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Felix Magath Der Tausendsassa

26.04.2009 ·  Felix Magath kommt unspektakulär daher und ohne missionarische Rhetorik aus. Er hat den VfL Wolfsburg mit List und Wucht ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung gehievt. Das ist schon jetzt ein Meisterstück seiner Wertarbeit. Nun ist der Titel zum Greifen nah.

Von Roland Zorn, Wolfsburg
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Zuerst gab es die kleine Handgreiflichkeit zwischen Zvjezdan Misimovic und Rodrigo Alvim. Tags darauf folgte der selbstironische Kommentar der gesamten Mannschaft: Schattenboxen und Scheinringen beim Training des VfL Wolfsburg. Am Rande des Tummelplatzes sah Felix Magath dem munteren Treiben stillvergnügt zu. Der Regisseur des saisonalen Überraschungserfolgs auf Deutschlands großen Fußballbühnen hatte sich diese Tagespointe einfallen lassen, um damit die Nichtigkeit eines Vorfalls zu illustrieren, der in einem engagierten Profibetrieb auch zum Alltag gehört.

Magath hat den ostniedersächsischen Werksklub aus dem einstigen Zonenrandgebiet ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung gehievt. Der vom Volkswagen-Konzern generös unterstützte Verein führt seit drei Wochen die Tabelle der Bundesliga an und siegt und siegt und siegt seit Monaten. Zehnmal nacheinander bissen die „Wölfe“ zu – an diesem Sonntag soll in Cottbus der elfte volle Erfolg gefeiert werden.

Magath würde „Geld auf den FC Bayern“ setzen

Dass der jahrelang im Mittelmaß oder am Rande des Abstiegs vor sich hin werkelnde VfL zu einem schmucken Renner des deutschen Fußballs geworden ist und jenseits von Wolfsburg längst als einer der allerersten Titelkandidaten gilt, ist schon jetzt ein Meisterstück Magathscher Wertarbeit. Doch der Meister selbst bleibt nach außen ungerührt. „Wenn es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erlauben würde“, hat er gesagt, „würde ich auch Geld auf den FC Bayern München als Meister setzen.“

Der DFB erlaubt nicht und reagierte prompt mit dem Verweis auf die Statuten, die für solche Wetteinsätze wenig Spielraum lassen. Magath wiederum dürfte sich über die humorlose Antwort gefreut haben, da er diese wegweisende Fußball-Großinstitution wie auch selbsternannte Lehrmeister und Projektleiter des Fußballs – zum Beispiel Bundestrainer Joachim Löw oder dessen Vorgänger Jürgen Klinsmann – gern mal ein wenig piesackt. Der Kosmos Magaths kreist um die ewigen Werte eines Spiels, an dessen Perfektionierung er auf seine Weise hart, unspektakulär und ohne missionarische Rhetorik arbeitet.

In München Gefangener des Ruhms

Der 55 Jahre alte Unterfranke gehört zwar einerseits seit Jahren zu den etablierten Größen der deutschen Trainergilde, hat sich dabei aber andererseits immer eine Aura der Distanz und Autonomie bewahrt. Dass dieser stets picobello gekleidete Fußballlehrer – sieht man von seiner algengrünen Glückskrawatte bei den Wolfsburger Spielen einmal ab – in seiner Zeit als Cheftrainer des FC Bayern München trotz des doppelten Doublegewinns nicht restlos glücklich war, hat er später nie verhehlt. Eine Fülle von Entscheidungen im Einklang mit den bayerischen Koryphäen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge treffen zu müssen ist ohne Reibungsverluste nicht möglich gewesen. Insofern war Magath in München auch ein Gefangener des eigenen Ruhms.

Nach all den Titeln aus den Jahren 2005 und 2006 scheint er sein Glück auf Bundesliga-Erden beim VfL Wolfsburg gefunden zu haben. Hier entscheidet er fast alles in Personalunion: Trainer, Sportdirektor und Geschäftsführer. Eine Konstellation, unter der Magath bisher nie gelitten hat. Die Bestsellerfrage „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ hat er selbst sich nie gestellt. Magath macht „sein Ding“ voller Freude und verziert das Ganze noch an seinen oft ellenlangen Arbeitstagen mit der Extraqualität eines begehrten PR-Profis.

Geformt von Branko Zebec und Ernst Happel

In Wolfsburg hat der Architekt des VfL-Aufstiegs an die nationale Fußballspitze seit seinem Amtsantritt zum 1. Juli 2007 eine Mannschaft komponiert, die zum zweiten Markenzeichen der Autostadt geworden ist. Rund 65 Millionen sinnvoll investierte Euro hat der Tausendsassa ausgeben dürfen, um mit Grafite und Dzeko und Misimovic und Benaglio und Schäfer und Gentner die Liga zu erobern. Eine Kreation in Grün, die selbst Magaths schärfste Kritiker für den Augenblick hat verstummen lassen.

Der Trainer selbst ist sich und seinem Arbeitsethos, maßgeblich geformt während seiner Spielmacherkarriere beim Hamburger SV unter den Lehrherren Branko Zebec und Ernst Happel, treu geblieben. Andererseits wäre es zu kurz gegriffen, den Felix Magath von heute als reinen Traditionalisten und Lordsiegelbewahrer des Fußball-Konservatismus abzustempeln. Dazu ist der Wolfsburger Übungsleiter, zu dessen Helferteam seit kurzem sogar ein Mentaltrainer gehört, ein Leben lang viel zu neugierig gewesen.

Gegen Schluss stärker als die anderen

Nach einer Reihe von Rettermissionen in seinen frühen Trainerjahren wurde Magath erstmals beim VfB in Stuttgart zum Förderer der Jugend. In Wolfsburg fischt er heute aus einem internationalen Talentepool, den er selbst mit dem Knowhow des Kenners angelegt hat. Dabei hat dieser Trainer seine Konsequenz und Härte in der konditionellen Arbeit inzwischen derart auf den Punkt gebracht, dass Magath-Teams immer auch Endspurt-Mannschaften sind. Gegen Schluss stärker als die anderen zu sein, das zeichnet die vom ehemaligen „Quälix“ getrimmten Spieler wie selbstverständlich aus.

Dazu kommt manchmal die unbändige Lust am zielstrebigen Spiel, mit der die Wolfsburger kürzlich beim 5:1-Triumph den Münchner Meister überfielen. Das hat Magath gefallen, wie der VfL mit der List und der Wucht der Asterix-Gallier die alten Machthaber im deutschen Fußball auseinandergenommen hat. Doch der Trainer war viel zu klug, um danach auch persönliche Rechnungen auszustellen. Denn zweifellos hat es dem sensiblen Kämpfer weh getan, wie man ihn bei den Bayern Ende Januar 2007 abservierte.

Platz fünf - Scherz eines trickreichen Spielers

Zupacken und Tee trinken, so geht der dreieinige Magath seine Arbeitstage in Wolfsburg an. Auf dem Trainingsgelände im Schatten der Volkswagen Arena hat er einen Parcours bauen lassen mit zwei steil nach oben weisenden Rampen und Treppenstufen. Auf diesen Mount Magath müssen sich die taufrischen Meisterkandidaten derzeit nicht quälen. Der „Berg“ ruft wohl erst zur neuen Saison, wenn neue Wolfsburger Gipfelstürme ins Auge gefasst werden. Mit dem Chef-Alpinisten Magath vorneweg, der auch mal gefürchtet sein will, wenn es ihm notwendig erscheint. „Ich muss versuchen, so emotionslos wie möglich zu entscheiden“, sagt der Trainer über sein Führungsprinzip, „das gibt mir mehr Freiheit und Handlungsspielräume.“

Dem kühlen, manchmal auch zynischen oder cholerischen Magath steht der freundliche, liebenswerte, zur Ironie neigende Magath gegenüber. Der Mann, der auch mal lächelnd so tut, als ob – und also, zum Wohle, einen Campari oder ein Weizenbier oder einen Cocktail, alles ohne Alkoholgehalt, bestellt. Umgekehrt ist es so auch bei der vermeintlichen Abstinenz von Meisterzutaten in der Saisonzielsetzung. Magath bleibt notorisch bei Platz fünf hängen, was längst nur noch als Scherz eines trickreichen Spielers empfunden wird.

Verwunderung über Eitelkeiten und Egotrips

Mal sehen, wie lange Magath noch Geld auf die Bayern setzen kann, wenn sein VfL so weiter siegt wie seit Monaten. Für diese Fortsetzungsgeschichte investiert der Trainer auch ein Quantum Aberglauben, wenn er vor jedem Heimspiel mit seiner Mannschaft im Wolfsburger Cinemaxx Actionfilme über sich ergehen lässt, die er selbst schrecklich findet. Knalleffekte für den Sieg – was man nicht alles billigend in Kauf nimmt.

So wie das Ballyhoo um den jahrelang übersehenen und für provinziell-dröge gehaltenen Klub. Magath steuert es mit einer Professionalität wie nur wenige Kollegen seiner Zunft. Manchmal aber wundert auch er sich über die vielen Eitelkeiten und Egotrips, denen er sich alltäglich gegenübersieht. Dann fragt sich der Purist und leidenschaftliche Jogger Magath schon mal, „was das alles noch mit Sport zu tun hat“. Auf die Frage, wer denn für ihn Athleten par excellence seien, fällt dem Fußballfachmann Magath sogleich die Antwort ein: „Kunstturner zum Beispiel.“

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