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Bundesliga gegen Bremen : Das schwierige Schalker Projekt

  • -Aktualisiert am

Verstärkt als Entwickler von Einzelspielern gefordert: Schalkes Trainer Domenico Tedesco. Bild: dpa

Der Saisonstart der Königsblauen ging gründlich schief. Nun sind die Schalker zumindest wieder erfolgreich und auf dem Weg nach oben in der Tabelle. Dennoch sind sie nicht ganz zufrieden mit ihrem Spiel.

          Es wäre zweifellos ein sehr besonderer Moment, wenn Claudio Pizarro am Samstagabend (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) irgendwann in Gelsenkirchen zum Einsatz käme und dort auf seinen alten Gefährten Naldo träfe. Der Bremer Stürmer ist mit seinen 40 Jahren der im Moment älteste Spieler der Bundesliga, während der Schalker Verteidiger in dieser Woche trotz seines fortgeschrittenen Alters von mittlerweile 36 Jahren gerade einen neuen, bis 2020 laufenden, Vertrag unterschrieben hat. Auch Naldo möchte mit 40 noch professionellen Fußball spielen, und dass die beiden zwischen 2009 und 2012 drei Jahre zusammen für Werder Bremen durch die Stadien der Liga tourten, macht den „Oldie-Gipfel“ zu einer hübschen Randepisode des achten Bundesliga-Spieltags. Zumal die beiden Routiniers bestens passende Repräsentanten des jeweiligen Charakters ihrer Teams sind: hier die von Naldo angeführten Verteidigungskünstler aus dem Revier und dort die stürmischen Bremer des Angreifers Pizarro.

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          Als Domenico Tedesco in dieser Woche nach seiner Meinung zum kommenden Gegner und dessen Trainer gefragt wurde, lag eine satte Portion Bewunderung in seiner Antwort. Persönlich kenne er Florian Kohfeldt zwar kaum, sagte der Schalker Fußball-Lehrer, aber die öffentlichen Auftritte seines Kollegen von der Weser empfinde er als echte Bereicherung im von Floskeln überwucherten medialen Bundesligaalltag. Kohfeldt wirke „sehr bodenständig, sehr sozial, sehr affin“, das gefalle ihm. Und als Tedesco auf die Spielweise der Bremer angesprochen wurde, mischte sich sogar ein Hauch von Neid in die Bewunderung. „Sehr offensivstark“ sei das Ensemble um Pizarro, Max Kruse, Yuya Osako, Davy Klaassen und Maximilian Eggestein. Spätestens jetzt war Tedesco in der eigenen Problemzone angekommen: Schalke 04, das zweitbeste Bundesligateam der vorigen Saison, plagt sich seit vielen Wochen – Kritiker sagen sogar: seit Monaten – mit der Qualität des eigenen Spiels mit dem Ball.

          In der vorigen Saison war der FC Schalke unbestritten sehr erfolgreich, war vor allem in der Kategorie Effizienz weit vorne. Aber die Herzen der Fußballnation eroberte die Mannschaft nicht, dazu spielte sie viel zu pragmatisch. Selten gab es einen Bundesligaklub, der sich mit so wenig Esprit, Ideenreichtum, Offensivgeist und künstlerischer Finesse für die Champions League qualifizierte. „Ziel ist es, Ballbesitzfußball zu spielen, wir wollen dominant sein und begeisternden Fußball zeigen“, hatte Manager Christian Heidel daraufhin im Frühjahr erklärt und damit womöglich ein Problem geschaffen, das zu den Ursachen für den misslungenen Start ins laufende Spieljahr zählt. Die ersten fünf Partien haben die Gelsenkirchener ja verloren, womöglich auch, weil nicht alle Beteiligten überzeugt genug waren vom Projekt Spielverschönerung.

          Schon nach der Niederlage gegen Hertha BSC am zweiten Spieltag kündigte Tedesco an, jene Eigenschaften zu reaktivieren, die sein Team „in der vergangenen Saison stark gemacht“ hatten, und diese Woche erklärte Naldo: „Wenn es heißt, Schalke spiele nicht schön, frage ich mich: Wer spielt denn immer schön? Letztlich geht es darum, effektiv zu sein.“ In der vorigen Saison waren die Gelsenkirchener auch deshalb so erfolgreich, weil intern niemand am eigenen Stil zweifelte – der Kader, die Trainer, der Manager, der Aufsichtsratschef, die Mehrheit des Anhangs; alle waren sicher, dass der richtige Weg gefunden worden war. In gewisser Weise passt der hingebungsvolle Minimalismus ja zu dieser Stadt, in der Kreativität, künstlerischer Glanz und spielerischer Übermut weniger heimisch sind als an vielen anderen Bundesligastandorten. Eigentlich kann es niemanden überraschen, dass sich der FC Schalke der vorigen Saison nicht in eine Mannschaft verwandeln lässt, die zumindest schwächere Gegner mit viel eigenem Ballbesitz auseinanderspielen kann.


          Den Vorsatz, attraktiver zu spielen, verfolgen sie aber auch weiterhin. Schon in den drei erfolgreichen Partien gegen Mainz, in Düsseldorf und in Moskau, die auf die fünf Startniederlagen gefolgt waren, hat Tedesco „Veränderungen gesehen“. Es wurde „nicht mehr so viel auf zweite Bälle spekuliert“, um die Räume rund um die Mittellinie mit Pässen zu überbrücken. Gegenüber dem „Kicker“ bezeichnete der Trainer den derzeitigen Ansatz als „Mix“, es ist ein langsamer Prozess, an dessen Ende ein wirklich spürbarer Zugewinn an Spielkultur stehen soll. Ein Prozess, der auch abhängig ist von den individuellen Fortschritten, die einzelne Spieler machen.

          Erkennbar war, dass die Anwesenheit von Sebastian Rudy der Passqualität in den engen Mittelfeldräumen sehr gut tut, doch das mitunter etwas energielose Zweikampfverhalten des Nationalspielers trug auch zu diversen Gegentoren in der Misserfolgsphase bei. Mark Uth ist ein guter Anläufer, der den gegnerischem Spielaufbau stört, bei eigenem Ballbesitz spielte der ehemalige Hoffenheimer bislang aber noch nicht überzeugend. Und Yevhen Konoplyanka, Nabil Bentaleb oder Amine Harit mangelt es an Konstanz. Tedesco ist daher verstärkt als Entwickler von Einzelspielern gefordert, zudem wurde in der Länderspielpause tatsächlich intensiv am Spiel mit Ball gefeilt, mit „Stürmern, die oft aufs Tor schießen“, und „Außenverteidigern, die oft im Spiel sind“, wie der Schalker Trainer am Donnerstag erzählte. Das klang, als würden die Schalker am Samstag gegen Werder Bremen einen neuen Versuch wagen, vermehrt spielerische Lösungen zu finden.

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