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Fußball-Nationalmannschaft Ein Bayern-Block ist Löws Lösung

07.05.2010 ·  In der schwierigsten WM-Vorbereitung der deutschen Fußball-Geschichte setzt Bundestrainer Joachim Löw auf sieben Münchner. Die spannendste Frage ist: Wird Butt die Nummer 1? Härtefall Hitzlsperger darf nicht mit zur WM.

Von Michael Horeni, Stuttgart
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Von null auf eins? Der verblüffende Aufstieg von Hans-Jörg Butt, der sich während der Fußball-Weltmeisterschaft bis vor drei Tagen noch als Sommerurlauber wähnte, könnte in der Nationalelf gerade erst begonnen haben. Nachdem Bundestrainer Joachim Löw den Bayern-Torhüter am Donnerstag neben Manuel Neuer und Tim Wiese bei der Nominierung seines erweiterten WM-Kaders wie erwartet in die südafrikanische Reisegruppe aufgenommen hat, überraschte er mit der Ankündigung, das nach der Absage von René Adler über die neue Nummer eins das letzte Wort noch nicht gesprochen sei.

„Wir werden uns in aller Ruhe unterhalten, wie es aussieht“, sagte Löw, „jetzt ist dafür nicht der Zeitpunkt.“ Schon allein die Vorstellung, dass Butt im Fernduell mit Neuer und Wiese weitere Fakten schaffend am 24. Mai als deutscher Meister, Pokalsieger und Champions-League-Gewinner mit dem Rest des großen Bayern-Blocks zur Nationalmannschaft ins zweite Trainingslager nach Südtirol nachreist, mochte sich Löw am Nominierungstag gar nicht ausmalen. Er grinste lieber.

Das Münchner Momentum ist nicht das einzige gute Argument für den Bundestrainer mit Blick auf die WM - und für Butt in der plötzlich ganz offenen Torwartfrage. Angesichts eines WM-Kaders, der ausgesprochen jung und bayerisch daher kommt, könnte die Erfahrung des 35 Jahre alten Bayern-Torhüters noch ein Zusatzplus sein. „Jeder, der bei der WM ist, will auch spielen. Und das war auch schon so, als ich vor zwei Jahren zum FC Bayern gekommen bin“, sagte Butt über seine Fähigkeit, Chancen zu nutzen, wenn sie sich ergeben.

Thomas Hitzlsperger als schwierigste Entscheidung

Den 21 Jahre alten Holger Badstuber vom FC Bayern und den Hamburger Dennis Aogo (23) nominierte Löw jedenfalls ohne Länderspielerfahrung für die Verteidigung, den Stuttgarter Christian Träsch (22), der erst eine Partie absolvierte, fürs Mittelfeld. „Der Kader ist das Resultat von monatelangen, wenn nicht jahrelangen Analysen, die wir gemacht haben. Wir haben in diese Spieler absolutes Vertrauen“, sagte Löw.

Von den 27 Spielern, die der Bundestrainer vorläufig nominierte, müssen sich aber noch vier Feldspieler bis zum offiziellen Meldeschluss am 1. Juni von ihrem WM-Traum verabschieden, fünf weitere Nachwuchskräfte wurden nur für das Länderspiel in der kommenden Woche gegen Malta berufen.

Die wohl schwierigste Entscheidung traf Löw, indem er Thomas Hitzlsperger eine weitere Enttäuschung zumutete. Der EM-Stammspieler verlor in dieser Saison erst sein Kapitänsamt in Stuttgart, dann seinen Platz in der Mannschaft, und auch der Wechsel zu Lazio Rom endete auf der Ersatzbank. Hitzlsperger schickte nun nur eine SMS zur Nationalelf, in der er dem Team Glück wünschte.

Bundestrainer Löw: „Wir haben ein wirklich gutes Gefühl“

Wie in einer Fußball-Regierungserklärung sprach der Bundestrainer in Stuttgart davon, „dass ich ziemlich sicher bin, dass es noch niemals so schwierig und kompliziert war“, eine deutsche Mannschaft auf die WM vorzubereiten. Der Kader sei genau nach seiner Philosophie und dem tragenden Prinzip Geschlossenheit formiert. „Wir haben ein wirklich gutes Gefühl, mit diesem Kader zum Turnier zu fahren“, sagte Löw und sprach optimistisch „von acht Wochen Gemeinsamkeit, 50 anspruchsvolle Trainingseinheiten und hoffentlich sieben hochbrisanten Spielen“. Das würde bedeuten: Endspiel.

Damit kennen sich die Bayern wieder aus, davon können sie in diesem Jahr gar nicht genug bekommen. Neben Butt und Badstuber sind nun auch Lahm, Schweinsteiger, Müller, Klose und Gomez bei der WM dabei. Der Bayern-Block soll in Südafrika zu Löws Lösung werden, der angesichts der sonstigen Schwierigkeiten nur zu gerne auf den Bayern-Trittbretteffekt setzt. „Das ist gut, weil die Bayern sehr dominant aufgetreten sind, vor allem international. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein“, sagte der Bundestrainer über die Blockbildung, mit der die Nationalelf traditionell gute Erfahrungen gemacht hat.

„Am Telefon habe ich versucht, einen auf cool zu machen“

Von Butt erhofft sich Löw Ruhe und Erfahrung, von Müller im Sturm nahezu unbesehen einen Qualitätssprung und von Neuling Badstuber eine Alternative auf der vakanten Innenverteidigerposition. Der Bundestrainer lobte ihn gleich so sehr, als wäre der Aufsteiger aus der Bayern-Jugend auch ohne Einsatz schon fast nicht mehr wegzudenken neben Mertesacker. „Er spielt sachlich, ruhig und ist auch taktisch besser geworden. Er macht sehr wenig Fehler und spielt mit einer Abgeklärtheit auch in den wichtigen Spielen.“ Das sind ziemlich genau jene Fähigkeiten, die auf dieser Position in der Nationalelf arg fehlten.

Aber was heißt zuletzt? Seit November haben die EM-Zweiten nur ein einziges Länderspiel (0:1 gegen Argentinien) bestritten, was neben den zerrissenen Trainingslagern in Sizilien und Südtirol für Löw die Vorbereitung so unerfreulich macht. Er hätte in diesem Jahr nur zu gerne Badstuber, Müller, Kroos oder auch Aogo im Nationaltrikot weitere Erfahrungen sammeln lassen. Aber so hatte er immerhin den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Aogo sagte nach dem Anruf von Löw gleich den Mallorca-Urlaub ab. „Am Telefon habe ich versucht, einen auf cool zu machen“, sagte Aogo, „aber hinterher habe ich mich riesig gefreut.“ Last Minute kann wirklich ganz schön sein.

Das vorläufige deutsche Aufgebot für die WM in Südafrika:

Tor: Manuel Neuer (Schalke 04), Tim Wiese (Werder Bremen), Jörg Butt (Bayern München) - nur für Malta: Tobias Sippel (1. FC Kaiserslautern)

Abwehr: Dennis Aogo (Hamburger SV) Jerome Boateng (Hamburger SV), Arne Friedrich (Hertha BSC Berlin), Philipp Lahm (Bayern München), Per Mertesacker (Werder Bremen), Marcell Jansen (Hamburger SV), Serdar Tasci (VfB Stuttgart), Holger Badstuber (Bayern München), Heiko Westermann (Schalke 04), Andreas Beck (1899 Hoffenheim) - nur für Malta: Stefan Reinartz (Bayer Leverkusen), Mats Hummels (Borussia Dortmund)

Mittelfeld: Michael Ballack (FC Chelsea), Marko Marin, Mesut Özil (alle Werder Bremen), Piotr Trochowski (Hamburger SV), Sami Khedira, Christian Träsch (beide VfB Stuttgart), Toni Kroos (Bayer Leverkusen), Bastian Schweinsteiger (Bayern München) - nur für Malta: Kevin Großkreutz (Borussia Dortmund), Marco Reus (Borussia Mönchengladbach)

Angriff: Cacau (VfB Stuttgart), Mario Gomez, Miroslav Klose, Thomas Müller (alle Bayern München), Stefan Kießling (Bayer Leverkusen), Lukas Podolski (1. FC Köln)

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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