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Fußball-Aussteiger Tobias Rau : Die harte Reise ist vorbei

Vom Fußballplatz an die Universität: Tobias Rau Bild: Daniel Pilar

Tobias Rau galt als kommender Spieler auf der linken Abwehrseite, machte sieben Länderspiele und wechselte zum FC Bayern. Mit siebenundzwanzig hörte er auf - und studiert heute Sport auf Lehramt. Die Geschichte eines Aussteigers.

          Es ist der 10. September 2003, als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zum vorentscheidenden EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland antritt. Auf dem Rasen stehen Spieler wie Ballack, Kahn, Schneider, Kuranyi. Links verteidigt Tobias Rau. Die 67.000 Zuschauer in Dortmund erleben ein Kampfspiel, das die Deutschen mit 2:1 gewinnen. Nach einem Foul an Rau sieht der Schotte Ross die Gelb-Rote Karte. Sein siebtes Länderspiel, sagt Rau anschließend, war „das härteste Spiel, das ich je gemacht habe“. Und eines seiner besten: Günter Netzer erklärt im Fernsehen, dass man den agilen, bissigen Rau „nicht genug loben“ könne. Für Teamchef Rudi Völler hat der einundzwanzig Jahre alte Rau „die Möglichkeit, auf der linken Seite der Spieler der nächsten Jahre zu werden“.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sechs Jahre später, gut neunzig Kilometer weiter östlich. An der Universität Bielefeld läuft das Wintersemester. Der Campus-Bau wirkt wie eine Mall, es gibt eine Biobäckerei und eine Bausparkasse und eine Filiale der Agentur für Arbeit. Auf einem der Transparente in der Haupthalle heißt der Asta die „lieben Erstsemesterinnen“ willkommen. Im betongrauen Audimax lassen sich die Studenten der Erziehungswissenschaft vom Professor mitteilen, dass sie „eine fundierte Ausbildung mit guten bis sehr guten Berufsaussichten“ erwartet. Einer, der hier sitzt, hat schon eine Karriere hinter sich. Vor sich ein Schnellhefter und ein schwarzes Federmäppchen, macht sich Tobias Rau mit der linken Hand Notizen. Wie kommt er, der einst gefeierte Jungstar, hierhin, in die fünfte Reihe von hinten? Was, so fragt man sich, mag da schiefgelaufen sein?

          Der frühere Nationalspieler Tobias Rau, siebenundzwanzig Jahre alt, 1,77 Meter groß, 69 Kilo schwer, fällt unter den Studienanfängern nicht auf. Sein Gesicht unter den hellblonden, strubbeligen Haaren wirkt jungenhaft. Mit Adidas-Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen folgt er dem Dresscode der Sportstudenten, aus seiner Tasche ragt ein Badmintonschläger. Den hat er eingepackt für das Seminar „Rückschlagspiele“. Es passt, dass dieser Kurs in seinem Stundenplan steht: Mit Rückschlägen kennt Rau sich aus. Im Grunde ist für ihn der Fußball die ganzen Jahre über ein einziges Rückschlagspiel gewesen.

          Im Audimax der Uni Bielefeld

          Ein bisschen irreal

          Dabei läuft zunächst alles besser, als es der fußballbegeisterte Junge aus dem Braunschweiger Stadtteil Ölper sich erträumt hätte. Nach ersten Kickversuchen bei den Sportfreunden Ölper wechselt er zur Eintracht. Später geht Rau zum VfL Wolfsburg. Was folgt, ist, wie Rau im Rückblick sagt, „ein bisschen irreal“: Nicht nur der große FC Bayern macht ihm Avancen, denen er schließlich nachgibt, auch Völler meldet sich. Am 12. Februar 2003 gibt Rau gegen Spanien sein Debüt in der Nationalelf (siehe: Fußball: Mit Lauth und Rau, aber ohne Kuranyi). Es wird symptomatisch verlaufen für seine Karriere: schwungvoll gestartet, früh gestoppt - durch eine Verletzung. Mit einer Sehnenreizung im Knie wird Rau in der 50. Minute ausgewechselt. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagt er. Und so kommt es dann auch.

          Der FC Bayern München ist schon manchem Spieler zum Verhängnis geworden. Rau, der im Sommer 2003 für eine Ablöse von 2,25 Millionen Euro wechselt (siehe: Bayern München: Rau soll Lizarazu-Nachfolger werden), stapelt bewusst tief: „Ich will viel lernen und so viele Kurzeinsätze wie möglich bestreiten.“ Nur das erste Vorhaben gelingt. Bixente Lizarazu ist als Linksverteidiger gesetzt, sein junger Herausforderer wird von Verletzungen geplagt. Auf acht Einsätze kommt Rau im ersten Jahr bei den Bayern. Im zweiten werden es fünf. Nachdem Trainer Felix Magath überraschend den nach Marseille abgewanderten Lizarazu zurückholt (siehe: Comeback: Lizarazu kehrt zum FC Bayern zurück ), spielt Rau, wenn er nicht verletzt ist, bei den Amateuren mit. Mit dem Stigma des gescheiterten Talents wechselt er im Sommer 2005 zu Arminia Bielefeld.

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