31.10.2007 · Der Bremer Ivan Klasnic kehrt als erster Bundesligaprofi mit Spenderniere an seinen Arbeitsplatz zurück: erfolgreich im Kampf gegen sich selbst und seinen früheren Klub FC St. Pauli. Von Sebastian Stiekel.
Von Sebastian Stiekel, BremenNormalerweise werden solche Spiele selbst zur Geschichte: Eine Drittliga-Mannschaft verliert zwei Spieler durch Platzverweis und einen mit einer klaffenden Oberschenkelwunde – und wirft trotzdem einen Profiklub verdientermaßen aus dem Pokalwettbewerb: 4:2 im Elfmeterschießen, nachdem es nach neunzig und 120 Minuten 2:2 gestanden hatte.
Bei der Pokalbegegnung von Werder Bremen II gegen das Zweitligateam des FC St. Pauli blieb diese Dramaturgie eine Randnotiz. Schließlich wird nach solchen Spielen normalerweise der Trainer des Siegers umringt, aber als Thomas Wolter diesmal ein Interview gab, standen ein Kameramann bei ihm und eine Fragestellerin, während fünfzig andere Journalisten längst Ivan Klasnic zuhörten, der sagte, dass er hätte weinen können, „wenn ich nicht auf dem Platz gewesen wäre“.
Das Unglaubliche wurde wahr
Es drehte sich alles um Ivan Klasnic bei diesem Spiel. Er gab eine eigene Pressekonferenz vor der eigentlichen Pressekonferenz, und nachdem bekanntgeworden war, dass er spielen würde, kamen 6000 Zuschauer mehr, als am Vortag noch zu erwarten waren. Der Bremer „Weser-Kurier“ titelte: „Das Unglaubliche wird wahr“.
Klasnic ist der erste Fußballprofi, der ein Pflichtspiel mit einer Spenderniere bestritten hat. Er ist zunächst für Werders Reserve auf den Platz zurückgekehrt, nachdem er in den vergangenen zehn Monaten zweimal auf dem Operationstisch gelegen und danach Woche für Woche in der Reha zugebracht hatte. „Das war ein komisches Gefühl“, sagte Klasnic. „Es hat beim Einlaufen ganz schön gekribbelt.“
„Es ist wie ein Kreis“
Es hat bis zum Ende des Spiels auch nicht aufgehört zu kribbeln. Nach jeder Aktion von ihm brüllten 15.000 „Ivan, Ivan“, und das Gebrüll kam dabei aus allen Ecken des Stadions. Klasnics Comeback fand nicht gegen irgendeinen Verein statt, sondern gegen den FC St. Pauli, bei dem er als Fußballer sozusagen groß geworden ist. Die Fans der Hamburger, 10.000 an der Zahl, hatten nicht viel zu feiern während dieses Spiels, aber als Ivan Klasnic in der 67. Minute ausgewechselt wurde, bejubelten sie ihn, als hätte ihr Klub gerade das Siegtor erzielt. „Es ist wie ein Kreis“, sagte der Kroate, „ich habe bei St. Pauli angefangen als Profi und bin als neugeborener Fußballer gegen St. Pauli zurückgekehrt.“
Sogar dass Klasnic mit neuer Niere zumindest auf dem Weg zu alter Stärke ist, war andeutungsweise zu sehen. Das 1:1 für Werder II durch Schindler (30.) leitete er genauso ein wie das 2:1 durch Harnik (60.). Der verwandelte später auch den letzten Elfmeter und machte damit hinfällig, dass St. Pauli in der regulären Spielzeit durch Rothenbach (22.) und Kuru (82.) ebenfalls getroffen hatte. Ansonsten war vom „neuen Klasnic“ zu sehen, was man vom „alten“ noch kennt: Die meiste Laufarbeit überließ er den anderen, aber dafür macht ihm beim Dribbling und bei der Ballbehandlung nach zehn Monaten Pause schon wieder kaum jemand etwas vor.
Hält sein Körper der Belastung stand?
Gemeinsam mit Profitrainer Thomas Schaaf hatte Wolter am Vortag entschieden, Klasnic spielen zu lassen. Beide sagten: „Wir wollen ihn wieder heranführen an den Profifußball, und da macht es keinen Sinn, ihn draußen zu lassen.“ Erst am 27. September war er ins Training der Werder-Profis zurückgekehrt, wo man laut Schaaf „keinen Unterschied mehr sieht“ zu den anderen. „Er ist absolut fit“, bestätigt Wolter, er sieht schmal aus und drahtig, und vor einer Woche bestritt Klasnic deshalb mit Werder II schon ein Testspiel beim Kreisliga-Verein Wüsting-Altmoorhausen.
„Es ist ein Wunder, dass er wieder da ist“, meint sein Kollege Per Mertesacker, aber alle Fragen, die sich bei Ivan Klasnic aufdrängen, konnte auch sein Comeback längst nicht beantworten. Hält sein Körper der Belastung des Profifußballs dauerhaft stand? Wie groß ist das Risiko, dass die neue Niere geschädigt wird, wenn sie im Zweikampf einen Schlag abbekommt? Schutz bieten Klasnics Bauchmuskeln und ein Sicherheitsgurt, aber das größte Problem ist, dass in seinem Fall niemand so etwas wie Erfahrungswerte besitzt.
Niemand hatte daran geglaubt - außer Klasnic
Werder hat Klasnic in den vergangenen Wochen untersuchen lassen wie keinen anderen Spieler – zu seinem eigenen Schutz und um im Fall eines Rückschlags nicht dafür haften zu müssen. Dieses Geduldsspiel wurde schon zur Zerreißprobe zwischen Verein und Spieler, und das in einer Geschichte, die eigentlich so märchenhafte Züge trägt wie keine vor ihr in der Bundesliga. Immer wieder preschte Klasnic mit Äußerungen darüber vor, wann er wieder ins Training oder in den Kader zurückkehren wolle. Jedes Mal musste Werder ihn dann zurückpfeifen, weil die Haftungsfrage nicht geklärt war.
Der Ton wurde zusehends genervter auf beiden Seiten, aber das ist mit dem Spiel gegen St. Pauli vorbei. „Wir freuen uns, dass Ivan wieder da ist“, sagt Sportchef Klaus Allofs. Was er nicht sagt: Niemand innerhalb und außerhalb des Vereins hatte je damit gerechnet. Niemand außer Klasnic selbst.
„Ich habe immer daran geglaubt“, sagte er nach seinem Comeback. Wann er in die Bundesliga zurückkehrt, liegt nun an den weiteren Eindrücken, die er macht, und an Trainer Thomas Schaaf. Ob er noch Angst verspüre, dass ihm etwas passieren könne auf dem Platz, wurde Ivan Klasnic gefragt. Er sagte nur: „Nö.“ Was seine Antworten angeht, ist er schon wieder ganz der Alte.
Der Bremer kehrt als
erster Bundesligaprofi
mit Spenderniere an
seinen Arbeitsplatz zurück: erfolgreich im
Kampf gegen sich selbst
und seinen früheren
Klub FC St. Pauli.
Von Sebastian Stiekel
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |