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FC Schalke 04 Magaths Zauber der Sparsamkeit

18.12.2009 ·  Auf Platz zwei in der Bundesliga positioniert, darf Felix Magath „auf“ Schalke unbequeme Wahrheiten verkünden. Die Mannschaft und die Finanzen reichten nicht für den Titel aus.

Von Roland Zorn, Essen
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Das Leben ist eine Baustelle. Vor allem bei Schalke 04. Dort werkelt Felix Magath seit Saisonbeginn nicht nur als Trainer, Sportdirektor und Geschäftsführer des westfälischen Traditionsklubs, dort kommt er sich auch wie ein Architekt vor, der mit wenig Geld, aber viel Phantasie einen schwierigen Umbau so gestalten will, dass er am Ende wie ein glänzender Neubau aussieht. Von dem 56 Jahre alten Unterfranken geht dabei eine Magie aus, die ihm selbst manchmal allzu zauberhaft vorkommen mag. Am leichtesten fällt dabei der Blick auf die Tabelle: Schalke ist nach sechzehn Bundesliga-Spieltagen Zweiter und kann an diesem Wochenende mit einem Sieg über Mainz 05 (Freitag, 20.30 Uhr/ FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) bei einem Unentschieden oder einer Niederlage von Spitzenreiter Bayer Leverkusen noch „Herbstmeister“ werden. Ein virtueller Titel, der Magath „nicht interessiert“, zumal damit auch tückische Begehrlichkeiten für Teil zwei der ersten von vier Spielzeiten unter seiner Regie geweckt würden.

Dabei hat der Meistertrainer, der im Mai das Kunststück fertigbrachte, den VfL Wolfsburg von Platz neun in der Hinrunde zum ersten Titelgewinn zu lotsen (siehe: Bundesliga-Kommentar: Wolfsburg am Maximum ), noch am Mittwoch bei einer Veranstaltung des Deutschen Sport-Fernsehens (DSF) in Essen wie Peer Steinbrück in seiner Hoch-Zeit als sparsamer deutscher Finanzminister geklungen. Ausgerechnet im Revier, wo sich die Anhänger der „Königsblauen“ nach dem emotionalen Dreiklang aus Glaube, Liebe, Hoffnung nach einem Triumph mit Schale sehnen, sagte der kühle Analytiker Magath: „Ich kann den Fans nicht die Freude machen, jetzt vom Titel zu reden.“ Mit etwas Glück reiche es für die kommende Saison vielleicht zur Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb. Wie Magath davon sprach, schien er eher die bescheiden daherkommende Europa League als die glitzernde, prestigeträchtige Champions League vor Augen zu haben.

Natürlich, der Meister hat, als er „auf“ Schalke ankam, seiner Gemeinde einen Vierjahresplan mit dem Endpunkt Meisterschaft verkündet (siehe: Bundesliga-Countdown (1): Felix Magath - König Blau im Schalker Reich), doch davon sieht er sich, dem schönen Schein der tabellarischen Wirklichkeit des Augenblicks zum Trotz, noch weit entfernt. „Ich kann nur auf die Meisterschaft hinarbeiten“, hebt Magath hervor, „aber wir müssen alle abwarten, ob wir das Ziel erreichen.“ Sein jetziger Kader, in dem er wie einst in Stuttgart als Entdecker und Förderer einer Reihe von Talenten (Christoph Moritz, Lukas Schmitz, Joel Matip) zu einem Stammplatz erster Klasse verholfen hat, sei nicht titelreif. Dafür sei der Aufwand, den die Mannschaft speziell bei ihren Heimspielen betreiben müsse, zu hoch. „Wir müssen daran arbeiten, unser Spiel nach vorn zu verbessern“, lautet Magaths aktueller Lernauftrag.

Magaths ehrliches Wort kommt an

Immerhin hat der professionelle Skeptiker anders als zu Beginn seiner zwei Jahre in Wolfsburg keine gänzlich neue Mannschaft zusammenstellen müssen. Deshalb haben die Schalker Spieler auch schneller als die des VfL begriffen, was Magath von ihnen will und wie er sie voranbringen kann. Doch wie tragfähig und zukunftsträchtig ist das Fundament, auf dem die Renovierungskünste des Baumeisters Magath gründen? Der Mann, der im selben Atemzug große Erwartungen ebenso zu wecken versteht wie die Einsicht in die ernüchternde ökonomische Wirklichkeit, sagt: „Auf Schalke hat man in den letzten Jahren mit dem Prinzip Hoffnung agiert und deshalb mehr ausgegeben als eingenommen. Jetzt müssen wir alle daran arbeiten, die wirtschaftliche Situation des Vereins zu verbessern, und die Ausgaben für die Lizenzspieler herunterfahren. Erst wenn sich der Klub wirtschaftlich stabilisiert hat, kann er nach vorn gucken und den Titel angreifen.“

Magaths schmerzliche Dialektik kommt bei den Kumpeln in Blau und Weiß trotzdem an, denn im Ruhrgebiet wird ein ehrliches Wort, auch wenn es weh tut, höher als anderswo geschätzt. Und Magath redet ja nicht nur, er handelt auch und baut schon vor. Schließlich bekennt sich Schalke 04 zu Verbindlichkeiten von 136 Millionen Euro und wird darum wohl einige seiner Besten zum Verkauf anbieten. Der Brasilianer Rafinha soll bis zu zehn Millionen Euro bringen; beim zuletzt starken Stürmer Kevin Kuranyi ist der Handlungsspielraum für außerplanmäßige Einnahmen gering, weil dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft; besonders begehrt bleibt der von Manchester United umworbene Jungnationaltorhüter Manuel Neuer, der auf einen Transferwert von mindestens 25 Millionen Euro taxiert wird. Doch den bekennenden Schalker will Magath, falls eben möglich, nicht gehen lassen. In Essen hat der Geschäftsführer aber schon mal vorgebeugt. „Klar ist, dass Manuel Neuer auf Sicht nur gehalten werden kann, wenn wir ihm was bieten können.“

Veredlungsfachmann Magath

Der Keeper selbst hat in einem Interview davon gesprochen, dass er sich möglichst umgehend wieder in der Champions League beweisen wolle. Weil Magaths Meisterprojektion im Gegensatz zur geschwächten Finanzlage der Schalker steht, kontaktiert der Trainer derzeit eine Reihe guter, aber auch preisgünstig zu erwerbender Profis. So könnte der japanische Rechtsverteidiger Atsuto Uchida vom Meister Kahima Antlers als möglicher Ersatz für den Fall des Abschieds von Rafinha kommen; so ist die Rede davon, dass auch Magaths Wolfsburger Meisterschüler Marcel Schäfer über einen Wechsel nach Gelsenkirchen nachdenke; so wird an Peer Kluge vom 1. FC Nürnberg gedacht als zentraler Mittelfeldspieler vor der Abwehr; auch der Freiburger Angreifer Mohamadou Idrissou ist im Gespräch.

Billiglösungen? Vorsicht: Magath gilt als Veredlungsfachmann und belegt diese These derzeit als Aufbauhelfer der Schalker Jugend. Dem robusten Spezialisten für sportliche Aufschwünge ist inzwischen auch viel Knowhow im sensiblen Umgang mit einem wirtschaftlichen Abschwung zugewachsen. Der omnikompetente Magath sagt, dass die Aufgabe beim FC Schalke die bisher anspruchsvollste auf all seinen Trainerstationen sei. Er packt sie gern und mit Freude an - auch weil seine Medizin sportlich überraschend schnell anschlägt, sein Trainerteam ihm loyal zuarbeitet und die Fans einmütig wie lange nicht hinter ihm und der Mannschaft stehen. „Das“, sagt er mit einem schönen Weihnachtsgruß an Tausende Anhänger dieses deutschlandweit beliebten Klubs, „ist das Pfund, das uns später mal die Meisterschaft bringen kann.“

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