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Fußball-Innenverteidiger Vom Mitläufer zum Spielentscheider

13.01.2010 ·  Tore, Tempo, Taktik: Eine neue Generation von spielstarken Abwehrspielern wächst heran. Die Innenverteidiger gehen in die Offensive. Bei ruhenden Bällen kommen sie nach vorne und nutzen die Unordnung. Klassische Spielmacher gibt es kaum noch.

Von Michael Wittershagen
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So richtig glauben kann er noch immer nicht, was in der Vorrunde passiert ist. „Die Bälle kommen, ich stehe da, und dann gehen die Dinger rein“, sagt Roel Brouwers und schweigt einen Moment. „Das kann man nicht erklären.“ Fünf Tore hat der 28 Jahre alte Innenverteidiger von Borussia Mönchengladbach bisher in dieser Bundesliga-Saison erzielt - mehr als jeder seiner Teamkollegen. Brouwers steht für einen Trend, der sich im Fußball abzeichnet. „Innenverteidiger sind längst nicht mehr nur Mitläufer und Balleroberer“, sagt Spielanalytiker Christofer Clemens von der Firma Mastercoach. „Sie sind zu Mitgestaltern und Spielentscheidern geworden.“

Am letzten Spieltag vor der Winterpause wurde dies überall in der Republik deutlich. Sieben von 33 Treffern erzielten jene, die eigentlich für die Gefahrenabwehr zuständig sind. Bei ruhenden Bällen kommen sie nach vorne und nutzen dort die Unordnung. Brouwers hat so vier seiner Tore gemacht. Stets wurde der Ball scharf in den Strafraum geschlagen, und der Gegner wehrte den ersten Versuch ab. Als ein Mönchengladbacher dann aber an der Außenlinie schon wieder einen Abnehmer für die zweite Flanke suchte, schlich Brouwers sich von seinem Gegenspieler weg - und traf kurz danach. „Du musst die Lücke finden, musst es ausnutzen, wenn die anderen schon wieder rausrücken.“

Das Gespür dafür hat der Niederländer in der Jugend entwickelt, als er noch im Angriff auflief. Genau wie etwa der Münchner Daniel van Buyten, der als Stürmer in der zweiten Mannschaft bei Sporting Charleroi einmal 36 Mal in einer Saison getroffen hat. Kurz danach wurde er zu den Profis beordert und zum Innenverteidiger umfunktioniert.

Der Innenverteidiger ist die neue Nummer 10

Trainer schätzen Spieler wie ihn, weil Standardsituationen im modernen Fußball immer entscheidender werden. Rund ein Drittel der Tore bei Welt- und Europameisterschaften resultieren aus einem Freistoß oder einem Eckball. In der Bundesliga ist das Verhältnis ähnlich. „Defensiv kann mittlerweile sogar San Marino eine Halbzeit lang organisiert stehen“, sagt Spielanalytiker Clemens. „Da braucht es andere Mittel, um eine Mannschaft aus der Balance zu bringen.“ Die körperliche Überlegenheit der Verteidiger etwa. „Das wird vom Trainer verlangt, dass ich nach vorne gehe. Und wenn ich erfolgreich bin, sind das Fußballergefühle, die ich so noch gar nicht kannte“, sagt der Frankfurter Maik Franz, der ebenfalls schon fünf Treffer erzielt hat.

Klassische Spielmacher wie einst Netzer, Overath oder Häßler gibt es kaum noch, die Ideen gehen seit Jahren von Profis im defensiven Mittelfeld aus. Xavi oder Iniesta beim FC Barcelona beherrschen dies nahezu in Perfektion. Und der Spielaufbau verlagert sich immer weiter nach hinten. Matthias Sammer, der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes, sagt sogar: „Heute ist der Innenverteidiger wegen der unglaublich hohen Anforderungen die neue Nummer 10.“ Vergangen jene Zeit, als die Profis noch Manndecker hießen und genau das zu tun hatten.

Konzentration auf die Kernaufgabe

Heute geht es nicht mehr nur um das Kompromisslose, die Verteidiger müssen schnell und technisch beschlagen sein, um das Spiel der eigenen Mannschaft nach einer Balleroberung schnell wieder zu beschleunigen. Innenverteidiger sind Teil des vertikalen Spiels, das Trainer fordern. Pässe nach vorne, nach Möglichkeit zwischen die beiden Viererketten des Gegners, um Druck auf den Strafraum auszuüben. Diese Spielphilosophie indes braucht andere Typen als Brouwers, Franz oder van Buyten, die sich vor allem rustikal durch ein Spiel kämpfen. Serdar Tasci (VfB Stuttgart), Per Mertesacker (Werder Bremen), Pedro Geromel (1. FC Köln) oder auch Jerome Boateng (Hamburger SV) stehen für die neue Generation von spielstarken Innenverteidigern.

Dass aber auch Brouwers und Co. ob ihrer Torgefahr gefragt und begehrt sind, hat van Buyten kürzlich mit zwei Sätzen klargestellt. „Mein Berater hat mir gesagt, dass sein Telefon jetzt häufiger klingelt. Schon gegen AC Milan habe ich zwei Tore gemacht, da wird man in Italien natürlich aufmerksam.“ Am Saisonende läuft sein Vertrag bei den Bayern aus. Glaubt man aber Spielanalytiker Clemens, dann werden die Zuschauer ohnehin schon bald ganz andere Spieler als Innenverteidiger sehen. „Fabregas“, sagt er. „Ich kann mir gut vorstellen, dass so jemand in drei Jahren nach hinten rückt.“ Der kleiner Spanier vom FC Arsenal also, der bisher eher mit brillanten Ideen in der Offensive aufgefallen ist. Clemens denkt an eine Entwicklung ähnlich wie auf den Außenverteidigerpositionen. Auch dort spielen nun Männer wie Patrice Evra (Manchester United), die einst für die Abteilung Attacke zuständig waren.

Der Mönchengladbacher Brouwers aber muss sicher nicht um seinen Job fürchten, sagt sein Trainer Michael Frontzeck doch: „Abwehrspieler sollten sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren: verteidigen.“

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