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Fußball-Bundesliga Die Einsamkeit der Stars

30.09.2011 ·  Das Schicksal des Bayern-Profis Breno könnte als Warnsignal  für die Liga dienen: Viele Auslandsprofis haben Probleme fern der Heimat. Wer aber behält die Nöte seines Angestellten im Blick?

Von Christian Eichler
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© dpa 21 Jahre jung, reich und weit weg der Heimat - Breno von Bayern München

Grünwald, der perfekte Tatort. Die properen Straßen und Villen des Münchner Vororts sind Millionen Menschen als Orte des Verbrechens geläufig. Wenn auch unbewusst. Hier, wo sich das gesetzte Bürgertum meuchelte, wie es im Drehbuche stand, löste Oberinspektor Derrick viele seiner Fälle. Im richtigen Leben ist Grünwald alles andere als ein lebensgefährlicher Fleck Erde. Es ist ein Ort, wo Reiche ihre Ruhe suchen. In Grünwalds Villenstraßen trifft man kaum Menschen.

Für jemanden, der jung ist und einsam, ist es der falsche Ort. Und damit auch für den jungen Mann, aus dem in der vergangenen Woche wohl irgendein brennendes Verlangen heraus musste. War es ein Burn-out der buchstäblichen Art? Seit die angemietete Villa des Brasilianers Breno ausbrannte, erregen die Ermittlungen wegen Brandstiftung ein öffentliches Interesse, das die Bedeutung der Tat und des Tatverdächtigen weit übersteigt.

Es muss an der Bedeutung von dessen Arbeitgeber liegen. Spätestens seit der Fußballprofi vor einer Woche, zehn Minuten vor Anpfiff der Partie seines Klubs FC Bayern gegen Leverkusen, ins Gefängnis Stadelheim kam, hat der Fall dramatisch an Fallhöhe gewonnen. Heftig griff Präsident Uli Hoeneß die Staatsanwaltschaft an. Einen Bayern-Profi in U-Haft gab es noch nie beim erfolgreichsten deutschen Verein.

„Breno braucht Hilfe, keine Haft", sagte sein Anwalt Werner Leitner. Hätte er die Hilfe früher gebraucht? Vor einem Jahr sagte Breno in einem Interview: "Ich hatte in Brasilien weniger Geld und weniger Luxus, war aber ein glücklicher Mensch. Hier habe ich Geld, aber mir fehlt alles andere." Über den Fall hinaus stellt sich nun die Frage, wie weit ein Fußballklub einem ausländischen Profi helfen kann und muss, im Leben zurechtzukommen.

Einkaufspreis wirkt wie ein Stigma: Fehleinkauf

"Bei den Südamerikanern muss auch die Seele funktionieren", sagt Rudi Völler, der Sportdirektor von Bayer Leverkusen, wo man seit den achtziger Jahren die meisten Erfahrungen mit Brasilianern hat. "Sie müssen sich hier wohlfühlen. Aber natürlich kannst du die Copacabana nicht nach Leverkusen holen." Das soll heißen: Jede Fürsorge hat ihre Grenzen. Die Funktion der Seele auch. Bei Breno summierte sich Unglück: Pech mit Verletzungen, Angst, den Anschluss zu verpassen, die Ferne von Freunden und Familie. Und dazu sein Einkaufspreis von zwölf Millionen Euro, der wie ein Stigma wirkte: Fehleinkauf.

Wie fühlt sich das an: erst 21 und schon gescheitert? Es ist das Alter, in dem ein anderer Brasilianer ganz unten anfing, bei einem deutschen Fünftligaklub. Heute spielt er im Nationalteam - im deutschen. Denn Cacau wurde 2009 vom Landratsamt Waiblingen eingebürgert. Er gilt seitdem als Paradebeispiel für Fußballintegration. Wie das gelang? "Das Wichtigste ist es, die Sprache zu lernen", sagt Cacau in grammatisch perfektem Deutsch. "Damit man versteht und verstanden wird." Breno kann das auch nach über drei Jahren in Deutschland nicht.

Fußball ist ein Geschäft - Geschäfte müssen funktionieren

Cacau kennt die Probleme seiner früheren Landsleute, er hat sie selbst erlebt. "Man geht weg von Familie, Freunden, um sein Glück in einem anderen Land zu finden. Es wird unterschätzt, wie schwierig das ist. Einigen ist nicht bewusst, dass man selbst viel dafür tun muss. Sie denken, es reicht, wenn man gut kicken kann." Ob einer in Deutschland wirklich ankommt und erfolgreich wird, hängt für Cacau "mehr vom Spieler ab als vom Verein. Der Verein kann dem Spieler nicht alles abnehmen." Cacau kennt nicht Brenos Gedanken, aber er kann nachempfinden, wie Verletzungen und Ängste die Seele angriffen.

"Es ist längst Zeit, dass man den Spieler und den Menschen als Ganzes sieht", sagt der Stuttgarter Stürmer. "Nicht nur als Körper, der funktionieren muss." Aber Fußball ist auch ein Geschäft. Geschäfte müssen funktionieren. Deshalb stößt das Mitempfinden für Einzelne selbst bei einem bekannt sozialen Unternehmen wie dem FC Bayern an Grenzen. Inzwischen stellt der Klub sich schützend vor Breno. Aber noch vor vier Monaten hatte man den Druck auf ihn erhöht. "Der ganze Klub ist mit seiner Entwicklung unzufrieden", erklärte da der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. "Er weiß auch, dass er sich jetzt nach drei Jahren professioneller geben muss."

Autoscheiben kaputt? Es war nur der Frost

Klubs investieren viel Geld in den Rohstoff Talent, in die sogenannten "Rohdiamanten", die dann nicht immer so funkeln wie erwartet. "Gutes Scouting" ist die Basis, sagt Rudi Völler. Aber auch die besten Scouts wissen nicht, wie ein Brasilianer in der Fremde zurechtkommen wird. Mehr als 5000 kicken in aller Welt, rund tausend verlassen Jahr für Jahr die Heimat. Viele leiden dann unter der Kälte, der Distanz der Europäer, einem Leben hinter Wänden statt auf der Straße.

Es gibt lustige Geschichten, die diesen Kulturschock beschreiben, wie die des Dortmunders Dede, der in seinem ersten Winter in Deutschland den Autohändler rief, weil eines Morgens plötzlich alle Autoscheiben kaputt schienen - in Wahrheit waren sie nur mit Frost überzogen. Von Möbelpackern hört man Schilderungen von verwahrlosten Villen brasilianischer Bundesligaprofis und von einem Nationalspieler, der mitten in seiner Wohnung in Deutschland eine offene Feuerstelle betrieb, als wäre er daheim in den Favelas.

Das Glücksgefühl ist nach drei Monaten aufgebraucht

Selbst Erfolg gibt keine Glücksgarantie in der Fremde. Inzwischen machen auch in Brasilien, wo die Schwächen und Schwankungen der Psyche von Fußballern ein Tabu waren, namhafte Spieler ihre Probleme öffentlich. Allen voran der frühere Weltstar Adriano, der nach dem Selbstmord von Robert Enke vor zwei Jahren berichtete, dass er in seiner Zeit in Italien unter Depressionen litt und an Suizid dachte. Erst die Rückkehr nach Brasilien 2009 habe ihn wieder ins Lot gebracht.

Glücksforscher wissen: Der Zugewinn an Lebensglück, den plötzlicher Reichtum und Luxus, etwa ein teures Auto, oder ein Karrieresprung auslösen, ist in der subjektiven Empfindung nach rund drei Monaten wieder neutralisiert. Das Unglück über Einsamkeit oder Heimweh aber bleibt und wächst - wenn man keine neuen Freunde, keine zweite Heimat findet. Große Firmen bieten ihren Mitarbeitern deshalb interkulturelle Schulungen an, ehe sie sie ins Ausland schicken. Der Erfolg solcher Entsendungen hängt nachweislich oft davon ab, wie sich der Mitarbeiter und seine Familie in der neuen Welt einleben. Doch im Fußball setzt man eher auf eine Rundumbetreuung von Profis, die ihnen Alltagsprobleme abnimmt, aber nicht hilft, sie selbst zu lösen.

„Früher waren die Spieler hier fern der Heimat“

Dabei galt der FC Bayern stets als vorbildlich im Umgang mit seinen Stars. Doch der Fall Breno zeigt Lücken im Sozialsystem Fußball auf. Sie sind da, wo ein Spieler aus dem täglichen Vereinsumfeld herausfällt, weil er langwierig verletzt ist und einsame Aufbauarbeit leisten muss. "Der Junge", sagte Trainer Jupp Heynckes, "hat anscheinend persönliche Probleme gehabt, die auch unbemerkt blieben, weil er seine normale Reha gemacht hat." Die Klubs helfen den Spielern bei Alltagsproblemen, Wohnen, Einkaufen, Autofahren, Schule, aber bei der Integration in eine fremde Umwelt und Kultur sind ihrem Wirken Grenzen gesetzt.

Zumindest ein Problem schrumpft mit der Zeit. "Früher waren die Spieler hier fern der Heimat", sagt Rudi Völler. "Heute stehen sie über das Internet ständig in Verbindung mit zu Hause." Als alter Praktiker weiß er zudem, "dass man auch mal ein Auge zudrücken muss, wenn sie den Heimaturlaub ein bisschen verlängern." Leverkusen hat derzeit nur noch einen Brasilianer, doch der hält den Chef auf Trab: Renato Augusto, ein typisch brasilianischer Pendler zwischen höchster Fußballlust und Lustlosigkeit. Trainer Robin Dutt sagte nach dem 1:4 im Derby gegen Köln nur: "Ob Renato seine taktische Rolle ausgeführt hat, darüber sage ich besser nichts."

„Die Künstlertypen tun sich schwerer“

Auffällig ist, dass es eher Abwehr- und Aufräumpersonal ist, das es in Deutschland dauerhaft schafft, Spieler wie früher Lucio oder Emerson, heute Naldo, Rafinha, Luiz Gustavo - eher als jene, die für das "Brasilianische" des Fußballs stehen, wie Diego, Carlos Eduardo oder Augusto. "Die Künstlertypen tun sich schwerer", sagt Völler. "Die Gier nach solchen Leuten hat in Deutschland nachgelassen. Weil wir sie inzwischen selbst ausbilden. Wir haben heute unsere eigenen deutschen Brasilianer im Nationalteam, wie Özil, Götze, Schürrle oder Müller."

Zu unberechenbar und jetzt auch noch ersetzlich - der Brasilianer, ein Auslaufmodell? Zumindest galt das in München mehr und mehr für Breno, die Ausnahme von der Regel, dass die Abwehrspieler es eher schaffen. Am Ende seiner dritten verkorksten Saison in München war Breno nur noch ein Fremdkörper. Zudem geriet er wie eine Spielfigur in die Endphase des Machtkampfes von Präsident Hoeneß und Trainer van Gaal, der manche Spieler nur noch aus Trotz auf- und umzustellen schien.

„Wir spielen Fußball, um unsere Gefühle auszudrücken“

So stolperte Breno beim 1:3 gegen Dortmund herum, flog beim 1:3 in Hannover vom Platz und beging im letzten Spiel, das die Saison noch hätte retten können, den entscheidenden Fehler gegen Inter Mailand. Seitdem hat er noch sieben Minuten im Bayern-Trikot bestritten. Aus einer Randfigur war ein Unsichtbarer geworden, einer, der nur noch auf dem Mannschaftsfoto Teil des Teams war.

Und immer gehören das Spielerische und das Spirituelle zusammen. Der kettenrauchende Arzt und jetzt schwerkranke Alkoholiker Sócrates, der mit seinen Mittelfeldkollegen Zico und Alemão den schönsten Fußball der achtziger Jahre spielte, sprach einst den besten Satz über Brasiliens Fußballseele: "Wir spielen Fußball, um unsere Gefühle auszudrücken." Was aber passiert mit den Gefühlen, wenn man nicht spielen kann?

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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