Es muss ein herrlicher Tag gewesen sein für die Reisegruppe aus Fürth. Sicher, ein Heimspiel wäre noch ein bisschen schöner gewesen. Aber auch so erfreuten sich 2300 Fans der Spielvereinigung Greuther Fürth im Frankfurter Stadion am Bornheimer Hang am ersten Auftritt ihrer Mannschaft, seit der Bundesliga-Aufstieg feststeht. Fast 90 Minuten lang sangen sie, hüpften, schwenkten ihre grünweißen Fahnen, fast 90 Minuten schien dazu die Abendsonne auf ihren Block. Ein erstklassiges Gefühl - und entsprechend glückliche Gesichter.
Knapp hundert Meter entfernt, auf der Fürther Bank, saß ein Mann, dessen Laune nicht ganz zum Anlass zu passen schien. Ernst, fast ein bisschen grimmig verfolgte Mike Büskens das Spiel. Und wenn er einmal kurz von seinem Platz aufstand, dann um zu schimpfen: über die Unaufmerksamkeit seiner Abwehr beim Führungstor des FSV. Über einen nicht sauber ausgespielten Angriff. Über eine strittige Schiedsrichterentscheidung. Erst mit dem Ausgleich und dann nach dem Schlusspfiff, als Fans und Team feierten, wurde auch der Trainer ein wenig gelöster, herzte seine Spieler und legte die Aufstiegskluft, T-Shirt und Schal, an.
Von der „Verpflichtung“, die man noch habe, sprach Büskens später. Den anderen Mannschaften gegenüber, die noch im Wettbewerb stehen. Und gegenüber den Fans. „Der sind wir nicht nachgekommen“, sagte er, „und das hat mich geärgert. Vermutlich ist es genau diese Eigenschaft, die die Erfolgsstory des Jahres, zu der auch der Einzug ins Pokal-Halbfinale gehörte, ermöglicht hat: niemals nachlassen. Immer weiter nach vorn. Gepredigt wird das überall. Fürth aber hatte diese Mentalität ganz besonders nötig. Wo so oft in so kurzer Zeit der Aufstieg so knapp verpasst wurde (siebenmal Fünfter und einmal Vierter in elf Jahren), da nutzt der Zweifel jeden noch so kleinen Spalt. Wenn ihm der fränkische Fußball-Fatalismus mit seinem Glauben ans immerwährende Scheitern nicht gleich ganz die Tür öffnet.
Büskens, der gebürtige Düsseldorfer und einstige Schalker „Eurofighter“, ist mit dem ersten Bundesliga-Aufstieg des Meisters von 1914, 1916 und 1929 ein fränkischer Volksheld geworden. In der Nacht zum Dienstag, als in Fürth Tausende den Aufstieg begossen, den der Dresdner Sieg gegen Düsseldorf perfekt gemacht hatte, benannten die Fans eine Altstadtgasse in „Mike-Büskens-Allee“ um. Auch die Mannschaft schwelgt im Lob. Büskens sei „einer, der das Ziel gelebt hat“, sagt Thomas Kleine, der Kapitän. Und einer, der „reingebracht hat, dass man sich in Fürth nicht kleiner macht, als man ist“. Gerald Asamoah, der in gemeinsamen Schalker Tagen mit Büskens zweimal den DFB-Pokal gewann, wies darauf hin, „wie viele hier gekommen und gegangen sind - und er hat es geschafft“.
Seine Familie lebt in Gelsenkirchen
Die größten Schwärmereien aber kommen aus dem Mund des Präsidenten. Für Helmut Hack ist Büskens schlicht der „Vater des Aufstiegs“ - „weil er eine ganze Mannschaft in seinen Bann nimmt.“ Hack war es, der Büskens im Dezember 2009 nach Fürth geholt hat. Es war eine Verpflichtung nicht ohne Risiko. Das Team war vom Abstieg bedroht und Büskens ein Trainer, der außer einem guten Eindruck als Interimscoach beim FC Schalke nichts vorzuweisen hatte. Hack hat also allen Grund, stolz zu sein - auch auf seinen eigenen Schachzug. Und doch dürften die Schmeicheleien zugleich ein anderes Ziel verfolgen: Entscheidungshilfe. Noch ist nämlich nicht klar, ob Büskens auch im nächsten Jahr Trainer in Fürth ist. Bleibt er oder bleibt er nicht? Das ist das große Gänseblümchenspiel, das nun schon quälend lange beim „Kleeblatt“ gespielt wird. Ausgang ungewiss.
Bei aller Verehrung, die Büskens in Franken entgegengebracht wird, heimisch geworden ist er dort noch nicht. Er hat in Fürth ein Hotelzimmer, seine Familie aber, Frau und zwei Töchter, lebt weiter in Gelsenkirchen. Und das ist für Büskens, den Familienmenschen, ein Zustand, der der ständigen Überprüfung bedarf. Und an diesem Prozess lässt er niemanden teilhaben. Selbst am Dienstag, als alle im Aufstiegsrausch auf ein positives Signal gehofft hatten, blieb er in dieser Frage ganz nüchtern. „Es ist ein Kriterium“, sagte er zur Familienfrage. „Ob es ein Ausschlusskriterium ist, werden wir sehen.“ Wie es heißt, weiß niemand im Verein wirklich, was Büskens vorhat.
Zugleich jedoch fragt sich mancher, was das lange Zögern zu bedeuten hat. Schließlich will die neue Saison geplant sein. Und die Familie, hätte man das nicht auch früher klären können? Spekuliert da am Ende einer auf einen größeren Klub näher an der Heimat? Präsident Hack gibt sich in dieser Frage demonstrativ gelassen. „Alles ist wunderbar und gut so“, sagt er. „Wir haben keine Hektik.“ Vielleicht will er seinen wichtigsten Mann aber auch einfach nicht unter Druck setzen. Weil er weiß, dass die Bindungskraft der Fürther Fußballfamilie, die er so gern beschwört, im Zweifel gegen die der echten nicht ankommt.
Büskens betont zwar, wie sehr ihm der Klub ans Herz gewachsen sei, legt aber auch großen Wert auf seine Unabhängigkeit. „Es kann auch sein, dass ich im Juli Privatier bin oder das Spiel hier für Schalke-TV kommentiere“, sagt er. Und auch wenn er dabei nicht so kokettierend wirkt wie sein Frankfurter Kollege Armin Veh: Um manchen in Franken schon wieder das Schlimmste glauben zu lassen, genügt es allemal. Die Hoffnung ist freilich eine andere. Dass Büskens sich doch noch dazu entschließt, seine beiden Familien unter einen Hut zu bringen.
Henry Kissinger findets gut
Christoph Rohde (prediger1)
- 27.04.2012, 19:27 Uhr