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Fußball-Kommentar Der neue Stil der Hertha

 ·  Die an Peinlichkeiten nicht arme Bundesliga ist um eine Posse reicher. Beim Sturz von Trainer Babbel führen die Berliner Macher ein Lehrstück an Stillosigkeit auf: Klasse kann eben man nicht kaufen.

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Eine gelungene Posse lebt von herrlichen und ganz und gar unwahrscheinlichen Übertreibungen, und dass sich Berlin für solche Stücke als Bühne ganz hervorragend eignet, hat auch der ortsansässige Fußball-Bundesligaklub begriffen. Die Scheidung von Trainer Markus Babbel und Hertha BSC nimmt in den an Absurditäten und Kuriositäten nicht gerade armen Trainertrennungsgeschichten der Bundesliga einen Spitzenplatz ein. Schon lange hat kein Klub mehr in der Branche und beim Publikum so viele Köpfe zum Schütteln gebracht wie die Hertha bei diesem Zerwürfnis aus dem Nichts.

Eine herausragende Posse, die nun in Berlin zwar nicht uraufgeführt, aber unter beachtlicher Anteilnahme erst in der Hauptstadt und zuletzt auch bundesweit ihr furioses Finale fand, erkennt man nicht zuletzt daran, dass man sich am Ende des Tohuwabohus ratlos fragt: Wo, bitte, lag eigentlich das Problem? Trainer Babbel wollte seinen Vertrag nicht über den Sommer 2012 verlängern. Das war eigentlich alles. Lachhaft, aber nun musste er am Sonntag nach einem Lehrstück für kommunikatives Krisendesign noch vor der Weihnachtsfeier gehen. Zurück bleibt ein Aufsteiger, der unter Babbel mit seinen Gegnern auf dem Platz viel besser zurechtgekommen ist als am Ende mit sich selbst.

Babbel nimmt neben der Zweitliga-Meisterschaft im Sommer nur noch den ihm von Präsident Werner Gegenbauer verliehenen Titel des Barons von Münchhausen mit in seine bayerische Heimat. Der Münchhausen wird in Babbels Biographie zwar schneller verblassen als sein Hertha-Tattoo auf dem Oberarm, aber eine Zierde für seine Arbeit in Berlin ist es nicht.

Die Hertha mit Präsident Gegenbauer und Manager Michael Preetz, die vor zweieinhalb Jahren zusammen angetreten waren, um aus dem Ein-Mann-Klub von Dieter Hoeneß einen Verein mehr im Stil der Hauptstadt zu formen, müssen sich fragen lassen, ob sie zum Abschied nur Rosenkriege können. Erst musste der allzu prägende Manager nach zwölf Jahren stillos Abschied nehmen, und auch Trainer Lucien Favre, der nun in Mönchengladbach seine Fähigkeiten eindrucksvoll beweist, drohte der Hertha nach seiner Entlassung mit Klage, weil man ihm vereinsschädigendes Verhalten vorgeworfen hatte. Am Ende einigten sich die Parteien, die wenige Monate zuvor zusammen kurz vor der Meisterschaft standen, erst in einem Schiedsgerichtsverfahren.

Auch im aktuellen Fall Babbel ist die Zerrüttung unter gegenseitigen öffentlichen Bezichtigungen der Lüge so fortgeschritten, dass Manager Preetz ein juristisches Nachspiel nicht ausschließt. Die Hertha scheint dabei zu übersehen, dass die Reputation eines Klubs nicht durch nette Worte bei der Einstellung eines Trainers oder auf der Weihnachtsfeier entsteht. Den Stil des Hauses erkennt man in der Krise oder wenn wichtige Beziehungen in die Brüche gehen. Und dabei gilt, ganz anders als auf dem Fußballplatz: Klasse kann man nicht kaufen.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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