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Fürth gegen Nürnberg Großmutter aller Derbys

 ·  Wo die fränkische Gemütlichkeit endet: Kein Nachbarschaftsduell fand häufiger statt als das zwischen Nürnberg und Fürth. Nun treffen die beiden Rivalen erstmals in der Bundesliga aufeinander.

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© picture-alliance / M.i.S.-Sportp Fürther Freude: Die Spielvereinigung hatte das Vergnügen des letzten Derbysiegs

So ziemlich den ganzen Mittwoch haben Dieter Hecking und Mike Büskens zusammen verbracht. Was man für etwas merkwürdig halten kann, schließlich treffen ihre beiden Mannschaften an diesem Samstag in der Fußball-Bundesliga aufeinander. Es wird aber noch merkwürdiger. Die Interviews, die sie gemeinsam gegeben haben, waren nicht etwa wie üblich von den Redaktionen angefragt. Hecking und Büskens haben sich vielmehr praktisch selbst eingeladen. Es ging darum, ein Zeichen zu setzen. Und so drehten sich die Gespräche weniger um die Herren Hecking und Büskens selbst - was in gewisser Weise schade war, weil beide sehr unterhaltsam von der Kollision ihrer zupackenden westfälischen Mentalität mit dem fränkischen Fußball-Fatalismus hätten berichten können. Die Botschaft der beiden Trainer ans Publikum aber war diesmal wichtiger: Seht her, Nürnberger und Fürther setzen sich an einen Tisch und reden miteinander, wie vernünftige Menschen das eben tun.

In Franken fürchtet man, dass es Menschen gibt, die anderes vorhaben an diesem Wochenende. Die das 255. fränkische Derby zum Anlass nehmen könnten, die Hierarchie in der Region auf unsportliche Weise zu klären. Die Sicherheit rund um den Fürther Ronhof, das kleinste Erstliga-Stadion und mitten in einem Wohngebiet, ist in diesen Tagen das Thema Nummer eins. Wenn man Martin Bader, den Sportvorstand des 1. FC Nürnberg, darauf anspricht, erntet man schon eine ziemlich genervte Reaktion. „Ich werde langsam müde, mich immer wieder über diese Sache zu unterhalten“, sagt er.

Lebensgefühl mit schwarzen Mützen

Immer werde nur das Negative gesucht, nie das Positive - wie am vergangenen Wochenende, als die Nürnberger Fans mit ihrer Choreographie des ungarischen Trainers Jenö Konrád gedachten, der in den dreißiger Jahren als Jude von den Nazis verjagt worden war. Ein Zeichen, das „nirgendwo Beachtung gefunden“ habe, schimpft Bader. Aber natürlich weiß auch er um die spezielle Vorgeschichte zu diesem Derby. Und die kann man nicht rosarot sehen. Vor dem Zweitligaduell 2004 zogen rund 2500 teils vermummte Nürnberger Fans durch die Fürther Innenstadt Richtung Stadion, und auch wenn das Wort „marodierend“ danach vielen etwas leicht von den Lippen ging - es wurde weder verheert noch gebrandschatzt -, weckte der „Marsch auf Fürth“ ein unangenehmes und bis dato unbekanntes Gefühl der Bedrohung in der sonst so beschaulichen Stadt.

Unter Nürnberger Fans ist es ein Lebensgefühl, „Anti Fü“ zu sein und das offensiv zur Schau zu stellen. Die schwarzen Mützen mit dem Slogan sind ein Renner, aber auch im Straßenbild, auf Aufklebern oder in Graffiti, kann man das sehen. Was man noch als Derby-Folklore abtun könnte - wären da nicht zwei andere Vorfälle in ebenso frischer wie unangenehmer Erinnerung. Nach dem Fürther Sieg im Pokalspiel im vergangenen Dezember in Nürnberg stürmten „Club“-Fans den Platz und schienen Jagd auf alles Weiß-Grüne machen zu wollen. Und vor ein paar Wochen fiel eine Horde Nürnberger mit finsteren Absichten in ein Lokal ein, in dem gerade Fürther Fans saßen und, so heißt es, über konstruktive Ansätze in der Gewaltdebatte brüteten. Beide Male ging es glimpflich aus. Aber man spürte, dass das nicht immer so bleiben muss.

Wie immer in solchen Fällen gibt es unterschiedliche Interpretationen der wahren Gefahrenlage - und unterschiedliche Arten damit umzugehen. Die Klubs entschieden sich vernünftigerweise für die Demonstration eines kollegialen Miteinanders. Tatsächlich geht es auf der Arbeitsebene ja auch gesittet nachbarschaftlich zu, selbst wenn man im Jugendbereich um dieselben Talente wirbt. Etwas unglücklich war jedoch, dass nicht aus allen Maßnahmen der Geist der Verständigung sprach. Die Fürther Verwaltung etwa versuchte, die Innenstadt am Samstag praktisch zum Sperrgebiet für „Club“-Fans zu erklären. Die Fürther Klubverantwortlichen wiederum untersagten den Nürnbergern eine Choreographie im Gästeblock. Beides wurde inzwischen gekippt, ersteres durch Gerichtsbeschluss, letzteres durch Einsicht - das Gefühl der Provokation, berechtigt oder nicht, blieb aber im Raum.

Verwundete Nürnberger Seele

So viel Reibung mag manchen verwundern. „Fränkisches Derby“, das klingt nach Behaglichkeit und nicht nach Aggression. Und wenn es nicht gerade um Fußball geht, ist die fränkische Lebensart ja tatsächlich eher von Gemütlichkeit als von Streitlust geprägt. Natürlich spielt die Historie eine Rolle. Fürth gegen Nürnberg, das ist das älteste und das meistgespielte der großen deutschen Nachbarschaftsduelle - die „Großmutter aller Derbys“, wie der Fürther Klubchef Helmut Hack sagt. In den zwanziger Jahren waren Nürnberg und Fürth erste Adressen im deutschen Fußball. Gerne wird an jenes Länderspiel 1924 in Amsterdam erinnert, das ausschließlich von Spielern der beiden Vereine bestritten wurde - die wegen der Rivalität in getrennten Zugwaggons untergebracht wurden. 1973 kam es zu einem Spielabbruch, weil Nürnberger Fans Feuerwerkskörper gezündet hatten und auf den Platz gestürmt waren. Die Erinnerungen der Zeitzeugen, die in diesen Tagen befragt werden, deuten aber auch darauf hin, dass die Emotionen eher beim Publikum über die Stränge schlugen. Die Spieler schienen sich nach den Duellen auf dem Platz durchaus gemeinsam am Tresen wohlzufühlen.

Im Grunde war es auch so, dass sich lange niemand für dieses Derby interessierte, weil, wie Hack sagt, Fürth „für einige Jahrzehnte in der Versenkung verschwunden“ war - bis die Fusion der Fürther Spielvereinigung mit dem TSV Vestenbergsgreuth, Hacks Heimatverein, Früchte trug. Nun also zum ersten Mal auf Augenhöhe in der Bundesliga. „Jetzt“, sagt Bader, „ist es ein richtiges Derby“. Zu dem er durchaus „mit Bauchgrummeln“ fährt, wie er sagt. Was nicht so viel mit den Fürthern zu tun haben dürfte. Dort überwiegt trotz der prekären sportlichen Lage das Gefühl der Dankbarkeit, in der ersten Liga dabei sein zu dürfen. Dass das Verhältnis so verzwickt ist, hat mehr mit der Nürnberger Seele und ihren Verwundungen zu tun.

Alles ist gut - solange der Kleinere nicht gewinnt

Wie jedes andere Derby definiert sich auch dieses über Größe. Und da mag es unter den Nachbarn unstrittig sein, dass der „Club“ die Nummer eins in der Region ist und bleiben wird. Das Problem ist nur, dass die Nürnberger Selbstwahrnehmung immer wieder von einem Gefühl der Schwäche unterminiert wird. Die sich aus einer allgemeinen fränkischen Demutshaltung - manche würden sagen: Minderwertigkeitsgefühl - und der speziellen Geschichte des sportlichen Scheiterns speist. Und da scheint es mancher ganz komfortabel zu finden, einen Schwächeren zu haben, auf dem sich rumhacken lässt. So lange der Kleinere nicht gewinnt.

Als vor vier Wochen Bilder von einer Blockade des Nürnberger Mannschaftsbusses durch die Medien gingen, war nicht die Niederlage gegen Schalke das Problem oder die Tatsache, dass es die fünfte in sechs Spielen war. Auch nicht die Aussicht auf eine mögliche Pleite im unbedeutenderen Derby, dem gegen die Bayern. Nein, die Fans wollten den Spielern klarmachen, dass alles passieren darf - nur eben eines nicht. Eine Niederlage an diesem 24. November in Fürth.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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