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Fußball-Kommentar Lieber noch eine Denkpause

Es wäre keine Überraschung, wenn die endgültige Entscheidung der DFL über das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ vertagt würde. Eine Denkpause ist dringend nötig. Denn mit dem vorgestellten Konzept schafft sich der Fußball ein noch größeres Problem.

© dpa Vergrößern Die Diskussionen über die Sicherheit in deutschen Stadien reißt nicht ab

Am Montag hat die Sicherheitskommission der Deutschen Fußball Liga (DFL) getagt, um die Reaktionen der 36 Profivereine auf ihr neues Sicherheitskonzept zu begutachten. Das Ergebnis ist für den Verband ernüchternd - man könnte aber auch sagen, es ist eine Ohrfeige.

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Fünf Klubs haben den Vorschlag von oben rundweg abgelehnt, aber nicht nur bei Wolfsburg, Düsseldorf, Union Berlin, St. Pauli und Hertha BSC haben die ultimativen Vorschläge aus der Frankfurter Verbandszentrale für Unmut und Unverständnis gesorgt.

Die Wolfsburger zerreißen das Konzept gar als „rechtlich bedenklich, unverhältnismäßig, praxisfern und damit nicht zielführend“. Es wäre daher keine Überraschung, wenn die endgültige Entscheidung der DFL über das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ vertagt würde. Eine Denkpause ist dringend nötig.

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Es sind grundsätzliche Fragen, die in diesen Tagen im deutschen Fußball verhandelt werden, wenn es um die Sicherheit im Stadion geht. Aber die größte Schwäche dieser notwendigen Diskussion ist längst offensichtlich: Die Fans, um die es geht, sind daran nicht beteiligt, sie stehen vor verschlossenen Verbandstüren.

Es ist in diesem Jahr schon die zweite verpasste Gelegenheit der beiden Fußballverbände, den Dialog mit ihren Anhängern zu führen. Zunächst ließen DFL und Deutscher Fußball-Bund (DFB) die Gespräche über Pyrotechnik mit einem großen Knall platzen. Nun befindet sich kein einziger Vertreter der Fans in der Kommission, die sich ausschließlich mit dem Verhalten von Zuschauern sowie möglichen Maßnahmen und Sanktionen befasst.

„Geredet ist genug. Jetzt müssen Taten folgen“

Die Verbände stehen unter dem Druck der Politik. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Lorenz Caffier, hat nach den Ausschreitungen im Revierderby noch mal nachgelegt: „Geredet ist genug. Jetzt müssen Taten folgen. Das gilt auch für die Fußballverbände.“

Union Berlin kritisierte bei seiner Ablehnung auch, dass die Verbände sich „vermeintlich einfachen Lösungen aus der Politik“ nicht entgegenstellten. Zudem würden DFB und DFL einer „offenkundigen Fehleinschätzung gegenwärtiger Tendenzen“ der aktuellen Situation in den Stadien unterliegen - und so zu falschen Schlussfolgerungen kommen.

Verhältnismäßiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte?

Das Konzept, das aus einem Runden Tisch der beiden Verbände sowie des Bundesinnenministeriums erwuchs, stößt auch inhaltlich auf Skepsis. Besonders heikel könnte die Sache werden, wenn künftig das sogenannte Stadionhandbuch ganz konkret als „Rechtsgrundlage“ im Umgang mit Zuschauern dient. Es geht dann um nicht weniger als die Frage nach dem Gewaltmonopol des Staates.

So ist in dem Konzept von „Vollkontrollen“ die Rede, bei denen sich die Zuschauer in Containern von privaten Sicherheitsdiensten untersuchen lassen müssten, „zügig und ohne unverhältnismäßigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“. Aber was soll, bitte schön, ein verhältnismäßiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte in einem Fußballstadion sein? Der Fußball hat unbestreitbar mit einigen Fans ein Problem - aber mit diesem Konzept ist er drauf und dran, sich ein noch größeres zu schaffen.

Quelle: F.A.Z.

 
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