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Fußball-Bundesliga Rangnick hat genug von Hoffenheim

 ·  Ein Transfer und die Folgen: Nach Luiz Gustavos sofortigen Wechsel zum FC Bayern verlässt Trainer Ralf Rangnick 1899 Hoffenheim. Rangnick soll um eine sofortige Trennung gebeten haben.

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Ralf Rangnick muss sich schon eine ganze Weile gefragt haben, ob er als Cheftrainer bei 1899 Hoffenheim noch das volle Vertrauen genießt. Am ersten Tag des neuen Jahres bekam er auf diese Frage die endgültige Antwort. Obwohl nicht bestätigt, gilt als sicher, dass Rangnick nicht mehr Fußballcoach des Hoffenheimer Bundesligavereins ist und selbst um eine sofortige Trennung bat.

An diesem Sonntagvormittag soll die Trennung trotz des bis 2012 laufenden Vertrages auf einer Pressekonferenz verkündet werden. Mit ein gewichtiger Grund für das plötzliche Ende der Zusammenarbeit ist der sofortige Wechsel von Mittelfeldspieler Luiz Gustavo nach München. Rangnick war gestern Abend nicht zu einer Stellungnahme bereit. Gesellschafter Dietmar Hopp ließ aus seinem Wintersitz Florida mitteilen, man werde die Trennungsmeldungen nicht kommentieren.

Alaba bis Saisonende nach Hoffenheim ausgeliehen

Als den 52 Jahre alten Rangnick am Samstag zahlreiche Anrufe erreichten, ging es darin nicht um Neujahrswünsche, sondern um eine Sache, die Rangnick als schallende Ohrfeige auffassen durfte. Aus dem fernen München hatte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, mitgeteilt, man habe sich mit dem Ligakonkurrenten 1899 Hoffenheim über den sofortigen Wechsel des Brasilianers Luiz Gustavo geeinigt, der bei den Bayern einen Vertrag bis 2015 erhält und rund 15 Millionen Euro kostet.

Bis zuletzt hatte sich Rangnick vehement gegen den Verkauf des defensiven Mittelfeldspielers gestemmt und damit seine Zukunft verbunden, während der Hoffenheimer Mäzen Hopp Verständnis geäußert hatte: Es sei „unmoralisch“, Gustavo diesen Karrieresprung zu verbauen. Zunächst wollte der 70 Jahre alte Hopp Gustavo erst im kommenden Sommer gehen lassen,doch sein „guter Draht“ nach München hat für einen Meinungsumschwung gesorgt. Rangnick hatte einen möglichen Wechsel zuletzt als „fatales Signal“ bezeichnet. Im Gegenzug wird Bayern-Talent David Alaba bis Saisonende nach Hoffenheim ausgeliehen. Der „Sechser“ Gustavo ist in München als Nachfolger von Mark van Bommel vorgesehen, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft. Gustavo soll bei den Bayern vorerst als linker Verteidiger eingesetzt werden.

Im Laufe der vierjährigen Amtszeit von Rangnick war es zwischen dem Fußballlehrer und Mäzen Hopp immer wieder zu Spannungen wegen unterschiedlicher Zielsetzungen gekommen. Hopp, der bisher einen satten dreistelligen Millionenbetrag in das Projekt Hoffenheim gepumpt hatte, betonte mehrmals, er erwarte Transfereinnahmen, um die Bilanz ausgeglichener zu gestalten. Vor dieser Saison war Carlos Eduardo für rund 20 Millionen Euro zu Ruby Kasan nach Russland verkauft worden. Für Eduardo hatte 1899 rund acht Millionen Euro bezahlt, für Gustavo rund eine Million.

Verhandlungen ohne Rangnick

Am 17. Dezember kam es aus Rangnicks Sicht zum ersten eklatanten Vertrauensbruch. Wieder erfuhr der Schwabe durch Dritte von einem geheimen Treffen von Hopp, 1899-Manager Ernst Tanner und Gustavos Berater Roger Wittmann mit Vertretern des FC Bayern in München. Man hatte bei der Zusammenkunft auf die Anwesenheit von Rangnick verzichtet. Der Trainer zeigte sich tief verletzt und ahnte bereits, die Sache könnte nicht gut ausgehen. Zu dem Zeitpunkt waren die Risse zwischen den Parteien kaum mehr zu kitten.

Nachdem Rangnick als Cheftrainer seit Mai 2006 innerhalb von zwei Jahren den rasanten Aufstieg des Kraichgauer „Dorfvereins“ aus der Regionalliga bis in die Bundesliga geschafft hatte, stand man im vergangenen Mai kurz vor einer Trennung. Hopp zeigte sich mit der jüngsten Transferbilanz der Sportlichen Leitung und der sportlichen Entwicklung unzufrieden und machte sowohl Rangnick als auch den damaligen Manager Jan Schindelmeiser dafür verantwortlich. 1899 rutschte nach einer geradezu sagenhaften ersten Bundesliga-Hinrunde ins Mittelmaß ab und machte durch interne Streitereien und Eskapaden von Spielern Schlagzeilen.

Wirklich zueinander finden konnten Hopp und Rangnick nicht mehr

Schindelmeiser warf nach Spannungen mit Rangnick entnervt das Handtuch, der impulsive Coach blieb nach einem „klärenden Gespräch“ mit neuem Einjahresvertrag und akzeptierte den neuen „Beirat“, der in Hopps Sinne für mehr Kontrolle sorgen sollte. Hopp hatte sich über die unübersehbaren Disziplinprobleme im Kader beklagt und deren schnelle Lösung von Rangnick verlangt, der sich gleichzeitig monatelang um seinen schwer kranken Vater sorgte. Wirklich zueinander finden konnten Hopp und Rangnick nicht mehr.

Immer weiter drifteten die Auffassungen über die Ausrichtung des Klubs in den kommenden Jahren auseinander. Von Rangnick hieß es, er wolle auf schnellstem Weg in die nationale Spitze und ins internationale Geschäft. Hopp sah Hoffenheim als kleinen Bundesligaverein, der irgendwann einen internationalen Wettbewerb anstreben könne, wenn die Sache gut laufe. Er beschnitt die Kompetenzen des Trainers, wollte sich nicht „erpressen lassen“ und verstärkte seinen Einfluss auf tägliche Geschäft. Das wollte sich Rangnick nicht mehr bieten lassen. Zu deutlich hatte man ihm zu verstehen gegeben, dass der gemeinsame Weg zu Ende geht. Wer Nachfolger in Hoffenheim werden soll, stehe noch nicht fest, hieß es aus dem Kraichgau.

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01.01.2011, 21:47 Uhr

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