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Fußball-Kommentar Maßlose Eingebung

 ·  Nun soll in der Debatte um Gewalt im Stadion der „Sicherheits-Euro“ helfen. Aber auch dieser Vorschlag wird der Situation nicht gerecht. Es kann nicht sein, dass Fußballfans pauschal kriminalisiert werden. Etwas Gutes haben die Hardliner aus der Politik jedoch geleistet.

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© dapd Vergrößern Volker Bouffier fordert den „Sicherheits-Euro“ vom Fußballfan

Jetzt meldet sich auch noch der hessische Ministerpräsident zu Wort: Volker Bouffier (CDU) fordert den „Sicherheits-Euro“. Den soll jeder Fußballfan beim Erwerb einer Eintrittskarte zuzahlen, sozusagen einen Solidarzuschlag. Das würde jährlich 13 Millionen Euro bringen und den Steuerzahler entlasten, der ohnehin 100 Millionen Euro im Jahr für die Stadionsicherheit aufzubringen habe.

Als wenn Stadionbesucher keine Steuerzahler wären. Als wenn jeder Schlachtenbummler ein potentieller Unsicherheitsfaktor wäre, der gerechterweise geschröpft gehört für den Unsinn, den er tun könnte. Aber so ist es nicht. Nicht einmal ein Prozent der Stadionbesucher gelten nach Expertenangaben als gewaltbereit, und noch nicht einmal zehn Prozent gehören den organisierten Fankurven an, in denen auch nur manche Unbelehrbare Bengalos abbrennen. Wieso also eine Doppelbesteuerung für Stadionbesucher?

Bouffier reiht sich in die Riege der Politiker ein, die mit griffigen Formulierungen versuchen, aus dem Sicherheitsproblem im Fußball für sich Kapital zu schlagen. Je nach Eingebung (oder Umfrageergebnis?) verleihen sie sich ein Profil als Law-and-Order-Verfechter oder als Sozialarbeiter. Was wurde nicht alles schon vorgeschlagen: Nacktscanner, Abschaffung der Stehplätze, radikale Erhöhung der Strafen, Schnellgerichte.

Aber all die Vorschläge werden der Situation nicht gerecht. Denn viele Experten widersprechen den Horrorszenarien, die von deutschen Stadien gemalt werden - sie sagen, es gebe keine Eskalation der Gewalt. Statistiken, die das Gegenteil belegen, werden mit dem Hinweis gekontert, dass die verbesserte Videoüberwachung den Nachweis von Straftaten erleichtere und somit auch mehr Verfahren eingeleitet würden und dass viele Verletzungen durch den Einsatz von Pfeffergas von Seiten der Polizei geschähen.

Immerhin wird wieder mehr kommuniziert

Wie dem auch sei, jede Gewaltanwendung ist zu viel und jeder Fortschritt in Sicherheitsfragen wünschenswert. Nur muss Maß gehalten werden. Es kann nicht sein, dass Fußballfans pauschal kriminalisiert werden.

Etwas Gutes haben die Hardliner aus der Politik jedoch geleistet. Die Fußballfunktionäre und die organisierten Fans, sogar Mitglieder der Ultras, kommunizieren miteinander so viel wie noch nie. Die Gesprächskultur ist zwar noch verbesserungswürdig, aber ein Anfang ist gemacht - die Chance auf tragfähige Lösungen erscheint deutlich verbessert. Ein erstes kleines Zeichen der Verbesserung: Es werden in den Fankurven der Heimmannschaften kaum noch Bengalos abgebrannt, weil die Anhänger ihrem Verein nicht schaden wollen. Das war vor Monaten noch anders. Jetzt muss noch in den Gästeblocks Vernunft einkehren.

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05.12.2012, 08:16 Uhr

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