10.11.2008 · Der FC St. Pauli ist derzeit eine der Überraschungen der zweiten Fußball-Bundesliga. Zu verdanken haben die Hamburger ihren Höhenflug auch Trainer Stanislawski. Dabei arbeitet er derzeit unter äußerst erschwerten Bedingungen.
Von Frank Heike, HamburgVier Mädchen mit braunen Jacken, zwei Rentner mit Kaffeetassen und drei Fans mittleren Alters: Der Andrang hält sich an diesem trüben Novembernachmittag in Grenzen. Aber es gibt auch gar nichts zu sehen. Denn trainiert hat der FC St. Pauli schon am Vormittag, und die zweite Einheit besteht aus einer Mannschaftsbesprechung. Die Mädchen mit dem Totenkopf auf den Jacken lauschen an der Kabinentür und freuen sich, wenn sie ein paar Wortfetzen aufschnappen. Später holen sie sich Autogramme.
Es ist Holger Stanislawski, der drinnen zu hören ist. Auf dem Trainingsgelände des FC im Stadtteil Niendorf gibt es ziemlich wenig Glamour; die Autos der Profis sind mindestens eine Nummer kleiner als beim HSV, in der Gaststätte kommt der Kaffee aus der Pumpkanne, und ständig rauschen die Flugzeuge über die beiden Rasenplätze hinweg.
Vergangenheit bei St. Pauli soll Vergangenheit bleiben
Für Trainer Stanislawski, seit 1993 im Klub, bietet diese Trainingsanlage genau die Normalität, die er mag. Wenn es nach ihm ginge, muss der irgendwie andere Klub ganz und gar nicht anders sein, er muss auch nicht die Schlagzeilen beherrschen. „Für das Etikett Kultklub können wir uns nichts kaufen“, sagt er gern. Die Vergangenheit mit Fast- und Beinahe-Pleiten, mit Rettungsaktionen und Finanzspritzen und dem tiefen Tal der Drittklassigkeit, sie soll Vergangenheit bleiben.
Stanislawski arbeitet gerade höchst erfolgreich daran, den FC St. Pauli in der Zweiten Fußball-Bundesliga zu etablieren. Seit zwei Jahren trainiert der 39 Jahre alte Hamburger seinen Lieblingsverein. Man kennt Stanislawski als robusten Innenverteidiger mit limitierten Fertigkeiten; die beiden jüngsten Erstliga-Abenteuer machte er als schnoddriger Wortführer und Vorzeigeprofi mit - nun könnte er den Verein von der Reeperbahn wieder die erste Klasse führen.
Präsident Littmann lässt „Stani“ die Schlagzeilen
Vor der Partie beim SC Freiburg an diesem Montag (20.15 Uhr / Live bei Premiere, im DSF und im FAZ.NET-Liveticker) steht der FC St. Pauli überraschend gut da - auf Rang fünf. Doch Stanislawski hat das Wort „Aufstieg“ auf den Index gesetzt. „Ein Tabuthema“, sagt er, nachdem sich „Pauli“ mit drei Siegen in der englischen Woche oben eingenistet hat. Stanislawski weiß, dass in der zweiten Liga alles möglich ist. Sollte der heimstarke FC endlich seine Auswärtsschwäche überwinden, könnte tatsächlich ein Spitzenplatz herausspringen.
Beim FC St. Pauli hört alles auf Stanislawskis Wort, und das ist gut so. Keiner kennt den Klub besser. Erst Spieler, dann notgedrungen Manager, nun Trainer: Stanislawski lebt St. Pauli. In seinen Assistenten André Trulsen und Klaus-Peter Nemt hat er loyale Gefährten an der Seite. Manager Helmut Schulte ist nach Jahren im Westen froh, wieder in Hamburg zu sein, und hält sich im Hintergrund. Selbst Präsident Corny Littmann lässt „Stani“ die Schlagzeilen.
Das Praktikum wird beim eigenen Team absolviert
Dabei zitterte der ganze Klub, als klar wurde, dass Stanislawski fast die ganze Saison in Köln weilen würde, um den Fußballlehrerschein zu machen. Noch bis Ende April 2009 drückt er zusammen mit anderen Schülern wie Steffen Freund, Christian Ziege oder Manfred Bender die Schulbank. Der Spieler Charles Takye verließ den FC sogar in Richtung Fürth, weil er fürchtete, ohne Stanislawski nicht weiterzukommen.
Von Montag bis Donnerstag in Köln, dann schnell nach Hamburg - es ist ein Segen, dass es innerhalb der Ausbildung Praktika gibt. Und wo absolviert die Holger Stanislawski wohl? Beim FC St. Pauli. Derzeit ist wieder Praktikumszeit, und der Chefcoach kann weiter an seinem Team feilen. Die Lehrgangskollegen sind voll des Lobes über Stanislawski. Dass er ein guter Motivator ist, hatte man noch erwartet. Doch in Köln fällt er auch als akribischer Arbeiter auf, der auf das Abendbier in der Gruppe verzichtet und lieber übers Team nachdenkt.
„Wir spielen immer auf Sieg und können jeden schlagen“
Denn Stanislawski möchte den FC St. Pauli ändern. Aus der Truppe von traditionellen Kämpfern und Rennern, mit limitierten Fähigkeiten ausgestattet, soll eine spielende Mannschaft werden. Die Renner vom Millerntor: Das ist nur noch ein Klischee, findet der Trainer: „Wer das behauptet, hat keine Ahnung. Wir spielen immer auf Sieg und können jeden schlagen - überall“, sagt Stanislawski.
Einige gute Griffe bei den Neuverpflichtungen haben geholfen, die „Paulianer“ nach oben zu führen. Torwart Mathias Hain hat die Problemzone Tor beseitigt. Rouwen Hennings und Marius Ebbers haben den Klub im Sturm weniger vorhersehbar gemacht. Filip Trojan spielt in seinem zweiten Jahr bei St. Pauli stark. Und dann sind in Eger und Boll noch wertvolle Defensivkräfte da, die schon zu Regionalligazeiten halfen.
Lange stand man nicht mehr so gut wie im November 2008
Aber der FC St. Pauli ist mit diesem Kader auch ein Camp für Problemfälle. Spieler wie Schnitzler, Ludwig, auch Hennings oder Ebbers, sie alle haben den Hang zur Nachlässigkeit - da muss Stanislawski Pädagoge sein. Natürlich bekommt ein immer noch klammer Klub wie der FC St. Pauli keine Stars. Stanislawski schaut genau hin, wen er holt, und bisher passt es.
Das hat auch Präsident Littmann längst gemerkt. So könnte die Mitgliederversammlung am 22. November darin gipfeln, Stanislawskis Vertrag bis zum Jahr 2012 zu verlängern. Oft genug gab es bei den Jahrestreffen der Mitglieder wilde Folklore, Beschuldigungen, Tumulte. So etwas soll der Vergangenheit angehören. In der Liga gut positioniert, Ruhe im Gesamtverein und ein ausgebautes Stadion, das immer schöner wird: Lange nicht mehr stand der FC St. Pauli so gut da wie im November 2008.
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |