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Fußball und Depression : Mehr Menschlichkeit – aber wie?

Robert Enke Bild: dapd

Auch ein Jahr nach Robert Enkes Tod rufen die stets gut gemeinten Appelle ein zwiespältiges Echo hervor. Die Sensibilität im Profisport mag größer geworden sein - der Druck allerdings ist unvermindert hoch.

          Kurz nach Robert Enkes Selbstmord, als in Deutschland über Depression und Leistungsdruck diskutiert wurde, hat die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) gehandelt und vermehrt Hilfe angeboten. Jene Spieler, die wie zuvor auch der Nationaltorhüter von Hannover 96 unter Selbstzweifeln oder öffentlichem Erwartungsdruck leiden, können seither über eine Hotline Kontakt zu Psychologen und Ärzten aufnehmen, sich beraten und gegebenenfalls zu einem Therapeuten in der Nähe ihres Wohnortes vermitteln lassen. Nach Enkes Tod, sagt Florian Gothe, einst Fußballprofi und heute VdV-Präsident, „hatten wir vermehrt Anfragen. Mittlerweile hat es sich wieder normalisiert.“

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber was bedeutet in diesem Zusammenhang „normal“? Liegt die gesunkene Nachfrage nach professioneller Krisenbewältigung daran, dass sich Spieler trotz zugesicherter Diskretion nicht trauen, sich zu ihren Schwächen zu bekennen? Oder funktioniert der Fußball entgegen aller Aufrufe zu mehr Menschlichkeit und Mitgefühl einfach weiter, als hätte es die Tragödie vor einem Jahr nicht gegeben? „Wenn man mit Spielern spricht, dann merkt man, dass psychische Belastung und Stress als Themen wahrgenommen werden, mit denen jeder zumindest unterbewusst zu tun hat; und dass sie mittlerweile als Teil des Geschäfts betrachtet werden“, sagt Gothe.

          Zum Gedenken an Robert Enke legen der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und Hannover 96 an diesem Mittwoch Kränze am Grab des früheren Nationaltorwarts nieder. Die DFB-Delegation wird von Präsident Theo Zwanziger, Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff angeführt.

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          Als vor einem Jahr Theo Zwanziger vor knapp 40.000 Personen bei der Trauerfeier für Robert Enke im Bundesligastadion von Hannover eine bewegende Ansprache hielt, stellte er das Profigeschäft, in dem nur die Stärksten eine Chance haben, die wie moderne Gladiatoren daherkommen, ein Stück weit in Frage. „Fußball ist nicht alles“, sagte der DFB-Präsident und wünschte sich „ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage, ein Stück mehr Bekenntnis zur Würde des Menschen“. Zwanzigers gut gemeinte Worte rufen bis heute, dem ersten Todestag Robert Enkes, ein zwiespältiges Echo hervor.

          „Nur schwarz und weiß“

          Die einen sprechen dem Fußball jegliche Reformfähigkeit ab, die anderen meinen in den Vereinen bereits kleine Veränderungen zu bemerken. Wobei letztere Gruppe einen schweren Stand hat, ihre Eindrücke zu belegen: Denn Menschlichkeit ist vielleicht spürbar, aber nicht messbar. In der Breite fehlen Bestätigungen dafür, dass Trainer womöglich rücksichtsvoller mit ihren Spielern umgehen, oder dass Profis ihren Konkurrenzkampf weniger aggressiv austragen. „Spieler müssten als Menschen eine gewisse Festigkeit bekommen. Nur wenn sie als Individuum gestärkt sind, werden sie auch gute Fußballer“, sagt Jörg Neblung, Enkes langjähriger Freund und Berater. Der Fußballprofi als Mensch und nicht als Titan? In der Öffentlichkeit ist diese Ansicht nicht sehr weit verbreitet.

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