkoreanischen Handbuch für Öffentlichkeitsarbeit. Vor den Spielen kommen keine Profis mehr zur Pressekonferenz. Der Verein legt stattdessen selbstgeführte Interviews vor.
Keine Teilnahme bei Facebook und Twitter
Als innovativ in Sachen kritikfreier Eigendarstellung kann auch die Nationalmannschaft gelten. Sie hat dafür eine eigene Website geschaffen, auf der „exklusive“ Interviews zur journalistischen Verwertung angeboten werden. Interviews und Zitate aus Gesprächen jenseits der Mixed Zone und Pressekonferenz werden ohnehin kontrolliert. Manchester United geht noch weiter: Der Klub hat seinen Spielern die Teilnahme bei Facebook und Twitter untersagt.
Welche Wirkung selbst ein einziges offenes Wort im Fußball-Emotions-Geschäft haben kann, belegen in jüngerer und jüngster Zeit Interviews und Äußerungen von Ballack und Lahm. Als der Kapitän in dieser Zeitung vor knapp zwei Jahren im „Fall Frings“ den Umgang des Bundestrainers mit verdienten Spielern kritisierte und damit den Schleier ein wenig lüftete, beschäftigte dies die Fußball-Nation über Monate - bis heute. Auch Ballack führte das Interview am Verband vorbei. Die Offenheit als Instrument zu nutzen, darauf versteht sich aber auch sein Möchtegernnachfolger Lahm. Vor dem WM-Halbfinale sagte er an einem Tag gegenüber „Spiegel“, „Bild“ und „Kölner Express“, dass er die Kapitänsbinde nicht mehr „freiwillig“ zurückgeben wolle. Auf dieses eine Wort kam es an. Als der DFB-Pressesprecher die Formulierung las, wusste er gleich, was kommen würde. Lahm allerdings auch - und bestand deswegen auf seiner Aussage.
Ausgezeichneter Artikel
Jan Matthias (JanMatthias)
- 21.09.2010, 12:57 Uhr
Sport als Theater
d wolf (creativefinancial)
- 21.09.2010, 13:19 Uhr
Meinungsfreiheit ja bitte
gisbert heimes (gisbert4)
- 21.09.2010, 13:36 Uhr
Hahahaha
Torlin Monger (TMonger)
- 21.09.2010, 13:36 Uhr
Arbeitnehmerpflichten kontra Meinungsfreiheit
Wolfgang Lutz (wogalu)
- 21.09.2010, 14:01 Uhr