Am Ende hielten die drei Wahlgewinner für die Fotografen einen der Geißböcke im Arm, die im Saal zur Dekoration standen. Als das Blitzlichtgewitter nachließ, setzten sie das Wappentier aus Kunststoff mit vereinten Kräften vorsichtig wieder auf den Boden. Die drei Männer werden künftig die Geschicke des 1. FC Köln leiten. Ihr Ziel ist es, den Geißbock wieder aufzupäppeln. Das Wahlergebnis gibt ihnen eine starke Legitimationsgrundlage.
Legitimiert, um zu vereinen
Sie erhielten mehr als 91 Prozent der abgegebenen Stimmen von den rund 4300 Mitgliedern, die am Montag an der außerordentlichen Mitgliederversammlung des rheinischen Fußball-Bundesligaklubs teilgenommen hatten. Fast feierlich verkündete Werner Spinner, der neue Vereinspräsident, wie bedeutsam das Ergebnis sei: „Mit diesem Votum haben sie den ersten Schritt zur Vereinigung des Klubs unternommen“, sagte er. Man hätte meinen können, die Mitglieder hätten nicht nur drei Personen an die Spitze ihres Vereins gewählt, sondern der Fusion zweier Kölner Fußballstaaten zugestimmt, die beide das Kürzel „FC“ im Namen führten, sonst aber nicht viel gemein hatten.
Spinner, ein ehemaliger Spitzenmanager aus der Chemiewirtschaft, will den Selbstzerstörungsprozess beenden, den gescheiterte Trainer, Manager und Präsidenten in Gang gesetzt hatten. Im Gegensatz zu anderen wolle er dem Klub nicht vorstehen, „wie der Diktator einer Bananenrepublik“, sagt er. Der Verein müsse vor allem professioneller arbeiten und seine Außendarstellung verbessern, dazu müsse die Mannschaft, derzeit stark abstiegsgefährdet, wieder einen „kölschen Kern“ erhalten. Auf dem Weg dahin setzt der Stratege Spinner auf zwei Männer, die jeder auf seine Art für Kölner Lebensgefühl stehen.
Lange geliebt, später hinausgeworfen
Der eine ist Harald „Toni“, Schumacher, einst FC-Profi und Nationaltorwart, lange geliebt, später wegen Doping-Enthüllungen in seinem Buch „Anpfiff“ hinausgeworfen, jetzt als Führungsfigur in Ehren wiederaufgenommen. Er habe ein Vierteljahrhundert auf einen Anruf vom FC gewartet, sagte Schumacher. „Als der Anruf dann kam, dachte ich, es wäre ein Gag mit der versteckten Kamera.“ Der Dritte im Bunde ist Markus Ritterbach, Präsident des Festkomitees des Kölner Karnevals. Für karnevalistische Laien mag es komisch anmuten, wenn ein Karnevalist das Kommando bei einem Klub (mit)übernimmt, der von Chaos und Klüngel zersetzt wirkt.
Erst den Karneval saniert, jetzt den FC?
Diesem Vorurteil trat Ritterbach energisch entgegen; er gilt als Sanierer des organisierten Kölner Karnevals, der vor Jahren auch in einer Krise steckte. Inzwischen glauben viele Leute, der FC schwebte nicht in Abstiegsgefahr, wenn er unternehmerisch und organisatorisch so gut geführt wäre wie der Kölner Karneval. Dieses gigantische Volksfest beschäftige fünftausend Mitarbeiter, berichtete Ritterbach: „Das ist kein Ponyhof, da kann man nicht den ganzen Tag nur schunkeln.“ Eines hätten der FC und der Kölner Karneval wirklich gemeinsam. „Beide müssen sehr professionell geführt werden - und mit sehr viel Herz.“
Genau das ist in den vergangenen Jahren nicht gelungen. Allein in dieser Saison mussten oder wollten drei Führungsfiguren gehen. Präsident Wolfgang Overath trat im November 2011 überraschend zurück, Sportdirektor Volker Finke und Trainer Stale Solbakken wurden im Laufe der Rückrunde entlassen. Die Mannschaft spielte oft so, als zöge es sie zum wiederholten Mal in die zweite Liga. Doch seit Frank Schaefer wieder Trainer ist, scheint sie zu einem Umschwung fähig; dieser Eindruck entstand jüngst beim Unentschieden gegen Stuttgart.
Der kölsche Trainer soll bleiben
Als es noch darum ging, Wahlkampf zu machen, sagte Schumacher, er wünsche sich, dass Schaefer über das Saisonende hinaus Trainer bleibe. Der im Klub stark verwurzelte Fußball-Lehrer ist die logische Wahl der neuen, entschlossenen, ganz und gar kölschen Führungsmannschaft. Gemeinsam mit Schaefer will Schumacher die sportliche Kompetenz stärken, beide sind - wie die gesamte neue Führung - unverdächtig, die eigenen Interessen über die Belange des Klubs zu stellen. Nach dem Reklamemotto des FC: „Meine Liebe. Meine Stadt. Mein Verein.“
Ihr Anspruch ist es, aus emotionalen Gründen vernünftig zu handeln. Gelingt das, wäre es für Köln geradezu revolutionär. Für Spinner gleicht das Votum der Mitglieder „einer Richtungswahl“. Selbst wenn Schaefer sich überzeugen ließe, brauchten sie noch einen Manager. „Und die besten Sportdirektoren kommen nur zu einem professionellen Verein“, sagt der Präsident. Noch lieber vermutlich zu einem feinen Verein. Und der 1. FC Köln war früher mal ein feiner Verein. Auch deshalb hat die Mutter von Toni Schumacher ihren Sohn 1972 zu den „Geißböcken“ geschickt. Der Weg zurück in die Zukunft ist weit, aber ein Anfang scheint gemacht.
Toni macht das schon.
Helmut Schomacker (Helmut75)
- 24.04.2012, 23:38 Uhr