Home
http://www.faz.net/-gtn-6pzf0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußball-Bundesliga In Hamburg ist es zappenduster

18.09.2011 ·  Es ist der bei weitem schlechteste Saisonstart der Klubgeschichte. Der Hamburger SV hält aber auch nach dem 0:1 gegen Gladbach noch zu seinem Trainer. Michael Oenning wirkt ratlos - und setzt die Mannschaft unter Druck.

Von Christian Otto, Hamburg
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)
© dapd Wie komme ich aus dieser Situation wieder heraus? Michael Oenning

Der Einblick in die Reiseplanung des HSV, den Frank Arnesen gewährte, kam ein wenig überraschend. Sie wollen also fliegen. Zu ihrer nächsten schweren Aufgabe beim VfB Stuttgart. „Und natürlich wird Michael Oenning im Flugzeug dann neben mir sitzen“, sagte der Sportdirektor eines Hamburger SV, dessen Ausflüge in der Fußball-Bundesliga mit einer Mischung aus Unverständnis und Mitleid bedacht werden.

Und da die Auftritte zu Hause keinen Deut besser sind, steht der HSV auf Rang 18 der Tabelle. „Mir hat die letzte Leidenschaft gefehlt. Wir brauchen eine Mannschaft, die sich mit allem, was sie hat, wehrt“, sagte Oenning nach dem 0:1 gegen Borussia Mönchengladbach. Ein erfolgloser Trainer, der den Druck auf ein erfolgloses Team erhöht: Die Lage in Hamburg ist zerfahren und angespannt. Und wie Oenning die Schwierigkeiten lösen will, wird nicht deutlich.

Es gab diese eine Szene aus der Schlussphase, die als Symbol für das ganze Dilemma des HSV diente. Torhüter Jaroslav Drobny, der beim Tor des Tages durch einen Kopfball von Igor de Camargo (66. Minute) zögerlich auf der Linie verharrt war, sollte in der Nachspielzeit einen letzten Angriff der Hanseaten einleiten. Aber sein jämmerlicher Schussversuch landete zur Verblüffung der 56.000 Zuschauer im Seitenaus.

„Was soll denn der Trainer da machen?“

Wenn ein HSV-Spieler schon einmal etwas Riskantes versucht, dann geht das auch noch schief. „Ich bin ratlos. Aber wenn wir immer wieder Tore nach Standardsituationen bekommen, was soll denn der Trainer da machen?“, fragte Stürmer Mladen Petric. Dem Treffer von de Camargo waren ein Freistoß des Gladbachers Juan Arango und eine gewisse Passivität der verteidigenden Hamburger vorausgegangen. „Das ärgert mich maßlos, das begleitet uns über Wochen. Da bricht uns der Boden unter den Füßen weg“, sagte Oenning mit scharfem Unterton.

Die Tabelle, in der nach sechs Spieltagen nur ein kümmerlicher Punkt für den Hamburger SV zu Buche steht, verunsichert die Mannschaft. Der Trainer, dessen Handschrift und System immer noch nicht zu erkennen sind, setzt wiederum die Mannschaft unter Druck. „Über mich zu diskutieren bringt auch keinen Punkt. Die Mannschaft ist in der Pflicht“, findet Oenning, der am Samstagabend bedrückt wirkte, aber von den Entscheidern des Hamburger SV weiter Rückendeckung erhielt. I

n der Historie des Vereins gab es noch keinen einzigen Abstieg aus der Bundesliga zu beklagen. Das Duo Arnesen/Oenning muss sich aber auch den Vorwurf gefallen lassen, dass es den mit Abstand schlechtesten Saisonstart in der Vereinsgeschichte zu verantworten hat. Oenning soll also am Donnerstag im Flugzeug neben Arnesen sitzen. Aber fliegen denn wirklich beide? Auch Arnesen? „Ich hoffe“, sagte der Sportdirektor und grinste verlegen.

„Ein 2:0 oder 3:0 war leicht möglich“

Keiner spricht es offen aus. Sie zucken ratlos mit den Schultern und geben sich ahnungslos. „Ich weiß es auch nicht. Das ist wirklich schwierig“, antwortete Mittelfeldspieler Marcell Jansen auf die Frage, mit welchem Spielsystem der HSV eigentlich zum Erfolg kommen will. Eine Umstrukturierung und Weiterentwicklung, auf die der Trainer seit Wochen verweist, ist nicht zu erkennen. Oennings Versuch, die aufbegehrenden Mönchengladbacher mit Hilfe einer kontrollierten Spielweise in der ersten Halbzeit und den schnellen Reservisten Gökhan Töre und Heung Min Son nach dem Seitenwechsel auszutricksen, ging gründlich schief.

Verzweifelt trauerten die Hamburger einer einzigen hoffnungsvollen Szene nach, in der dem Gladbacher Filip Daems in der 59. Minute der Ball im Strafraum an den Arm gespielt worden war, ohne dass es Elfmeter gab. Es klang hart für Hamburger Ohren, wie der Gegner diesen Fußball-Nachmittag zusammenfasste. Die Einschätzung war aber richtig: „Ein 2:0 oder 3:0 war leicht möglich. Wir haben völlig verdient gewonnen“, meinte Gladbachs sonst so höflicher Trainer Lucien Favre.

„Man muss an sich glauben und an sich arbeiten“

Dem Leid der Hamburger stand Mönchengladbacher Freude gegenüber. Die Profis des Vereins, der im Mai fast abgestiegen wäre und das obere Viertel der Tabelle als seine neue Heimat entdeckt, folgen den Anweisungen ihres Trainers blind. „Man muss an sich glauben und an sich arbeiten“, sagte der wiederum stark aufspielende Offensivkünstler Marco Reus. Sein Satz klang wie eine Gebrauchsanweisung für in Not geratene Vereine. Die Gladbacher hatten gar keinen besonderen Glanz in ihrem Spiel. Aber sie besaßen die nötige Ruhe, um die Schwächen ihres Gegners zu bestrafen. Und sie schaffen es eben, aus einer massiven Abwehr heraus engagiert und schnell zu kombinieren. „Meine Spieler haben schnell kapiert, was ich meine und will“, sagte Favre nach dem vierten Saisonsieg seiner Mannschaft.

Was der Schweizer über seine Vorstellung von modernem und effektivem Fußball zu berichten hat, klingt überzeugend und mitreißend. Was sein Kollege Oenning versucht, verpufft. Seine Spieler wirken frustriert und ratlos. Als „zappenduster“ stufte Heiko Westermann die Situation des HSV ein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Ergebnisse, Tabellen und Statistik