04.10.2010 · Schalke 04 blamiert sich beim 1:2 in Nürnberg mit Altherrenfußball. Dabei war die Mannschaft für 36 Millionen Euro erneuert worden. Nun sieht Trainer Magath „schwere Zeiten“ für die Westfalen auf dem Abstiegsrang voraus.
Von Christian Kamp, NürnbergNach Lust klang es wirklich nicht, wie Felix Magath über die bevorstehenden Arbeitswochen sprach. „Müssen“ war sein Wort für die Aussicht, seine Schalker auf die nächsten Spiele vorzubereiten – was man ohne weiteres so deuten durfte, dass Magath sich derzeit Angenehmeres vorstellen kann als den Trainerjob in Gelsenkirchen.
Es ist ja auch ein ziemlich jämmerliches Bild, das Königsblau nach sieben Bundesliga-Spieltagen abgibt: Ein Abstiegsplatz nach immerhin einem Fünftel der Saison dürfte so ziemlich das Letzte gewesen sein, was Magath vor seinem zweiten Schalker Jahr erwartet hatte. Eine gewisse Eingewöhnungszeit, um aus den vielen Neuen eine Mannschaft zu machen, schön und gut, damit war zu rechnen. Dass es aber so mühsam sein würde, muss Magath doch überrascht haben.
„Es sind schwere Zeiten für Schalke“, gestand er nach dem 1:2 am Samstag beim 1. FC Nürnberg, einem Spiel, in dem die Leistung des letztjährigen Zweiten lange Zeit recht genau dem aktuellen Tabellenbild entsprach: kaum bundesligatauglich. Es sei „das schwächste Spiel“ gewesen, sagte Magath zur nunmehr fünften Niederlage in der Liga. Kapitän Manuel Neuer sprach von einem „schweren Rückschlag“.
Fußball ohne Leidenschaft und Inspiration
Eigentlich hatte man das Ärgste schon überwunden geglaubt angesichts der jüngsten Erfolgserlebnisse: der Sieg in Freiburg, die Aufholjagd gegen Mönchengladbach, vor allem aber das überzeugende 2:0 am Mittwoch gegen Benfica Lissabon in der Champions League – Schalke schien Fahrt aufgenommen zu haben. Doch statt den Schwung zu nutzen, um rechtzeitig zur Länderspielpause in komfortable Tabellenregionen zu klettern, legte das Team in Nürnberg eine glatte Vollbremsung hin, die sich niemand so recht zu erklären wusste.
Die „katastrophalen Fehler“ in der Abwehr, von denen Magath sprach, waren das eine: Vor dem ersten Gegentor durch Mike Frantz (62. Minute) machte Papadopoulos keine gute Figur, beim zweiten durch Andreas Wolf (84.) kümmerte sich bei einem Eckball niemand um den Nürnberger Verteidiger. Weil das alles nach der Gelb-Roten Karte gegen Jermaine Jones (53.) in Unterzahl geschah, hätte man vielleicht sogar noch ein bisschen Milde walten lassen können.
Wirklich erschreckend aber war ohnehin etwas anderes: Wie nämlich die prominent besetzte, für 36 Millionen Euro erneuerte Mannschaft zuvor, mit elf Mann, Fußball ohne Leidenschaft und Inspiration gespielt hatte. Schmitz auf der linken Außenbahn und Farfan in der Offensive waren noch die einzigen, die sich mit der allgemeinen Lethargie nicht abfinden mochten. Gegen die gebündelten Trägheitskräfte konnten sie damit aber nichts ausrichten.
„Zu elft hätten wir gewonnen“
Das begann in der Innenverteidigung, wo Papadopoulos und Metzelder kaum etwas zum Spielaufbau beizutragen wussten. Es setzte sich im Mittelfeld fort bei Matip, der die Schlüsselposition vor der Abwehr als spannungsfreien Verwaltungsposten begriff, und bei Jurado, der in der Spielmacherrolle die Bälle überallhin verteilte, nur nicht an seine Kollegen. Und es endete im Sturm bei dem melancholisch-müden (und deshalb nach knapp einer Stunde ausgewechselten) Raúl sowie einem Klaas-Jan Huntelaar, der zwar das tat, was er in den letzten fünf Pflichtspielen immer getan hat – einen Treffer zu erzielen (76.) –, sonst aber auch einen eher unauffälligen Nachmittag verbrachte.
Dass Schalke „zu wenig investiert“ hatte, wie Magath und Benedikt Höwedes fanden, war noch eine schmeichelhafte Umschreibung. Und woher Neuer seine Ansicht bezog, „zu elft hätten wir gewonnen“, wirkte etwas rätselhaft, nachdem sein Team durch den – vertretbaren – Platzverweis gegen Jones überhaupt erst wachgerüttelt worden war. Dass die Schalker auch ein wenig mit Schiedsrichter Marco Fritz haderten, hatte noch mit einer anderen Szene zu tun, in der sie sich einen Handelfmeter gewünscht hätten.
„Wir müssen sehen, dass wir überhaupt punkten“
Insgesamt aber waren sie gut beraten, die Gründe für die Niederlage bei sich zu suchen. „Wir müssen auf uns selbst schauen“, lautete Huntelaars Fazit. Die mittelfristigen Schalker Perspektiven? Trainer Magath klang nicht sonderlich hoffnungsfroh, als er den Blick nach vorne richtete. „Wir müssen sehen, dass wir überhaupt punkten, um von da unten wegzukommen“, sagte er, „alles andere brauchen wir nicht zu diskutieren.“
Die Nürnberger ärgerten sich nach ihrem zweiten Heimsieg nacheinander fast ein wenig, dass ihnen nun die Pause in die Quere kommt. Immerhin aber können sie mit der Gewissheit in die Zukunft schauen, dass sie mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln ein stabiles Gerüst errichtet haben, das im Gegensatz zur Vorsaison auch Rückschläge verkraftet. „Es zeichnet die Mannschaft aus, dass sie an sich glaubt“, sagte Trainer Dieter Hecking. Wie er von seinen jungen, manchmal noch etwas hektischen Mittelfeldkräften Mehmet Ekici und Ilkay Gündogan („der Memo und der Illy“) sowie dem starken Julian Schieber sprach, das hatte ein bisschen was vom derzeit so angesagten Boyband-Sound. Noch lange nicht in Mainzer Dimensionen zwar – um das Schalker Spiel bisweilen wie Altherrenfußball aussehen zu lassen, genügte es aber schon.