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Fußball Das Land der Schiedsrichter

17.02.2009 ·  Vom Buhmann zum Weltenbummler: Deutsche Unparteiische sind überall begehrt. Ihr Job ist lukrativ und voller Aufstiegschancen. Schiedsrichter-Folklore der Marke Ahlenfelder ist Vergangenheit

Von Michael Eder
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„Wenn man in Bremen einen Ahlenfelder bestellt, bekommt man noch heute ein Pils und einen Malteser“, sagt Wolf-Dieter Ahlenfelder, und das liegt daran, dass er vor 30 Jahren als Schiedsrichter die Bundesligapartie zwischen Bremen und Hannover schon nach 29 Minuten abgepfiffen hat. Ahlenfelder hatte einen über den Durst getrunken und war mit der Uhrzeit etwas durcheinandergekommen. Der Karriere des Oberhauseners hat die hochprozentige Episode nicht geschadet, 1984 ist er „Schiedsrichter des Jahres“ geworden. Mit 24 Mark Tagesspesen hat Ahlenfelder angefangen, mit 72 Mark aufgehört - er habe „einen verdammten Scheißjahrgang erwischt“, sagt er. Ahlenfelder ist ein Mann, der für die alten Zeiten steht: „Wenn wir gepfiffen haben, war Friede, Freude, Eierkuchen.“

Das ist lange her. Schiedsrichter-Folklore der Marke Ahlenfelder ist Vergangenheit. Heute bekommt ein Bundesliga-Schiedsrichter 3600 Euro pro Einsatz, und er hat in den vergangenen Jahren nicht nur finanziell Karriere gemacht. Der Schiedsrichter des Jahrgangs 2009 ist ein Profi, auch wenn er meist noch einem „normalen“ Beruf nachgeht, er ist ein gutbezahlter, gut ausgebildeter Hauptdarsteller des Fußballs. „Wir haben uns dem schnelleren Spiel und der Taktik anpassen müssen“, sagt Herbert Fandel, der international am höchsten eingestufte deutsche Schiedsrichter. „Wir trainieren heute vier-, fünfmal die Woche, das ist ein Hochleistungssport geworden.“

„Die Schiedsrichterei ist eine Persönlichkeitsschule“

Die Schiedsrichter haben vorweggenommen, was in den Vereinen erst zäh und allmählich in die Gänge kommt: das stete Bemühen, die eigene Leistung, die eigene Arbeit zu hinterfragen, Konzepte zu optimieren, ungewöhnliche Wege zu gehen und auch die Nachwuchsförderung konsequent zu betreiben. Bei den Schiedsrichtern ist es seit Jahren üblich, Leistungen scharf zu analysieren. Spiele werden per Video nachbehandelt, und selbst Partien, in denen dem Unparteiischen offenbar keine Fehler unterlaufen sind, werden akribisch seziert. „Man findet immer etwas, was man besser machen könnte“, sagt Florian Meyer, einer der deutschen Top-Schiedsrichter.

Meyer hat mit 14 angefangen. „Die Schiedsrichterei ist eine Persönlichkeitsschule“, sagt er, „man muss sich ständig hinterfragen.“ Haben Schiedsrichter einen schlechten Tag, gibt es falsche oder auch nur strittige Entscheidungen, so stehen die Unparteiischen weit mehr im Fokus als Spieler, deren Fehler nur selten öffentlich diskutiert werden. Oft erschöpft sich die Kritik in Klischees. „So etwas würde in England nicht gepfiffen“, heißt es beispielsweise in Endlosschleife. Meyer sagt dazu, es sei „mitnichten so, dass in der Bundesliga kleinlicher gepfiffen wird als auf internationaler Ebene“. Der Unterschied liege nicht bei den Schiedsrichtern, sondern bei den Spielern.

Konfliktlöser und Führungskräfte

In der Bundesliga werde mehr provoziert, gebe es deutlich weniger Respekt zwischen den Spielern als in internationalen Begegnungen. „Dort dreht sich nach einem Foul keiner fünfmal um die eigene Achse“, sagt Meyer, „um Gelb für den Gegner zu provozieren“, deshalb gebe es international mehr Spielfluss, und man könne solche Partien anders leiten. Auch Fandel sieht das so: „Man muss Strafe und Strenge nur dann einsetzen, wenn es Sinn macht, wenn beides notwendig ist, um ein Spiel in der Balance zu halten.“

Fandel und Kollegen verstehen sich nicht als Aufpasser und Schnellrichter auf dem Platz, sondern als Konfliktlöser und Führungskräfte. Schiedsrichter unterschieden sich in vielerlei Hinsicht nicht von Topmanagern, sagt der Münchner Schauspieler und Managertrainer Stefan Spies, der den Unparteiischen bei der vergangenen Schiedsrichtertagung des DFB Unterricht in Körpersprache gab. „Schiedsrichter stehen wie Manager unter unglaublich hohem emotionalem Druck“, sagt er. „Die Situationen, in denen Führungskräfte in der Wirtschaft auftreten, sind aber statischer. Schiedsrichter bewegen sich in einem sehr dynamischen Raum, sie müssen innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen und dabei noch in Kontakt mit Spielern treten, die ihrerseits kraftvolle, dynamische Persönlichkeiten sind - eine ungeheuer schwierige Aufgabe.“

Gastspiele in Südkorea und Saudi-Arabien

Wer sie meistert, und das auf höchstem Niveau, wer es in die Spitze schafft, hat ausgesorgt. Das liegt nicht an den 3600 Euro, die Schiedsrichter pro Bundesligaeinsatz kassieren, sie werden auch zunehmend interessant für die Wirtschaft. Markus Merk zum Beispiel, Weltschiedsrichter a.D., verdient als Referent so ordentlich, dass er seine Zahnarztpraxis längst aufgegeben hat.

Gute Verdienstmöglichkeiten, eine zunehmend anerkannte, anspruchsvolle Aufgabe, dazu „Stars“ wie Merk, Meyer oder Fandel als Vorbilder, außerdem Aussicht auf Aufstieg - das alles hat dafür gesorgt, dass die Schiedsrichterei in Deutschland in den vergangenen Jahren auch für junge Sportler an Reiz gewonnen hat. Rund 80.000 Schiedsrichter stehen in Deutschland jedes Wochenende auf dem Platz, 14.000 sind jünger als 18 Jahre. Bei den Frauen stieg die Zahl von 1531 (2004) auf rund 2200. Das ist ein Zuwachs von 43 Prozent.

Drei deutsche Schiedsrichter in der Top-Gruppe

Aus dieser Breite Spitzenschiedsrichter zu formen, dieses Ziel verfolgt der DFB mit Erfolg. 2004 hatten die deutschen Referees noch 74 Auftritte auf internationaler Ebene, 2008 waren es 110, hinzu kamen 33 Einsätze von deutschen Gespannen bei Meisterschafts- oder Pokalspielen anderer Verbände. Während Fandel bei der Europameisterschaft pfiff, waren Wolfgang Stark und Christine Beck bei den Olympischen Spielen in Peking im Einsatz.

Mit Fandel, Stark und Meyer hat der DFB als einziger Verband drei Schiedsrichter in der Top-Kategorie des europäischen Verbandes Uefa, in der zweiten Gruppe sind mit Knut Kircher und Felix Brych zwei weitere vertreten. Zehn deutsche Schiedsrichter und vier Schiedsrichterinnen dürfen Spiele leiten, die der internationale Verband Fifa veranstaltet. Weitere Gastspiele führten deutsche Schiedsrichter zum Beispiel in die südkoreanische K-League, nach Saudi-Arabien oder an andere exotische Plätze. So leitete Meyer im vergangenen Jahr das tunesische Pokalfinale, Stefan Kammerer das Futsal-Länderspiel Aserbaidschan gegen die Niederlande und Bibiana Steinhaus das Frauen-Länderspiel zwischen Neuseeland und Argentinien in Korea.

Junioren-Ligen als Sprungbrett

Man kommt also herum als deutscher Top-Schiedsrichter. Vom Buhmann zum Weltenbummler - der Job ist attraktiv geworden, und der Nachwuchs sieht seine Chance. Das Durchschnittsalter der Schiedsrichter in der zweiten Liga liegt unter 30 Jahren, in der dritten Liga bei 28 Jahren. Ein wichtiger Baustein der Nachwuchsförderung sind die Bundesligen der A- und B-Junioren. Achtzig Unparteiische zwischen 18 und 27 Jahren sind dort im Einsatz. Die beiden höchsten Junioren-Ligen dienen den Schiedsrichtern als Sprungbrett, hier können sie sich für Einsätze in der dritten Liga empfehlen. Deniz Aytekin, 30 Jahre alt, ist der Erste, der auf dieser Schiene in der Bundesliga angekommen ist. „In ein paar Jahren“, sagt Schiedsrichter-Lehrwart Strigel, „wird es keinen mehr geben, der nicht über die Junioren-Bundesliga kam.“

Neben Deniz Aytekin gelten der 33 Jahre alte promovierte Jurist Brych und die Kempter-Brüder aus Sauldorf in Südbaden als Aufsteiger der vergangenen Jahre. Michael Kempter debütierte 2006 mit 23 Jahren in der Bundesliga, sein 20 Jahre alter Bruder Robert ist seit September 2008 der jüngste Zweitliga-Schiedsrichter in der Geschichte des DFB. Er hat schon mit zwölf Jahren sein erstes Spiel geleitet, einen Ahlenfelder hat er bis heute nicht getrunken.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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