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Fußball und Gewalt „Der Hass nimmt ständig zu“

22.11.2009 ·  Alarmierende Gewaltexzesse rings um Fußballspiele: Der Hooligan ist längst zum Auslaufmodell geworden, die Ultras in Mode gekommen. Alte Konzepte greifen nicht mehr, die Polizei wird zum Feindbild einer aggressiven Szene.

Von Hans-Joachim Leyenberg
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Die Polizei hatte sich auf einen unproblematischen Abend im Schalker Stadion eingestellt. Die Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, soweit organisiert, sind eben eine brave Bürgerbewegung, verglichen mit jenen, die Wochenende für Wochenende die Ordnungshüter bis in die fünften Ligen in Atem halten. Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, registrierte unlängst wieder einmal die „dramatische Zunahme der Gewaltexzesse am Rande von Fußballspielen“.

Da stand Freiberg in der vergangenen Woche noch ganz unter dem Eindruck der Geschehnisse in Halle. Dort waren Beamte am Rande eines Viertligaspiels des dortigen FC gegen den 1. FC Magdeburg in eine Falle gelockt worden. „Manchmal“ registriert Freiberg „mehr Polizisten als Zuschauer im Stadion“, um der Situation bei sogenannten Risikospielen Herr zu werden.

Bundesweit summieren sich jährlich 1,4 Millionen Arbeitsstunden der Polizei im Dienste des Fußballs. Mit dem 1991 verabschiedeten Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (NKSS), einer konzertierten Aktion von Innen-, Sport- und Jugendministerkonferenz, des Deutschen Fußball-Bundes, des Deutschen Städtetages und des damaligen Deutschen Sportbundes wähnte man sich für die Herausforderungen in den Stadien und drum herum gewappnet. Inzwischen ist die Debatte darüber entbrannt, wie und ob die Gewaltbereitschaft eingedämmt werden kann. Die Konzepte von früher, die zugleich noch die Konzepte von heute sind, greifen nicht mehr.

Unzufriedenheit und Frustration

„Achtzehn Jahre nach Verabschiedung des NKSS ist die Ausgangslage komplizierter und unübersichtlicher als bei Gründung. Es herrscht Sprachlosigkeit, der Hass nimmt ständig zu. Was wir im Moment vorfinden, ist Ratlosigkeit und Überforderung.“ Eine Feststellung des Soziologen Andreas Klose, die bei einer mehrtägigen Tagung der Evangelischen Akademie Arnoldshain in Schmitten bei Frankfurt unwidersprochen blieb. Die Zuhörer: Fanbetreuer, Polizisten aller Couleur, Richter, Seelsorger, Sozialarbeiter und Staatsanwälte. Seit der Hooligan Ende der achtziger Jahre zum Auslaufmodell geworden ist, sind die Ultras ein Jahrzehnt später in Mode gekommen.

Eine Gruppierung, die sich dem Kampf gegen Kommerzialisierung und für Demokratisierung verschrieben hat. In ihrer Entschiedenheit erinnern sie an die 68er-Bewegung, in deren Reihen der Gewaltbegriff ebenfalls kontrovers diskutiert wurde, aber weitgehend Konsens herrschte, wenn es zur Konfrontation mit der Staatsmacht kam. Der Fußball dient einem Teil der Unzufriedenen und Frustrierten der Bundesrepublik von heute als Ventil. Es ist jene problematische Klientel von schätzungsweise 12.000 Personen, der die Polizei nach den gemachten Erfahrungen nicht so recht über den Weg traut.

So bunt, so phantasievoll, so engagiert

Die Fronten sind verhärtet. „Die Ultras sind geschlossen, wenn es gegen uns geht“, stellt Lutz Wiese, Polizeidirektor der Polizeidirektion Frankfurt Süd, mit einem Anflug von Resignation fest. Viele Versuche, mit dieser Gruppierung ins Gespräch zu kommen, sind gescheitert. Verbote werden als willkürliche Schikane verstanden, die Präsenz der Polizei als Provokation. So bunt, so phantasievoll, so engagiert sich die Ultras bei ihren Choreographien zeigen, so schlicht kann ihr Urteil ausfallen, sobald es um Andersdenkende oder gegnerische Fans geht. Ganz nach dem Motto, „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Eine Gegenwelt, in der die „beste Action abgeht“. Körperliche Gewalt zählt dazu.

Das Ergebnis einer Umfrage in Karlsruhe: 90 Prozent des harten Kerns derer, die ihren Stammplatz in der Fankurve haben, outeten sich als gewaltfasziniert, 30 Prozent bekannten sich dazu, Gewalt auszuüben. Im Zeitalter neuer Arenen im Zuge der WM hierzulande, neuer Kommunikationsmittel wie Handy und Laptop haben sich Übergriffe verlagert. Sogenannte „Drittortauseinandersetzungen“ sind an der Tagesordnung oder Randale auf den Verkehrswegen. „Der Sport“, so die These des Gewaltforschers Gunter A. Pilz, „ist nicht der Spiegel der Gesellschaft, sondern ihr Brennglas.“

Forderung nach einheitlichen Standards von Fanutensilien

Philipp Markhardt, Pressesprecher der Hamburger Fanvereinigung ProFan, versuchte mit seinem Referat im herbstlichen Hochtaunus den Spagat zwischen „berechtigten Anliegen und notwendigen Abgrenzungen“. Dabei ging er von der Vorstellung aus, per Selbstregulierung die Wirrköpfe in den eigenen Reihen in den Griff zu bekommen, ohne allerdings für jeden garantieren zu können und zu wollen. Er forderte einheitliche Standards von Fanutensilien, generelle Genehmigung von Spruchbändern und Pyrotechnik, die den organisierten Fans offenbar heilig ist.

„Wir haben Ecken und Kanten“, sagte er für Verständnis werbend, ehe er der Polizei so charmant wie bestimmt die Leviten las - mit Fallbeispielen aus seinem Fan-Alltag: unannehmbare Repressalien vor allem für jene, die zu Auswärtsspielen reisen; Platzverweise und Einkesselung ohne konkreten Anlass nach dem Motto „Mitgehangen, mitgefangen“; kurzum die Behandlung als Mensch zweiter Klasse; Fanbetreuer, die neuerdings nicht mehr vor polizeilichen Prügelattacken sicher sind.

Eine hochexplosive Gemengelage

In diesem Klima des gegenseitigen Misstrauens setzt Pilz neben Fanprojekten und Fanbetreuern der Klubs auf „Konfliktmanager“ zwischen den Interessengruppen, denen eine Mittlerrolle zukommen soll. Mit Alkoholverboten, möglicherweise noch stärkerer Polizeipräsenz sei es nicht getan. Erst recht nicht mit Stadionverboten, die sogar zum Prestigegewinn in der einschlägigen Szene taugen. Das alles soll bei einem Kongress in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres thematisiert werden.

Mit am Tisch: der Deutsche Fußball-Bund, die Deutsche Fußball-Liga und die Gewerkschaft der Polizei. Der Kongress soll „Inhalte erarbeiten, Denkanstöße geben und konkrete Projekte auf den Weg bringen“. Schließlich gibt es eine weitere Baustelle: der Versuch der Unterwanderung der ostdeutschen Fanszene durch Neonazis, also einen Angriff von rechts außen. Eine hochexplosive Gemengelage.

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