Der FC Schalke 04 durchlebt eine tiefe Krise. „Wir sind in einer sehr, sehr schlechten Phase“, sagt Manager Horst Heldt. „Es wird ungemütlich.“ Selbst in den Spielen gegen Augsburg und Fürth, die beiden Mannschaften mit der geringsten Ausbeute in der Fußball-Bundesliga, ergatterten die Königsblauen nur insgesamt einen Punkt. Der Trainerwechsel von Huub Stevens zu Jens Keller hat nichts bewirkt, jedenfalls nichts, was zu messen oder wenigstens zu sehen wäre. Schalke läuft Gefahr, das vorrangige Saisonziel, die Teilnahme an der Champions
League, zu verpassen und damit auch in dem Bestreben nach finanzieller Stabilität gebremst zu werden. Auswärtsspiele an diesem Samstag gegen Bayern München (18.30 / Live im FAZ.NET-Bundesligaticker) und eine Woche später gegen Mainz 05 sprechen für die Schwere der Aufgabe, kurzfristig einen Umschwung herbeizuführen. Dennoch herrscht im Logenraum „Knappe“ zwei Tage vor dem BayernSpiel gute Stimmung. Schalke hat gerade den Weltmarktführer unter den Herstellern brauner Brause als „Premium-Partner“ gewonnen.
Ein Übel, das niemand zu benennen weiß
Die Marketingstrategen beider Seiten blicken wesentlich zuversichtlicher drein als die sportlich Verantwortlichen, die vorher ein paar Etagen tiefer versucht haben, mit optimistischen Tönen das Krisenszenario aufzulockern, das sich seit Wochen verfestigt. Coca Cola begründet das Interesse an seinem neuen Partner weniger mit Titeln oder Tabellenplätzen. Das emotional aufgeladene Image der Marke Schalke sei unabhängig von Erfolgen im Tagesgeschäft von enormem Werbewert. Und wenn einer der werthaltigsten Sponsorenverträge Anfang Juli in Kraft tritt, hoffen die Gelsenkirchener, das Mittelmaß überwunden und wieder zur Spitze aufgeschlossen zu haben.
Aber das könnte schwierig werden. Schalke wird seit Wochen und Monaten von einem Übel heimgesucht, das niemand zu benennen weiß; dessen Symptome auch der Trainerwechsel nicht zu bekämpfen vermochte. Insofern rückt Manager Heldt mehr denn je in den Fokus. Er behauptet, er sei voll und ganz davon überzeugt, in Jens Keller, einem Weggefährten aus Stuttgart, den richtigen Krisenmanager gefunden zu haben, auch wenn sich dessen Erfahrungen als Trainer im Wesentlichen auf den Juniorenfußball erstrecken.
Keller hat versucht, das System zu ändern, und sogleich wieder Abstand davon genommen, weil ihm das Personal dafür fehlte. In München muss er neben Ciprian Marica, Ibrahim Afellay, Kyriakos Papadopoulos und dem gesperrten Christian Fuchs auch noch Stürmerstar Klaas-Jan Huntelaar ersetzen. Trotz zahlreicher Ausfälle betont Keller, wie viel Einsatz die Mannschaft im Training zeige, wie entschlossen sie auf die Wende hinarbeite. Und Heldt gewährt seinem Günstling trotz dessen Fehlstart eine Arbeitsplatzgarantie bis zum Saisonende: „Dabei bleibt es.“
Vordergründig rankt sich die Diskussion am Schalker Markt darum, ob Keller der richtige Trainer sei, und viele vermuten, bestärkt von Bildern und Texten des Boulevards, er sei es nicht. Nach dem Wechsel hat sich nicht einmal die oberflächlichste aller Wirkungen eingestellt: der Effekt, den die Befreiung vom vorherigen Fußball-Lehrer zuweilen hervorruft. Die Ergebnisse sprechen gegen Keller, das räumt auch sein Förderer Heldt ein. Der Sportdirektor redet längst nicht mehr drum herum, sieht aber nicht den Trainer als Ursache, sondern ein geheimnisvolles „Grundübel“.
(Noch) keine Lösung parat?
Dieses Grundübel zu erkennen sei das Wichtigste, sagt Heldt. „Und wir haben es erkannt, auch wenn das nicht greifbar ist anhand von Ergebnissen.“ Näher will sich der Manager über die Wurzel des Übels nicht äußern. „Ich könnte darüber etwas sagen, aber das sind Themen, die wir nicht in der Öffentlichkeit behandeln.“ Diese Aussage lässt verschiedene Schlüsse zu: Entweder kennen die Verantwortlichen das Problem nur in Umrissen, oder sie haben (noch) keine Lösung parat. Oder beides. Oder es handelt sich um sensible Punkte von solcher Tragweite, dass eine Diskussion in der Öffentlichkeit von der sportlichen Leitung als zusätzliche Bedrohung aufgefasst würde.
Der Trainer räumt ohne Umschweife ein, dass sich vieles im Kopf abspiele. Ob Keller 4-4-2 spielen lässt oder, wie zuletzt wieder, 4-2-3-1, rückt in den Hintergrund, wenn die ausführenden Organe außer Form sind. Die Blockade scheint tiefer zu liegen; so tief, dass ein weiterer neuer Coach sie auch erst mit einigem Aufwand lösen müsste. Keller versucht floskelhaft glauben zu machen, es ginge hauptsächlich darum, „individuelle Fehler abzustellen“, die Schalke in Bedrängnis gebracht hätten. In vier Pflichtspielen unter seiner Regie habe die Mannschaft nur insgesamt zwölf gegnerische Torchancen zugelassen, aber acht Treffer hinnehmen müssen. Lichtblick und Düsternis liegen also dicht beieinander.
Alle bekamen Chancen, manche sogar zwei
Schalke dröhnt der Kopf. Und zwar so stark, dass einzelne Profis massiv nachlassen, von denen man es nicht erwartet hätte. Die Außenverteidiger Fuchs und Uchida, Mittelfeldspieler Neustädter, dazu Stürmerstar Huntelaar haben massiv an Leistung verloren und ganz besonders Innenverteidiger Matip, von dem es heißt, er leide besonders unter der einsetzenden Ungeduld des Publikums. Alternativen sind dünn gesät. „Fertige“ Profis wie Marica, Obasi und Barnetta vermochten auf Schalke nicht Fuß zu fassen. Auch in der Torwartfrage haben die Verantwortlichen sich und anderen lange etwas vorgemacht. Seit dem Weggang Manuel Neuers behaupten sie, zwei oder drei gleich starke Torhüter zu haben. Alle drei bekamen ihre Chance, mancher von ihnen sogar zwei. Doch weder Ralf Fährmann noch Lars Unnerstall noch Timo Hildebrand, die aktuelle Nummer eins, scheinen stark genug, die Defensive zu stabilisieren.
Auch Heldt kann nicht zaubern, mal liegt er richtig, mal nicht, im Spannungsverhältnis zwischen sportlichem Anspruch und wirtschaftlicher Konsolidierung. Er habe gute Transfers getätigt, sagt der Manager, und solche, bei denen man sich fragen könne, „was hat er denn da gemacht?“. Aber so sei nun mal das Geschäft, vor allem wenn die finanziellen Mittel begrenzt sind. Gern hätte Heldt Jan Kirchhoff von Mainz 05 abgeworben, um die Abwehr zu stärken, doch der FC Bayern kam den Schalkern zuvor mit einem finanziellen Angebot, das der Profi nicht ablehnen konnte. Befunde gibt es viele „auf“ Schalke, das Rezept, das dem Patienten hilft, bleibt streng geheim. Falls es dieses Rezept überhaupt gibt.