Schauen Sie ruhig mal hin. Tiefer. Noch tiefer. Ja genau, auf die Schuhe des Studiogastes. Wie - der hat keine an? Das war Ihnen noch gar nicht aufgefallen? Dabei ist es in diesem TV-Studio Gesetz. Die Gäste ziehen die Schuhe aus. Alle. „Na ja“, sagt Studiochef Arnd Zeigler, „eine Ausnahme würde ich wohl machen: Uli Hoeneß.“ Nicht etwa, weil Zeigler Bayern-Fan wäre - Gott bewahre. Aber vor Leuten, die ihr Herzblut für einen Verein geben, habe er nun mal Respekt.
Und mit Herzblut ist auch Zeigler dabei. Andere würden ihn wahrscheinlich sogar als fußballverrückt einstufen. Und zwar schon als eher schweren Fall. So jemand eben, der auf Anhieb weiß, dass Stegmayer vier Tore beim 6:1-Sieg des FC Saarbrücken über Bayern München erzielte: „1977 war das.“ Widerspruch zwecklos; genauso gut könnte man die Encyclopedia Britannica anzweifeln. Natürlich wüsste er auch, dass Hannes Nowak von Schalke über Bayern 1968 zu Kickers Offenbach wechselte, aber oft genug verkneift er sich so etwas. Schließlich will er ja nicht als Wissensprotzer dastehen - was er ja auch nicht ist.
Zeigler ist mehr: Er ist Fan und Journalist. Und das beweist er jede Woche: in „Zeiglers wunderbarer Welt des Fußballs“. Sonntags 23.45 Uhr im WDR. Eine der wenigen Live-Sendungen des deutschen Fernsehens. So gut, dass sie in diesem Jahr um ein Haar den Grimme-Preis bekommen hätte. So unterhaltsam, dass man den Macher dahinter für alles halten könnte - bloß nicht für einen Sportmoderator.
„Soll ich noch was sagen? Nee? Auch okay.“
Sein Studio sieht denn auch eher aus wie ein ehemaliges Jugendzimmer, das irgendwie mit seinem Bewohner mitgewachsen ist. Oder würden Sie sich etwa zwei Schreibtischlampen hinstellen, die den Flutlichtmasten von Werder Bremen nachempfunden sind? Und die Panini-Alben? 46 Jahre alt ist Zeigler. Und geschieden. Die besten Voraussetzungen, wenn man übergangslos aus einem Jugendzimmer ein Wohnzimmer machen möchte. Und daraus wiederum ein Fernsehstudio. Untergebracht ist es in einem sogenannten Bremer Haus. Kleiner Vorgarten. Ein paar Stufen hoch. Alles sehr gediegen. An der Klingel ein Zettel: Pakete bitte bei der Apotheke abgeben.
Jede Woche reist ein WDR-Team für die Sendung ins Bremer Steintorviertel. „Ein netter Zug“, findet Arnd Zeigler. Doch dann verrät er auch, dass er den WDR ein klitzekleines bisschen erpresst hat. Oder wie sonst soll man es nennen, wenn sich der Moderator kurzerhand weigert, regelmäßig ins Studio nach Köln zu fahren - weil er einfach genügend Zeit für seinen Sohn haben will? Na klar, dann muss der Sender eben nach Bremen kommen. Das macht der nun schon seit vier Jahren. Und da sitzt er jetzt in Form eines Technikers, einer IT-Fachkraft und eines Redakteurs. Heute ist es Alexander Reker. Der macht auch die Regie, und das Drehbuch ist auch von ihm. Aber was heißt schon Drehbuch in einer Sendung, in der es vor allem auch auf Spontaneität ankommt?
„Wir müssen noch den Einspieler drehen“, mahnt Reker. „Wo denn?“, will Zeigler wissen. „Ich denk, auf der Treppe, das geht schon.“ Klar geht das. Schließlich sind wir hier nicht beim WDR. Sondern bei Zeigler. Und der macht das schon. Irgendwie. „Soll ich noch was sagen? Nee? Auch okay.“ Und wenn mal was schiefgeht? „Ich mach ja hier keine Herzverpflanzung, es geht ja schließlich um Fußball.“
1958? Da war Zeigler nicht mal geboren
Außer auf der Treppe hätte er für die Moderation auch gar keinen Platz gehabt. Denn das Studio ist voll. Rappelvoll. Hier müssen jede Menge Devotionalien untergebracht werden. Tip und Tap zum Beispiel. Das waren die Maskottchen der Weltmeisterschaft 1974. Zeigler bemerkt den Blick des Besuchers. Etwas später verrät er ihm, dass es Maskottchen sogar schon für die WM 1958 in Schweden gab. 1958? Da war Zeigler nicht mal geboren.
Er kennt sich eben aus. Auch in seinem Museum. Aus irgendwelchen Gründen gibt's hier einen alten London-Aschenbecher, und falls noch jemand eine Ausgabe des Buches „Uwe findet zum Fußball“ suchen sollte, auch das ist vorhanden. Genauso wie der Miniatur-Lkw mit der Aufschrift „Zeigler's“. Nein, der hat ausnahmsweise nichts mit Fußball zu tun, der transportiert Früchte. Aber das ist auch egal. Denn ein Konzept hinter der Einrichtung, erklärt der Hausherr, gebe es sowieso nicht. Oder doch? „Sagen wir mal: Alles, was mit Fußball zu tun hat, kriegt seinen Platz. Und alles andere auch.“
„Dann weiß ich, dass ich was richtig gemacht hab“
Heute steht auch noch ein Kinderfahrrad rum. Vermutlich wird das in der Sendung gebraucht. Genauso wie das schwarze Wählscheiben-Telefon aus Bakelit. Und dahinter an der Wand prangen, versteht sich, alte Werder-Trikots. Das ist dann auch schon fast das Allerheiligste im Studio. Und wenn wir hier nicht bei Zeigler wären, sondern in einem x-beliebigen Museum, hinge hier auch bestimmt ein Schild „Berühren verboten!“ Aber das macht hier ohnehin niemand. Und einen Job als Putzfrau kriegt man hier nur, wenn man über ganz viel Fingerspitzengefühl verfügt.
Der Moderator weiß natürlich, dass genau diese Atmosphäre den Charme seiner Sendung ausmacht. Und wenn ihm immer wieder Zuschauer mitteilen, dass sie sich eigentlich gar nicht so recht für Fußball interessieren, aber seine Sendung trotzdem anschauen, „dann“, so sagt er, „weiß ich, dass ich was richtig gemacht hab“. Dazu gehört auch, dass er sich regelmäßig ins ARD-Archiv eingräbt. Nicht etwa, um irgendwelche tollen Spielszenen noch einmal Revue passieren zu lassen, nein, das überlässt er lieber anderen, den vermeintlich richtigen Sportreportern. Er hat da schon mehr Spaß an Filmmaterial, dessen Existenz kaum jemand vermutet hätte. Und von dem kaum jemand geglaubt hätte, dass ein Moderator den Mut aufbringen könnte, es tatsächlich im Fernsehen zu präsentieren - so zäh ist es.
„Tja, gucken wir mal, wie das Wetter wird, ne“
Oder erinnern Sie sich noch an Willi Multhaup, genannt Fischken? Ja, auch er war mal einer der vielen Trainer des 1. FC Köln. Ende der sechziger Jahre war das. Gut möglich, dass Multhaup einer der erfolgreicheren Fußballlehrer beim FC war, was heute zu glauben eher leichtfällt - aber was er damals über das Berufsbild Erfolgstrainer zu sagen hatte, war auch für die Verhältnisse in den sechziger Jahren schon vielsagend. Zitat Spieler: „Was ist mit Samstag? Gehen wir ins Trainingslager?“ Zitat Trainer: „Tja, gucken wir mal, wie das Wetter wird, ne.“
Dabei ist Zeigler weit davon entfernt, sich über die Legenden des Fußballs lustig zu machen. Sein Umgang mit ihnen ist eher respektvoller Natur. Lieber nimmt er da schon die aktuelle Fußballer-Garde, die Trainer und Kommentatoren aufs Korn. Drei Minuten werden ihm jede Woche im Hörfunk eingeräumt, um kuriose Zitate, misslungene Formulierungen und witzige Versprecher so aneinander zu montieren, dass man hinterher nicht weiß, ob man jetzt eine Sport- oder eine Comedy-Sendung gehört hat.
Klopp: „Wir müssen ihn mit durchschleppen“
Für Zeigler liegt beides dicht beieinander. Das zeigte sich etwa bei seinem spontanen Fernsehinterview mit BVB-Trainer Jürgen Klopp, das Zeigler, wie er sagte, „auf Wunsch vieler Zuschauer aus dem Raum Gelsenkirchen betont kritisch“ führte. Ohne eine Miene zu verziehen, merkte er etwa an, dass der Dortmunder Torwart ja nun auch schon weit über 29 sei, worauf Klopp - ebenfalls todernst - entgegnete: „Wir müssen ihn mit durchschleppen. Ich kann ja keinen Feldspieler reinstellen.“ Als Zeigler den aktuellen 4:0-Sieg als „nur auf dem Papier glatt“ bezeichnet, griff Klopp die Vorlage auf und verwandelte direkt: „Wir können von Glück sprechen, dass wir da noch gewonnen haben.“
Inzwischen hat das Interview Kult-Status. Allein bei der Internetplattform Youtube wurde es knapp eine Million Mal geklickt und trieb die Sympathie-Kurven der beiden Gesprächspartner in einsame Höhen. Und es hat für die Nominierung der Sendung für den Grimme-Preis beigetragen. Nicht, dass sich Zeigler echte Chancen ausgerechnet hatte, aber ein schönes Plätzchen dafür hätt' er schon gehabt: in seinem Studio auf dem Regal - irgendwo zwischen Saarbrücken-Single und Kicker-Schneekugel.
Unmittelbar nach der Meisterfeier für den BVB legten Klopp und er sogar noch eine Schippe drauf. Auf vielfachen Wunsch, wie es heißt. Zeigler: „Die Mannschaft ist in der Tabelle immer nur auf der Stelle getreten. Zerfällt sie jetzt?“ Klopp: „Wenn die anderen Vereine blöd genug sind, die Jungs zu holen, kann ich's ja nicht ändern.“ Dabei muss so ein Interviewpartner gar nicht mal immer was sagen. Zum Beispiel Hans Meyer. Ehemals Coach von Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC und dem 1. FC Nürnberg. Für Zeigler einer der Großen. Und der sitzt jetzt bei ihm im Keller und sagt tatsächlich nichts. Egal, welche Frage ihm gestellt wird, Meyer ignoriert alles, liest lieber in der Zeitung. Und Zeigler genießt es. Denn er weiß: So was gibt's nur bei ihm.
Gut möglich, dass die Sendung für Zeigler ein einziger Spaß ist. Aber andererseits ist er auch Fan. Und Fans müssen manchmal auch leiden. Und davor sind bekanntermaßen die Anhänger von Werder Bremen nicht gefeit. In der Sendung gibt sich der Sechsundvierzigjährige betont unparteiisch. Aber im Stadion lässt er seinen Gefühlen schon mal freien Lauf. Denn dort arbeitet er seit Jahren auch als Stadionsprecher bei Werder Bremen. „Sehr gerne“, wie er sagt. „Aber manchmal“, so räumt er ein, „ist es schon schwer, das eine oder andere Ergebnis durchsagen zu müssen.“
Decke drüber. Fertig. Das Fernsehstudio ist wieder Wohnzimmer
Aber dann hat er ja auch immer noch seine Musiksendung. Eigentlich das Gleiche wie „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“. Nur eben ohne Fußball. Dafür mit Pop. Und nur im Radio. Das Konzept ist jedenfalls identisch. Gespielt wird, was ihm Spaß macht. Zeigler nennt es bunten Stilmix: von den Beach Boys über Paul Weller bis Vampire Weekend. Hauptsache kein Mainstream. Den überlässt er lieber, wie er sagt, „dem glattgelutschten Radio von heute“.
Egal. Für heute ist jedenfalls Schluss. Jetzt noch die drei mannshohen Kisten mit Übertragungstechnik in die Ecke schieben. Decke drüber. Fertig. Das Fernsehstudio ist wieder Wohnzimmer. Für genau sechs Tage und 22 Stunden.
Stimme und Ohr für Fans
Seit vier Jahren läuft „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ im Nachtprogramm des WDR-Fernsehens. Sonntags, zum Abschluss des Bundesliga-Wochenendes, ist die halbstündige Sendung von 23.45 Uhr an zu sehen. Der 46 Jahre alte Moderator zeigt nicht nur Videoschnipsel, sondern sucht auch Kontakt zu den Zuschauern. Unter der kostenlosen „Fußball-Notruf-Nummer“ 0221/56789112 kann jeder Fan mit Zeigler sprechen.
Erstmals moderiert hat der gebürtige Bremer 1989 im Programm von Radio Bremen. Daneben war er von 1992 bis 2001 auch Hörfunkmoderator beim WDR in Köln. Zeigler wurde 1997 zum „Bremer des Jahres“ gewählt, seit zehn Jahren ist er Stadionsprecher bei Werder Bremen.
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