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Fußball-Bundesliga Rollis müssen draußen bleiben

14.09.2009 ·  Die Verstöße sind eklatant: In Bundesliga-Stadien ist viel zu wenig Platz für Rollstuhlfahrer. Dabei gibt es ein Gesetz - doch das wird von den Klubs ignoriert. Auch die DFL spielt keine gute Rolle. Zu einer Klage wird es aber kaum kommen.

Von Matthias Wolf, Gelsenkirchen
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Neulich war Heinz Schulze mal wieder in der Schalke-Arena. Tränen hatte er in den Augen, als er von der Tribüne herabblickte. „Ich stelle mir vor: Die Fans singen, die Spieler laufen ein.“ Schulze, blau-weißer Fan seit seiner Kindheit, war Gast bei einer Stadionbesichtigung. Ein Fußballspiel hat er hier schon seit 2002 nicht mehr gesehen. Früher besaß er eine Dauerkarte. „Ich dachte lange, auch für mich gilt: Einmal Schalker, immer Schalker“, sagt er: „Schalke war für mich mal wie eine Familie. Jetzt aber bin ich außen vor.“

Seit sieben Jahren leidet der ehemalige Bergmann unter Morbus Bechterew. Seine Gelenke versteifen, der Zweiundsechzigjährige ist an den Rollstuhl gefesselt. Das hat sein Leben als Fan verändert. Damit ist er nicht allein. In den Stadien der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga gibt es insgesamt nur 2800 Plätze für Rollstuhlfahrer. Ein hausgemachter Mangel, bei dem sich die Klubs Vorwürfe gefallen lassen müssen, die Gesetzeslage zu ignorieren.

In den vergangenen Jahren, sagt Schulze, habe er oft versucht, eine Karte zu bekommen. Man habe ihm stets etwas von einer Warteliste erzählt. Anfangs war er noch wütend, mittlerweile sei er „einfach enttäuscht vom Verein, der es nicht schafft, ein paar Rollstuhlplätze mehr einzubauen“. Anrufen will er jetzt nicht mehr. „Ich bettle nicht.“

Behinderte, als Karteifutter auf einer Warteliste? Vorwürfe, die Jochen Dohm bestreitet. Der ehemalige Pastor ist Schalker Behinderten-Beauftragter. Er verteilt die Karten und sagt: Es gehe nach Mitgliedsjahren und Schwere des Leidens. Wer geduldig sei, komme auch irgendwann ins Stadion. „Wenn Menschen schwer krank sind, nur noch eine kurze Lebenserwartung haben, sehen wir immer zu, dass wir einen Platz finden.“ Ansonsten gilt aber in der Tat: Schalke ist ausverkauft, auch auf den Sozial-Plätzen.

Nahezu alle Plätze durch Dauerkarten belegt

Nur 98 Fans im Rollstuhl können die Heimspiele der Königsblauen sehen. Sechzig besitzen Dauerkarten, zehn Tickets gehen an Fans des Gästeteams. Bleiben achtundzwanzig freie Karten. „Die werden unter der Hand verteilt, da hat man keine Chance“, vermutet Schulze verbittert.

Die Schalker Zahlen sind typisch für viele Stadien. Oft sind nahezu alle Plätze durch Dauerkarten belegt. Viele Behinderte müssen draußenbleiben. Ein Problem, das sich in den Fan-Diskussionsforen wiederfindet. Kein Wunder: 800.000 Menschen sitzen in Deutschland im Rollstuhl. Die Zahl wächst aufgrund der demographischen Entwicklung.

Manche Mängel sind versteckt

Glücklich, wer ein Saisonticket hat. Ulli Freitag gehört dazu, seit 16 Jahren. Der ehemalige Kumpel, gelähmt seit einem Arbeitsunfall im Schacht, genießt die Annehmlichkeiten der modernen Arena in Gelsenkirchen. Vom Parkplatz an ist alles barrierefrei. Auf Schalke gibt es auch keine Sichtbehinderungen wie in alten Stadien, zum Beispiel in Bochum. Doch manche Mängel sind versteckt.

Ulli Freitag, aktiv in der Behindertenarbeit, gehörte zu den ausgewählten Rolli-Fans, die vor dem Bau der Arena im Jahr 2001 um ihre Meinung gebeten wurden - doch seine Bitten nach deutlich mehr Plätzen habe man ignoriert, sagt er. „Wir wurden gefragt, aber umgesetzt wurde bei weitem nicht alles. Ich konnte nicht mehr als Vorschläge machen, dabei wären die Kosten beim Bau des Stadions nicht größer gewesen.“

Die Klubs ignorieren die gesetzliche Quote

Nur, auch ihm ist klar: So ein Rollstuhlplatz kommt den Klub teuer zu stehen. Auf Schalke herrscht sowieso schon Kartenknappheit - und die Rolli-Tickets müssen aus sozialen Gründen günstig abgegeben werden. Für 13 Euro, die Begleitperson inklusive. Ein Rollstuhlfahrer nimmt so viel Platz weg wie drei bis vier Sitzplätze, die für 50 Euro verkauft werden können. Schulze sagt: „Das macht natürlich mehr Laune, als einen Rollstuhlfahrer da hinzusetzen.“ Beim FC Schalke 04 indes wehren sie sich. „Am Geld ist hier nichts gescheitert. Wir haben vertretbare Größenordnungen“, sagt Geschäftsführer Peter Peters, „optimale können wir nicht leisten, weil wir in allen Kartenkategorien eine deutliche Übernachfrage haben. Wem sollen wir etwas wegnehmen?“

Damit machen es sich Klubs wie Schalke wohl zu leicht, berichtet am heutigen Montag (22.45 Uhr) das WDR-Magazin „sport inside“. Denn in vielen Bundesländern gibt es die sogenannte „Muster-Versammlungsstättenverordnung“. Auch in Nordrhein-Westfalen schreibt sie vor: Ein Prozent der Plätze in Versammlungsstätten müssen für Rollis zugänglich sein. Dass die Klubs diese Quote allesamt ignorieren, kritisiert Jan Hoffmann, Referent der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. „Bei dieser Verordnung handelt es sich um ein bindendes Gesetz“, sagt er, „daran müssen sich alle halten, auch die Betreiber von Fußballstadien.“

„Die Stadien hätten so nicht gebaut werden dürfen“

Die Verstöße sind aus seiner Sicht eklatant, Gelsenkirchen ist dabei repräsentativ für die Liga: Hier gehen nur 0,15 Prozent aller Karten an Rollstuhlfahrer. Dohm verweist auf bauliche Tücken: „Sie können einem Rollstuhlfahrer nur einen Platz zuweisen, der barrierefrei erreichbar ist - doch die Stadien sind alle hoch gebaut, haben viele Treppen.“ Für Hoffmann eine schlechte Ausrede; er betont, die Landesregierungen hätten geschlafen - oder beide Augen zugedrückt. Auf Nachfrage räumt ein Mitarbeiter im Düsseldorfer Innenministerium, zuständig für Sportstättenbau, die Versäumnisse ein.

„Die Länder hätten bereits in der Planungsphase eingreifen müssen“, sagt Hoffmann: „Die Stadien hätten so nicht gebaut werden dürfen.“ Er würde sich eine Musterklage von Rollstuhlfahrern wünschen. „Dann müssten die Klubs reagieren.“ Doch diese Klage wird es wohl nicht geben: Man trifft auf viele Behinderte, die Angst haben, bei offener Kritik könnte man ihnen bereits erkämpfte Privilegien wieder wegnehmen.

Kuschelkurs zur DFL

Womöglich könnte alles so einfach sein. Mag sein, dass in einer Arena wie auf Schalke nicht dauerhaft 600 Rolliplätze benötigt werden. Doch wie bereits bei Europapokalspielen aus Stehrängen rasch Sitzplätze werden, könnten sich durch bauliche Änderungen bei Mehrbedarf normale Sitze in Behindertenplätze wandeln. Doch auf solche Vorschläge hat sich noch kein Verein eingelassen.

Dohm ist auch Vorsitzender der BBAG, der Organisation der behinderten Fans in Deutschland. Beim alljährlichen Treffen in Berlin wird klar, wie sehr die BBAG auch auf Kuschelkurs zur Deutschen Fußball Liga (DFL) geht. Die hat sogar einen Reiseführer für Behinderte herausgebracht - gesponsert von der Bahn. Aber sie tut sich schwer, bei diesem Thema Druck auf die Vereine auszuüben. Die DFL reglementiert fast alles in der Bundesliga - doch geht es um die Behinderten, bleibt es auf 106 Seiten Stadionordnung bei drei kurzen Absätzen.

Ein Schwarzmarkt der besonderen Art

Die sind obendrein schwammig formuliert. So ist nur von „einer angemessenen Anzahl von Sitzplätzen“ für Behinderte die Rede. Andere Vorschriften, wie die Anzahl der Toiletten, wurden hingegen unverändert aus der Versammlungsstättenverordnung übernommen. „Es ist richtig, dass wir das Ganze in unseren Statuten fester schreiben könnten, das ist bislang in der Form noch nicht passiert“, räumt DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus ein. Man wolle die Vereine aber nicht drangsalieren, schließlich habe man doch „die Strukturen für behinderte Menschen bereits erheblich verbessert“. Doch auch Hieronymus räumt ein, dass es noch viel zu tun gibt. Zum Beispiel bei der Kartenvergabe. „Da gibt es punktuell Klubs, bei denen ein bisschen mehr Transparenz gut wäre“, sagt er.

Mancher hilft sich deshalb selbst. Holger Hübner ist Fan von Mainz 05. Weil es auch für Fans im Rollstuhl nicht möglich ist, einfach mehr zu bezahlen und Tickets im Internet zu ersteigern, ist er auf eine pfiffige Idee gekommen. Schon vor seinem Autounfall und der Querschnittslähmung hat er die großen Stadien bereist. Das Hobby will er sich nicht nehmen lassen. Deshalb gibt er sich am Telefon manchmal als Anhänger von anderen Vereinen aus und greift so auf Gästetickets zurück, die nicht immer alle in Anspruch genommen werden. „Es ist getrickst“, räumt er ein, „aber anders geht es nicht, wenn man irgendwo in Deutschland ein Fußballspiel besuchen will.“ Ein Schwarzmarkt der besonderen Art. Der zusammenbrechen würde, wenn alle ihn anzapften.

„Bei mir bleibt keiner draußen“

Heinz Schulze ist so ein Kampf um ein einzelnes Ticket auch zuwider. Er wählt einen anderen Weg. Alle zwei Wochen fährt er tatsächlich ins Stadion. Weil er seine große Liebe Schalke 04 nicht mehr live sehen kann, hat er sich eine Geliebte zugelegt: Rot-Weiß Oberhausen. Hier herrscht zwar keine Stimmung wie auf Schalke, aber „da ich auf Fußball nicht ganz verzichten will, ist das eine Ersatzdroge für mich“.

Hier sitzt er nun in der ersten Reihe, alles ist noch kleiner, familiärer. Der Behindertenbeauftragte Michael Schneider reicht Getränke und sagt: „Wir haben 19 Plätze. Wenn mehr kommen, dann lasse ich die auch rein. Bei mir bleibt keiner draußen.“ Er kann es sich leisten, der Andrang ist nicht gewaltig beim Zweitligaklub. Schulze sagt: „Die sind alle nett hier bei RWO.“ Kurze Pause. „Aber es ist leider nicht mein Schalke.“

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