11.09.2011 · Felix Magath wird in Wolfsburg die Kompetenzfrage gestellt: Ist er fachlich und menschlich der Richtige? Der frühere Meistertrainer wehrt sich vor dem Spiel gegen Schalke.
Von Peter Heß, WolfsburgWenn Felix Magath wüsste, was Angst ist, dann würde er jetzt zumindest ein bisschen Bammel haben. Am Sonntag (17.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) spielt der 58 Jahre alte Fußball-Lehrer mit seinem VfL Wolfsburg gegen den FC Schalke 04. Ein prestigegeladenes Duell, weil er am 16. März dieses Jahres in Gelsenkirchen vom Hof gejagt wurde und am 18. März in Wolfsburg anheuerte. „Söldnermentalität“, urteilten die Medien damals. Auch die Schalker riefen ihm nicht viel Gutes hinterher.
So eine Begegnung mit der Vergangenheit verliert niemand gerne. Und schon gar nicht, wenn die Begeisterung im eigenen Haus abgekühlt ist. Die Rückkehr des Meistertrainers von 2009 nach Wolfsburg hat nach einem klassischen Fehlstart mit drei Bundesliganiederlagen in Serie und dem Scheitern im DFB-Pokal gegen einen Amateurverein von ihrem Glamour verloren. Aber die sportliche Situation ist nicht das Schlimmste. Wie in den Monaten vor der Trennung von Schalke stellen viele Magaths Kompetenz grundsätzlich in Frage. Seine fachliche und seine menschliche.
„Ich weiß auch nicht, warum ich keine Angst habe, aber ich hatte noch nie welche“, sagte Magath am vergangenen Mittwoch. Dabei fehlen seiner Mannschaft auch vor der Auseinandersetzung mit Schalke wichtige Voraussetzungen zum Erfolg. Zwölf neue Spieler kamen über den Sommer, sie können keine eingespielte Truppe sein. Und im Training treten die Defizite offen zutage. In den Übungsspielen stockt immer wieder der Kombinationsfluss, wenn er denn überhaupt mal eingesetzt hat.
Magath kennt keine Furcht, aber vielleicht hat ihn das ungute Gefühl beschlichen, dass er einer Niederlage gegen Schalke vorbauen, dass er Werbung für sich machen muss. Bei der Vorstellung von Alexander Hleb, seiner neuesten Errungenschaft für den VfL-Kader, forderte Magath den Mittelfeldspieler auf, doch zu sagen, warum er denn nach Wolfsburg gekommen sei. „Gehe ich recht in der Annahme, dass es dir wichtig war, zu einem Trainer zu kommen, den du kennst und schätzt?“, fragte Magath. Hleb nickte und grinste.
Bisher hatte es sich Magath geschenkt, auf seine Kritiker zu reagieren. Vor dem Schalke-Spiel will er ihnen etwas entgegensetzen. „Es ist falsch dargestellt, dass ich eine Ü-30-Auswahl verpflichtet habe, ich habe Ihnen eine Liste mitgebracht, auf der Sie das nachlesen können. Oder bemühen Sie sich auf unsere Homepage, da können Sie das auch sehen.“ Mit seiner bekannten Mischung aus Zynismus und Charme weist der Trainer nach, dass der VfL zu den älteren Mannschaften der Bundesliga zählt, jedoch keinesfalls eine Fußballrentnergruppe darstellt.
Aber damit trifft er nicht den Kern der Zweifel an seiner Transferpolitik, in dem es nicht vornehmlich um das Alter der Spieler geht. Die Nationalspieler Salihamidzic, Hitzlsperger, Cale, Kyrgiakos und Hleb zeichnet alle das Gleiche aus, dass sie bei ihren letzten Vereinen keine Verwendung mehr fanden. Ochs, Russ und Chris verbindet, dass sie alle vom Absteiger Eintracht Frankfurt kommen. Nur wenige von Magaths Transfers in diesem Sommer trafen den Publikumsgeschmack oder deckten sich mit dem allgemeinen gesunden Fußballmenschenverstand. Magath verteidigt seine Entscheidungen: „Ich verpflichte nicht danach, wen ich künftig am besten weiterverkaufen kann, sondern wer der Mannschaft weiterhilft.“
Und außerdem habe er so viele junge Spieler hochgebracht, wie kaum ein anderer, alleine vier aus der erfolgreichen VfL-A-Jugend. Aber Magath überzeugt nicht. Denn die A-Jugendlichen trainieren bis auf wenige Ausnahmefälle mit der zweiten Mannschaft. Magath erklärt das damit, dass er zweigleisig plane, für den sofortigen Erfolg und für die Zukunft. Den sofortigen Erfolg sollen die Haudegen wie Kyrgiakos, Hleb, Hitzlsperger und Chris bewerkstelligen. Die haben zwar keine Ablöse gekostet, leiden allerdings unter Anlaufschwierigkeiten, weil sie verletzt waren oder wenig Spielpraxis hatten. Und kommen sie nicht richtig in Fahrt, sind sie nicht mehr weiter vermittelbar und belasten den Kader.
Magath bleibt immer höflich, wenn er mit den scheinbaren oder realen Widersprüchen konfrontiert wird. „Natürlich gehe ich Risiken ein, wir werden hinterher sehen, wer recht hat. Bisher habe ich ja nie so richtig falsch gelegen“, sagt er. Magath wurde mit Wolfsburg Fünfter und Meister, mit Schalke Zweiter und war dann immer noch in der Champions League und im DFB-Pokal vertreten, als er wegen Misserfolgen in der Bundesliga, mehr aber noch wegen der Differenzen mit Spielern und Funktionären beurlaubt wurde. Diese Bilanz spricht für sich, und diese Bilanz lässt auch den VfL-Aufsichtsrat für Magath sprechen: „Wir vertrauen Magath, er hat es bisher am Ende immer geschafft“, sagte Francisco Garcia Sanz, VW-Vorstand, am Donnerstag der lokalen Presse. Auch der VW-Konzern, Hauptgeldgeber des VfL, hatte sich zuvor mit Kommentaren zurückgehalten, fühlte sich nun zu einer Stellungnahme genötigt.
Vor allem wegen des Falles Helmes, der hohe Wellen schlug. Magath suspendierte den Stürmer vom Mannschaftstraining - weil er zu wenig für die Defensive arbeite. Um dessen Laufvermögen zu steigern, verordnete der Wolfsburger Trainer seinem Stürmer einen mehrtägigen Joggingurlaub am Mittellandkanal, nachdem er ihm schon wie dessen Mannschaftskollegen Mandzukic eine Geldstrafe von 10.000 Euro wegen schlechten taktischen Verhaltens im Bundesligaspiel gegen Gladbach auferlegt hatte. Das ist Magaths Version.
Der Berater des Marathonmannes Helmes behauptete, die Suspendierung sei die Strafe dafür, dass sich sein Mandant einem Wechsel nach St. Etienne widersetzt habe. Gerd vom Bruch, 70 Jahre alt und früherer Bundesligatrainer in Gladbach, sprach von Willkür gegenüber seinem Profi und Zynismus, er wehrte sich in der Öffentlichkeit. Das Wort Menschenhandel fiel nicht, aber Helmes tat seine Verwunderung darüber kund, plötzlich mit einer Delegation aus St. Etienne verhandeln zu sollen, obwohl er in Wolfsburg bleiben wollte. „Was soll ich da, ich kann ja nicht mal Französisch.“
Mittlerweile hat eine Aussprache zwischen vom Bruch und Magath stattgefunden, die konstruktiv verlaufen sei, wie der Berater sagte. „Es geht mit dem sportlichen Alltag weiter.“ Der sieht so aus, dass Helmes wieder mit der Mannschaft trainieren darf. Die Stimmung im Team ist nicht gerade überschwänglich. Ob das alleine an der sportlichen Situation liegt oder auch an Magaths Methoden? Für unnötige Rückpässe sind in seinem Strafenkatalog 1000 Euro vorgesehen.
Der ehemalige Meistertrainer weist wie früher alle Vorwürfe zurück, dass er zu hart, zynisch oder gar menschenverachtend sei: „Alle meine Maßnahmen zielen allein darauf ab, die Mannschaft zu verbessern.“ VfL-Aufsichtsratschef Sanz formuliert es so: „Felix Magath ist Felix Magath. Jeder weiß, wie er arbeitet und dass er stets erfolgreich war. Er hat die sportliche Verantwortung und somit das Recht, solche Themen mit dem nötigen Ernst und der nötigen Durchsetzungskraft zu gestalten.“ Das Gleiche haben sie in Schalke gesagt, bis der Erfolg weniger wurde.