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FC Schalke 04 Keine Experimente!

02.10.2011 ·  Nach dem missglückten Umbruch unter Magath geht Schalke auf Nummer sicher: Manager Heldt holt mit Stevens einen Trainer aus der Vergangenheit - und hofft gegen Hamburg auf die Teamfähigkeit des Holländers.

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen
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© dpa Der „Trainer des Jahrhunderts”: Huub Stevens gibt gegen Hamburg sein Comeback auf der Trainerbank

Als Huub Stevens beim FC Schalke 04 seine ersten Meriten als Bundesligatrainer erwarb, war Helmut Kohl noch Bundeskanzler, Rudi Assauer war neben Uli Hoeneß der bekannteste deutsche Fußballmanager und der FDP-Politiker Jürgen Möllemann sprang mit dem Fallschirm über dem Parkstadion ab und landete schließlich im Aufsichtsrat des Arbeitervereins aus dem Ruhrgebiet. Diese Personalien lassen darauf schließen, dass Stevens aus einer anderen Zeit stammt, aus einer längst vergangenen Fußball-Epoche. „Als ich damals hier anfing, war ich ein Nobody“, sagt er.

Der Anlass, diese Worte gelassen auszusprechen, kam halbwegs überraschend. In dieser Woche gab der inzwischen 57 Jahre alte Fußball-Lehrer abermals seinen Einstand beim zweitgrößten Fußballklub des Landes. Er wurde als Nachfolger Ralf Rangnicks eingestellt, der ein paar Tage zuvor wegen eines „vegetativen Erschöpfungssyndroms“ zurückgetreten war. Seitdem debattieren ganz Schalke und halb Deutschland darüber, warum der Verein diese konservative Lösung bevorzugt habe, statt das Werk des Modernisierers Rangnick von einem jungen oder wenigstens jüngeren, innovativen Trainer fortsetzen zu lassen.

Die Frage richtet sich in erster Linie an Horst Heldt. Der Manager, der zunächst im Schatten seines Vorgängers Felix Magath gestanden hatte, sah sich binnen weniger Monate zum zweiten Mal vor der schwierigen Aufgabe, den passenden Trainer für einen Klub zu suchen, zu dem seit Stevens’ freiwilligem Abschied im Frühjahr 2002 kein Fußball-Lehrer so recht gepasst hat, außer vielleicht Rangnick, der als einziger von Stevens Nachfolgern mit einer Ehrenrunde verabschiedet wurde, obwohl er seinen ersten Vertrag auf Schalke nicht erfüllen durfte.

Als es soweit war, konnte Heldt nicht so gut vorbereitet sein wie nach der Trennung von Magath, die sich wochenlang abgezeichnet hatte. Heldt sah sich und seine Mitstreiter „in Not geraten“. Seitdem hält so mancher Stevens’ Rückkehr für eine Notlösung. Sein einstiges Dogma „die Null muss stehen“ gilt als altbacken, zumal im Kontrast zum Angriffsfußball à la Rangnick. Heldt scheint das zu spüren. Und gerät deshalb in die Defensive, was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, weil dies die von Stevens favorisierte Herangehensweise auf dem Rasen ist. Den neuen Trainer als Visionär zu verkaufen, der Rangnicks Werk fortführt, fällt schwer, auch wenn Stevens selbst behauptet, genau das zu beabsichtigen. Natürlich sagt Heldt, dass der als streng bekannte Stevens in den Gesprächen „locker gewirkt“ habe. Sie hätten „viel gelacht“ über allerlei Schalker Anekdoten, berichtet Heldt. „Da konnte Huub mir mehr erzählen als ich ihm.“

Die Trainerfrage enthält auch eine psychologische Komponente

Und schon ist der Punkt erreicht, wo Erfahrung plötzlich wieder wichtiger ist als alles andere – bedeutsamer als Innovation auf dem Rasen. Jedenfalls wenn die Ideallösung oder wenigstens die 1b-Variante nicht zu bekommen ist. Heldt hatte Ausschau gehalten nach jungen Trainern mit Ideen, die Rangnicks Sichtweise ähneln, „aber alle jungen, dynamischen Trainer, die in Betracht kamen, waren unter Vertrag“. Männer wie Thorsten Fink (FC Basel), Thomas Tuchel (Mainz 05) oder Mike Büskens (Greuther Fürth). Die Namen mag Heldt nicht bestätigen; er räumt jedoch ein, auch Trainer im Auge gehabt zu haben, die noch gebunden waren. Deren Verträge zu lösen „hätte sich über ein halbes Jahr hinziehen können“, sagt Heldt. „Aber wir haben nicht ewig Zeit, auf einen neuen Cheftrainer zu warten.“

Also entschied er sich für Stevens, der schon fast einig war mit dem Hamburger SV, jenem Klub, der kurioserweise an diesem Sonntag (17.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) Schalkes Gegner bei Stevens’ Wiedereinstieg ist. Kritiker unterstellen dem Manager, er sei den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, vor allem im Verhältnis zum Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies, der bei allen wesentlichen Personalfragen das erste, zuweilen wohl auch das letzte Wort hat. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass Tönnies Heldt darin bestärkt oder gar dazu gedrängt hat, Stevens anzuwerben, den Schalker „Trainer des Jahrhunderts“, mag dessen größter Erfolg, der Gewinn des Uefa-Pokals, auch aus dem vorigen Jahrhundert datieren.

Die Lösung der Trainerfrage enthält auch eine psychologische Komponente. Tönnies, Heldt und der ganze Klub scheinen noch durchgerüttelt und traumatisiert von der kostspieligen Umbruchphase unter Magath, die den Verein in seinen Grundfesten erschüttert, dem teuren Traum vom ersten Meistertitel nach mehr als fünf Jahrzehnten aber nicht näher gebracht hat. Als Rangnick den Trainerposten übernommen hatte, sagte Heldt, es gelte, den „Umbruch vom Umbruch“ anzugehen, und zwar mit einem deutlich reduzierten Etat. Das gilt weiterhin – so wie vor fünfzehn Jahren, als Stevens aus Kerkrade kam. Noch ein Umbruch ist derzeit nicht erwünscht. Also will Heldt „keine Experimente“, sondern verlangt vom neuen Trainer unmissverständlich, „die Philosophie beizubehalten“.

Teamorientiert, mutig und modern

Stevens akzeptiert das – sagt er zumindest. Der Niederländer gibt sich teamfähig. Ohne zu murren, übernahm er die Assistenztrainer Rangnicks, Markus Gisdol, Seppo Eichkorn und Bernd Dreher, was Schalke schon aus Kostengründen gelegen kommt. Stevens spricht sogar davon, sportliche Entscheidungen gemeinsam „mit den anderen Trainern“ zu treffen, da sie die Mannschaft besser kennen. All das mag Heldt als Verhandlungserfolg zuzuschreiben sein. Also kam er Stevens in einem Punkt entgegen und gab ihm einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison, erfüllte ihm also genau den Wunsch, den der HSV Stevens abgeschlagen hatte.

Ein teamorientierter Trainer mit Mut zu modernem Angriffsfußball – bei diesem Anforderungsprofil ist nicht einmal Heldt sofort auf Stevens gekommen. Der Manager zeigt sogar ein gewisses Verständnis dafür, dass Stevens’ Rückkehr in den Medien und bei Teilen der Fans von Skepsis begleitet ist. „Vielleicht würde ich auch so denken, wenn ich das Ganze beobachten würde“, sagt Heldt. Wer die Personalie Stevens aber als Rückschritt, als Rückfall gar in vergangene Zeiten bezeichne, der nehme „eine falsche Wertung“ vor. Für die „richtige“ Wertung ist es noch zu früh. Sie wird davon abhängen, ob Stevens so flexibel ist, wie er jetzt behauptet.

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