Der Frust war ihm anzusehen und sprach aus seinen Worten. Wieder einmal muss Michael Ballack eine Verletzung verarbeiten, wieder einmal hervorgerufen durch das Foul eines Gegenspielers, und wieder einmal scheint der Kampf um die Rückeroberung alter Bastionen und Qualitätsmerkmale von vorne loszugehen. Es ist zum Verzweifeln, doch der 33 Jahre alte England-Rückkehrer zu Bayer Leverkusen und Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft zweifelt noch nicht öffentlich am Erfolg seiner Mission. „Für mich“, sagte er am frühen Samstagabend nach dem 2:2 seines Klubs im Bundesligaspiel bei Hannover 96 gegenüber dem ZDF, „zählt jetzt nur Bayer Leverkusen. Mal gucken, dass ich nicht schon wieder ausfalle.“
Ballack hatte nach einem Tritt gegen das linke Knie, den ihm der Hannoveraner Sergio Pinto zugefügt hatte, ein Taubheitsgefühl verspürt und musste nach minutenlanger Behandlung in der 31. Spielminute aufgeben. Tags darauf wuchs Ballacks Verbitterung noch. Eine Kernspin-Untersuchung im Klinikum Köln-Merheim ergab diesen niederschmetternden Befund: Fraktur im Schienbeinkopf des linken Beins, sechs Wochen Spielpause. Das bedeutet auch, dass der Leverkusener Mittelfeldspieler im Oktober bei den Europameisterschafts-Qualifikationsspielen der deutschen Nationalelf gegen die Türkei und Kasachstan auf keinen Fall dabei sein wird.
In Hannover johlten ein paar unsensible Anhänger von Hannover 96, als der jahrelang unumstritten beste deutsche Fußballspieler vorzeitig gehen musste. Sie brüllten ihm ein „Auf Wiedersehn“ hinterher. Phonetische Lautzeichen, die bei Ballack auf taube Ohren stießen. Er hat sich daran gewöhnt, sowohl Star als auch Reizfigur zu sein. Was den langen Sachsen, der den direkten Umgangston schätzt und seinen eindeutigen Führungsanspruch in der Nationalmannschaft nie verhehlt hat, mehr schmerzt als jede Knieverletzung, ist der aktuelle Umgangston in der ersten Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes.
„Einige können sich noch erinnern“
Dort hat Bundestrainer Joachim Löw deutlicher denn je das Sagen – doch anders als Ballack spielt der Chefcoach seine Position der Stärke von Fall zu Fall subtil und indirekt aus. Nach wochenlangem Überlegen hat Löw den bei der Weltmeisterschaft mit einem Syndesmosebandriss fehlenden Ballack in seinem Amt als Kapitän zwar bestätigt, doch was heißt das wirklich, wenn zwar die Mannschaft an Bord ist, ihr Anführer aber bis auf weiteres nicht. Ballack, vor der WM eine unentbehrliche Größe, soll erst einmal Form und Fitness wiederfinden und dann vielleicht ins Nationalteam zurückkehren – möglicherweise aber nur als Backup, falls es den bei der Weltmeisterschaft in Südafrika überzeugenden Kollegen und Konkurrenten Schweinsteiger oder Khedira an Form und Fitness einmal fehlen sollte.
Angeblich herzlich willkommen zu sein und tatsächlich große Zweifel an dieser Botschaft zu hegen, auch dieses Unwohlsein spiegelte sich am Samstag in Ballacks wohlgewählten Worten. Ans Aufhören, „nee“, habe er nie gedacht, bekräftigte der Mittelfeldspieler mit der Aura des starken Mannes, und kämpfen werde er weiterhin, denn das habe er „ja immer getan“. Andererseits hob der in den vergangenen beiden Länderspielwochen öffentlich schweigende Ballack Tage nach einem kurzen Treffen mit Löw hervor, seien „die letzten Wochen nicht einfach“ für ihn gewesen. Sie hätten ihm „einiges gezeigt, wie es läuft“ – was Loyalität, Vertrauen und Beistand in schwierigen Momenten angeht.
„Mich wundert nichts mehr bei dem, was in den letzten Wochen passiert ist.“ Was er namentlich nicht sagte, war aus seinen Bemerkungen unschwer herauszufiltern. Vom Bundestrainer, so Ballacks verdeckte Message, sei da nichts gekommen. Um so mehr hätten ihn die Solidaritätsadressen einer Reihe von vertrauten Mitstreitern aus der Nationalmannschaft gefreut. „Einige können sich noch an die Leistungsstärke vor meiner Verletzung erinnern. Das zeigt mir, dass wir durch dick und dünn gegangen sind, dass viele Spieler zu mir halten, und das ist schön zu wissen.“
Rhythmus, Tempo und Härte durch 96
Innerlich und äußerlich verletzt, aber dennoch kampfbereit, so war der Eindruck, den der „Capitano“ nach seinem Kurzauftritt in Hannover hinterließ. Während seiner halben Stunde am Ball hatte er solide im Hintergrund gewerkelt, und einmal sogar für Torgefahr gesorgt, als er in seinem dritten Liga-Einsatz seit seinem Comeback erstmals aufs Tor des Gegners schoss. Doch Fromlowitz parierte Ballacks Freistoß im Fluge.
Rhythmus, Tempo und Härte brachten vor allem die Niedersachsen ins Spiel, die erst in vorletzter Minute durch Helmes‘ Freistoßtor zwei Wochen nach der 3:6-Heimpleite gegen Borussia Mönchengladbach eine weitere Blamage vermieden. Peinlich genug war so schon manches am lange pomadigen Spiel der Rheinländer, die nach der Gelb-Roten Karte für den ungestümen Pogatetz (36.) 54 Minuten in Überzahl waren und damit lange nichts anfangen konnten.
„Das 2:2 ist doch aller Ehren wert“
„Wir haben uns komplett verunsichern lassen“, klagte Heynckes später. 96 dagegen begeisterte seine Fans mit Leidenschaft und Kampfeskraft, ging durch die Treffer von Ya Konan (20.) und Abdellaoue (50.) in Führung und musste seinen Vorsprung an diesem warmen Spätsommertag nur deshalb hergeben, weil die Kräfte des dezimierten Teams gegen Ende nachließen und Derdiyok (62.) und Helmes daraus Kapital schlugen.
Am Ende waren sie bei Bayer, als einer der Titelkandidaten in die Saison gestartet, erleichtert, noch einmal mit einem glücklichen Remis davongekommen zu sein. Bei 96 dagegen waren sie, mochte es auch nicht zum dritten Streich nacheinander gereicht haben, trotzdem stolz. Vorläufig an der Spitze mitmischen zu können, wer hätte beim Abstiegskandidaten der vorigen Saison schon damit gerechnet? „Das 2:2 ist doch aller Ehren wert“, brachte Sportdirektor Jörg Schmadtke die hannoversche Zufriedenheit auf den Punkt.
Ballacks Kritik an Löw
Josef Faber (JFaber)
- 13.09.2010, 00:11 Uhr
Teurer Spaß
(dieterfc)
- 13.09.2010, 00:50 Uhr
Ballak der Rentner
Ulrich Wahr (wahrheit29)
- 13.09.2010, 01:03 Uhr
Ballack manovrierte sich selbst ins Aus
Mona Vogelsang (Aghapi)
- 13.09.2010, 01:46 Uhr
Dieser Mann
Alexander John (BeatDaddy)
- 13.09.2010, 09:48 Uhr