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Fußball-Trainer Streich : Freiburger Freigeist

Der fröhliche Freiburger: „Wir müssen nicht gewinnen“ Bild: dpa

Christian Streich ist einer der wenigen Trainer in der Bundesliga mit der Erlaubnis abzusteigen. Der Ausbildungsexperte ist Unikat und Glücksgriff in einem.

          Christian Streich weiß, was von ihm und seiner Mannschaft im Abstiegskampf erwartet wird. Aber mit dem Pflichtbewusstsein will er es nicht übertreiben. „Wir müssen nicht gewinnen“, sagt er vor dem Heimspiel des SC Freiburg an diesem Samstag gegen den 1. FC Kaiserslautern. Seine Spieler müssten überhaupt kein Spiel gewinnen. „Wir müssen nur sterben“, sagt er, und sein stechender Blick aus großen blauen Augen wirkt in diesem Moment noch angriffslustiger als sonst.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es ist ein Christian-Streich-Satz, kurz, ohne Schnörkel und wie ein Schlag in die Magengrube für diejenigen, die den Fußball mit zu viel Bedeutung überfrachten. Schicksalsspiele, Entweder-oder-Szenarien, Spekulieren auf das Unvorhersehbare - Streich ist das fremd. Und er formuliert das auf seine Art. Deshalb muss er jetzt nicht nur erklären, warum Freiburg so erfolgreich ist, seit er den unglücklichen Marcus Sorg Ende des vergangenen Jahres als Cheftrainer abgelöst hat. Viele wollen auch wissen, wie er so schnell so unverwechselbar werden konnte, ein Kauz mit dem Potential zum Kult, dessen Stellungnahmen zum Fußball im Internet hohe Klickzahlen erreichen. Streich lächelt dann, was so viele Falten in sein Gesicht wirft, als wäre es ein ungemachtes Bett. Er war schon immer so.

          Was das heißt, wissen sie in Freiburg genau, er ist schließlich seit siebzehn Jahren hier. Dass er so erfolgreich sein würde, konnte trotzdem keiner ahnen. Als Sorg gehen musste, es war die erste Trainerentlassung in der Freiburger Bundesligageschichte, galt die Mannschaft als hoffnungsloser Fall, als sicherer Absteiger.

          Streich war Sorgs Assistent gewesen, er musste überredet werden, den Job zu übernehmen, denn er wollte nicht illoyal sein. Die Entscheidung hat ihn gequält. Denn mehr noch war er ein Mann für den Nachwuchs, jahrelang Leiter der beispielhaften, oft ausgezeichneten Freiburger Fußballschule, Meister und mehrmaliger Pokalsieger mit den A-Junioren. Ein Ausbildungsexperte. Er hat sich nicht darum gerissen, die Profis zu trainieren.

          Christian Streich ist engagiert, will den Fußball aber nicht mit zu viel Bedeutung überfrachten

          Heute ist er in einer Lage, die diese Liga eigentlich nicht kennt. „Er darf absteigen“, sagt der Freiburger Manager Dirk Dufner. Und mehr noch: „Er dürfte sich dann aussuchen, was er macht.“ Streich hat einen Vertrag bis 2014 und die Zusage, jederzeit in die Fußballschule zurückkehren zu dürfen, wenn er darum bitten sollte. Aber natürlich sähen sie ihn lieber weiter als Cheftrainer. Unter ihm hat Freiburg, mittlerweile auf Platz sechzehn verbessert, den Bayern, Gladbach und Bremen ein Unentschieden abgetrotzt sowie Schalke und den Hamburger SV besiegt.

          In der Streich-Schule steht die Gruppe oben

          Er war die richtige Wahl, das ist sicher. Außerdem hat Streich weitere in Freiburg ausgebildete Spieler eingebaut, und zwar so entschlossen, dass sie selbst hier, wo intensive Nachwuchsförderung immer schon zur DNA des Vereins gehörte, manchmal staunen. Knapp zehn Spieler aus der Streich-Schule stehen im Kader, sechs davon gehörten vor einer Woche beim 3:1 gegen den HSV zur Startformation. Er schenkt ihnen Vertrauen, aber er kennt sie auch besser als jeder andere. Sie danken es ihm mit mutigem, laufintensivem Spiel, das dem Gegner keine Ruhezonen gönnt. Die Gruppe steht über allem, denn nur so konnte der Verlust des nach England gewechselten Stürmers Papiss Demba Cissé aufgefangen werden, dessen individuelle Klasse den neunten Tabellenplatz in der vergangenen Saison erst möglich gemacht hatte.

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