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Fußball-Nationalmannschaft Adlers schmerzhafte Einsicht

05.05.2010 ·  Nach der Absage von René Adler für die WM in Südafrika streiten sich zwei Kandidaten um den Platz zwischen den Pfosten: Manuel Neuer und Tim Wiese. Ein Problem haben sie gemeinsam: Sie sind unerfahren und haben jeweils nur zwei Länderspiel-Einsätze vorzuweisen.

Von Michael Horeni, Berlin
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Die deutsche Nationalmannschaft wird mit dem international unerfahrensten Torhüter ihrer Geschichte bei der Fußball-Weltmeisterschaft antreten. Nachdem der Leverkusener René Adler am Dienstag wegen einer hartnäckigen Rippenverletzung, die nun doch eine Operation notwendig macht, für das Turnier in Südafrika absagte, muss sich Bundestrainer Joachim Löw nun auf eine neue Nummer eins festlegen. Aber ob er sich zusammen mit Torwarttrainer Andreas Köpke für den favorisierten 24 Jahre alten Schalker Manuel Neuer oder für den 28 Jahre alten Bremer Tim Wiese entscheidet - über große Länderspielerfahrung verfügt keiner der beiden Kandidaten.

Neuer und Wiese haben bisher erst jeweils zwei Einsätze für die Nationalmannschaft bestritten: Neuer absolvierte nur eine Partie über die volle Distanz und wurde einmal eingewechselt - macht zusammen 135 Minuten. Wiese bestritt noch gar kein Länderspiel über die volle Distanz, sondern wurde einmal zur Halbzeit ein- und einmal ausgewechselt, womit er insgesamt auf nur 90 Länderspielminuten kommt.

Adler rief am Dienstagmorgen den Bundestrainer an und teilte ihm seine Absage mit. Bis zuletzt hatte der Leverkusener gehofft und auch damit gerechnet, fit genug für die WM zu sein, nachdem er sich am 17. April eine Rippe gebrochen hatte. Am Samstag, nur zwei Wochen später, stand Adler gegen Hertha BSC schon wieder im Tor - ohne offensichtliche Beschwerden. Adler spielte mit einem Brustpanzer und bot eine starke Leistung. Aber er litt, ohne dass es die Öffentlichkeit bemerkte, unter „extremen Schmerzen“, wie der Leverkusener Sportdirektor Rudi Völler sagte.

Dunkler Schatten über der Torwartfrage

„Das war die schwierigste Entscheidung meines Lebens. Aber es wäre mir selbst, meinem Verein und der Nationalmannschaft gegenüber letztlich unverantwortlich gewesen, an der WM teilzunehmen“, sagte Adler nach seinem Verzicht. Er ließ sich vor der überraschenden Absage von Nationalmannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt untersuchen, wobei aus medizinischer Sicht eine WM-Teilnahme nicht definitiv ausgeschlossen gewesen wäre, wie Adler indirekt andeutete. „Doch die Schmerzen sind so erheblich, dass ich auf Dauer sowohl im Training als auch in den Spielen keine Bestleistung hätte bringen können. In einem derart langen und intensiven Turnier aber ist das unerlässlich. Da braucht es topfitte Spieler.“ Nach dem Berlin-Spiel habe er einsehen müssen, dass eine WM-Teilnahme nicht sinnvoll sei.

„Natürlich tut es uns sehr leid, dass René nun doch operiert werden muss und somit für die Weltmeisterschaft ausfällt. Wir werden nun im Trainerteam gemeinsam darüber beraten, wer als weiterer Torhüter mit nach Südafrika fährt, und dies am Donnerstag bekanntgeben“, sagte der Bundestrainer über die vorerst letzte Wendung in der deutschen Torwartfrage, über der ohnehin schon lange ein dunkler Schatten liegt. Adler war erst im vergangenen Oktober zur Nummer eins aufgestiegen, nachdem Robert Enke wegen seiner damals noch nicht bekannten Depression für die entscheidenden WM-Qualifikationsspiele in Russland und gegen Finnland ausgefallen war. Wenige Wochen später nahm sich Enke das Leben.

Wiese gibt sich zurückhaltend

Für Neuer spricht neben einer starken Saison in Schalke, wenngleich mit Patzern in der Endphase, auch seine ausgezeichnete Leistung bei der U-21-Europameisterschaft im vergangenen Sommer. Das Team gewann den Titel, und für viele Experten war Neuer zu diesem Zeitpunkt schon die kommende Nummer eins im deutschen Tor. Die Absage von Adler sei „ein leichter Schock“ für ihn gewesen, sagte Neuer nun: „Man wartet ja als Spieler nicht darauf, dass sich ein anderer verletzt. Es ist für mich ein bisschen komisch, damit umzugehen. Wer die Nummer eins ist, wird der Bundestrainer entscheiden.“

Der Konkurrenzkampf mit Adler war immer knapp, die Leistungsunterschiede zwischen dem Leverkusener und seinen Schalker und Bremer Konkurrenten immer gering. Wiese überzeugte in dieser Spielzeit durch souveräne Auftritte in Bremen und gab sich jetzt betont zurückhaltend. „Für René tut es mir leid. Ich weiß aber nicht, was das für mich jetzt bedeutet. Das muss der Trainer entscheiden. Ich habe immer meine Leistung gezeigt.“

Dankbarer Butt oder ehrgeiziger Ersatztorhüter?

Hoffnungen macht sich auch wieder Jens Lehmann, der zuletzt oft genug mitteilte, dass er die deutschen Torhüter für zu unerfahren hält und sich mit 40 Jahren und 61 Länderspielen in Südafrika gerne noch einmal zur Verfügung stellen würde. Aber Löw und Köpke haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie Lehmanns Zeit im Nationalteam längst für abgelaufen halten.

Als neue Nummer drei wird nun vor allem der 36 Jahre alte Bayern-Torhüter Hans-Jörg Butt ins Spiel gebracht, der schon bei der WM 2002 dabei war und damals hinter Kahn und Lehmann nicht das Betriebsklima störte. Bei Borussia Dortmund fänden sie es aber sportlich viel gerechter, wenn Roman Weidenfeller, der eine auffälligere Saison als Butt absolvierte, dabei wäre. Aber weil schon Wiese nicht als einfacher Charakter gilt, würde es kaum überraschen, wenn der Bundestrainer lieber einen dankbaren Butt als noch einen weiteren ehrgeizigen Ersatztorhüter mit auf Reise nimmt.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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