Die Sponsoren mag es gefreut haben. Das Auge, auch das der Kamera, hatte nahezu freie Sicht auf all die Firmenlogos hinter dem Podium im Pressekonferenzraum der Arena. Fred Rutten, der Trainer des FC Schalke 04, saß fast ganz allein dort oben, wo Männer in seiner Position sich oft einsam fühlen. Zu seiner Rechten hatte er den Moderator von der Pressestelle; der Platz links neben ihm blieb abermals frei. Manager Andreas Müller traute sich nicht einmal vor dem 133. Revierderby an diesem Freitag gegen Borussia Dortmund (20.30 Uhr / Live bei Premiere und im FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) aus der Deckung.
Seit mehr als zwei Wochen schon hält er sich von den Medien fern – ausgenommen zwei Zeitungsinterviews. Das eine gab Müller der „Welt“, weil ein PR-Stratege ihm dazu geraten hatte. Anschließend verletzte er die zugesicherte Exklusivität, weil ihm jemand anderer einflüsterte, es sei nützlich, auch mit dem Boulevardblatt „Express“ zu sprechen. Von Reportern, die den Verein ständig begleiten, wird Müllers Außenwirkung irgendwo zwischen verwirrend und verheerend angesiedelt. Der Manager zieht es vor, grundsätzlich zu schweigen und allenfalls über die Homepage des Vereins zu kommunizieren.
Noch gar keine Begeisterung geweckt
Müller wolle sich schützen, heißt es offiziell. Aber vor wem: Vor der „Bild“-Zeitung, deren Spielball er zu sein glaubt? Oder vor den Medien insgesamt? Oder doch eher vor sich selbst, der sich in wunderliche Widersprüche verwickelt hat, als es darum ging, die Spekulationen über einen möglichen Transfer Kevin Kuranyis zu kommentieren? In Erklärungsnot geraten, wirkt Müller wie ein Kapitän oder wenigstens ein erster Offizier, der sich unter Deck verkriecht, während ein keineswegs sturmerprobter Bundesliga-Steuermann wie Rutten mit teils disziplinlosen Matrosen schweren Wassern zu trotzen versucht.
Müller wagt sich nicht raus in den Sturm, dorthin, wo jene Fragesteller sitzen, die nicht von PR-Beratern ausgewählt werden. Statt dessen sendet er – im Sinne des Wortes – aus seiner Kajüte Vertrauenssignale in Richtung Rutten. „Dieser Trainer tut alles für die Mannschaft. Er arbeitet hart, professionell und intensiv.“ Der neunte Platz in der Bundesliga und das blamable Scheitern im Europapokal werfen allerdings die Frage auf, ob „alles“ nicht zu wenig ist, angesichts des zweitteuersten Aufgebots der Liga – mögen die Kosten auch ein wenig gesunken sein, weil Müller in der Winterpause überflüssiges wie überfordertes Personal aus seinem Portfolio verkauft oder ausgeliehen hat.
Rutten ist aus Enschede gekommen, um die Ergebnisse seines unbeliebten Vorgängers Slomka (mindestens) zu bestätigen, sie aber in attraktiverem Gewand zu präsentieren. Gelungen ist bisher weder das eine noch das andere. Anders als sein Dortmunder Gegenüber Jürgen Klopp hat der Niederländer in seinem neuen Klub noch gar keine Begeisterung geweckt – weder auf dem Rasen noch auf den Rängen. Rutten sieht nur, was er sehen will. Wer etwas von Fußball verstehe, der erkenne, dass Schalke „anders spielt“ als vor einem Dreivierteljahr, sagt er. Ob „anders“ nun so viel heißen soll wie „besser“ oder nicht: Die Art, wie Rutten es ausspricht, verströmt einen Hauch von Arroganz. Sogar der Stürmer Kuranyi hegt inzwischen Zweifel, ob der Aufschwung kommt. „Vielleicht fehlt uns die Qualität“, sagt er.
„Auf gut Deutsch: Die Lage ist scheiße“
Für Rutten könnte es von Vorteil sein, dass sich so vieles auf Müller fokussiert, den zahlreiche Fans als Hauptschuldigen ausgemacht haben. Dennoch hat der Fußball-Lehrer begriffen, dass es auch um ihn geht. „Der Druck ist sehr hoch, auch wegen des Managers und wegen des Trainers“, sagt Rutten. Er versucht sogar, seinem Vorgesetzten beizuspringen. Zunächst einmal gehe es, bei allen Turbulenzen, um die Partie gegen Dortmund. „Da bin ich der Hauptverantwortliche.“ Die Arbeit des Managers werde zu oft „anhand einzelner Ergebnisse beurteilt“, sagt Rutten. „Das finde ich nicht richtig.“
Wegen der gereizten Grundstimmung könnten die Verantwortlichen des FC Schalke in eine unangenehme Lage geraten, unabhängig von einzelnen Ergebnissen wie gegen Dortmund. „Wenn die Erfolge ausbleiben, gerät man irgendwann unter Zugzwang“, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies. Gegenüber einer Zeitung seines Vertrauens hat er es derber ausgedrückt. „Auf gut Deutsch: Die Lage ist scheiße.“ Aber er halte nichts von „Schnellschüssen aus der Hüfte“. Tönnies und seine Mitstreiter in den Gremien wollen nicht dastehen wie Revolverhelden, die mit rauchenden Colts alles noch schlimmer machen (soweit das überhaupt möglich ist). Falls doch irgendwann Schüsse fallen, dürfte es Müller treffen oder Rutten – oder beide.