http://www.faz.net/-gtm-73swq

Fußball-Kommentar : Lieber noch eine Denkpause

Die Diskussionen über die Sicherheit in deutschen Stadien reißt nicht ab Bild: dpa

Es wäre keine Überraschung, wenn die endgültige Entscheidung der DFL über das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ vertagt würde. Eine Denkpause ist dringend nötig. Denn mit dem vorgestellten Konzept schafft sich der Fußball ein noch größeres Problem.

          Am Montag hat die Sicherheitskommission der Deutschen Fußball Liga (DFL) getagt, um die Reaktionen der 36 Profivereine auf ihr neues Sicherheitskonzept zu begutachten. Das Ergebnis ist für den Verband ernüchternd - man könnte aber auch sagen, es ist eine Ohrfeige.

          Fünf Klubs haben den Vorschlag von oben rundweg abgelehnt, aber nicht nur bei Wolfsburg, Düsseldorf, Union Berlin, St. Pauli und Hertha BSC haben die ultimativen Vorschläge aus der Frankfurter Verbandszentrale für Unmut und Unverständnis gesorgt.

          Die Wolfsburger zerreißen das Konzept gar als „rechtlich bedenklich, unverhältnismäßig, praxisfern und damit nicht zielführend“. Es wäre daher keine Überraschung, wenn die endgültige Entscheidung der DFL über das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ vertagt würde. Eine Denkpause ist dringend nötig.

          Es sind grundsätzliche Fragen, die in diesen Tagen im deutschen Fußball verhandelt werden, wenn es um die Sicherheit im Stadion geht. Aber die größte Schwäche dieser notwendigen Diskussion ist längst offensichtlich: Die Fans, um die es geht, sind daran nicht beteiligt, sie stehen vor verschlossenen Verbandstüren.

          Es ist in diesem Jahr schon die zweite verpasste Gelegenheit der beiden Fußballverbände, den Dialog mit ihren Anhängern zu führen. Zunächst ließen DFL und Deutscher Fußball-Bund (DFB) die Gespräche über Pyrotechnik mit einem großen Knall platzen. Nun befindet sich kein einziger Vertreter der Fans in der Kommission, die sich ausschließlich mit dem Verhalten von Zuschauern sowie möglichen Maßnahmen und Sanktionen befasst.

          „Geredet ist genug. Jetzt müssen Taten folgen“

          Die Verbände stehen unter dem Druck der Politik. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Lorenz Caffier, hat nach den Ausschreitungen im Revierderby noch mal nachgelegt: „Geredet ist genug. Jetzt müssen Taten folgen. Das gilt auch für die Fußballverbände.“

          Union Berlin kritisierte bei seiner Ablehnung auch, dass die Verbände sich „vermeintlich einfachen Lösungen aus der Politik“ nicht entgegenstellten. Zudem würden DFB und DFL einer „offenkundigen Fehleinschätzung gegenwärtiger Tendenzen“ der aktuellen Situation in den Stadien unterliegen - und so zu falschen Schlussfolgerungen kommen.

          Verhältnismäßiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte?

          Das Konzept, das aus einem Runden Tisch der beiden Verbände sowie des Bundesinnenministeriums erwuchs, stößt auch inhaltlich auf Skepsis. Besonders heikel könnte die Sache werden, wenn künftig das sogenannte Stadionhandbuch ganz konkret als „Rechtsgrundlage“ im Umgang mit Zuschauern dient. Es geht dann um nicht weniger als die Frage nach dem Gewaltmonopol des Staates.

          So ist in dem Konzept von „Vollkontrollen“ die Rede, bei denen sich die Zuschauer in Containern von privaten Sicherheitsdiensten untersuchen lassen müssten, „zügig und ohne unverhältnismäßigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“. Aber was soll, bitte schön, ein verhältnismäßiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte in einem Fußballstadion sein? Der Fußball hat unbestreitbar mit einigen Fans ein Problem - aber mit diesem Konzept ist er drauf und dran, sich ein noch größeres zu schaffen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Topmeldungen

          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?
          Kortison unterdrückt das Immunsystem. Aber nicht nur das kann zu Komplikationen führen.

          Zweifelhaftes Kortison : Fatale Spritzen

          Wenn der Rücken schmerzt oder das Knie zwickt, verabreichen Ärzte gern Kortison. Auch die Patienten glauben, das hilft. Doch oft stimmt das nicht, und es kann sogar ziemlich ernste Folgen haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.