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FC Schalke 04 Ein Klub wie ein Trauerfall

 ·  Was ist geworden aus einem Klub, der in seiner heroischen Geschichte eher zu sympathischer Großmäuligkeit neigte, nun aber wie ein Leisetreter daherkommt? Schalke 04 ist nur noch bemitleidenswert.

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© dpa Vergrößern Schalker Leisetreter: Königsblau schleicht in München vom Platz

Das Gesicht von Jens Keller scheint manchmal alles Schlimme, das noch kommen wird, vorwegzunehmen. Mit diesem Ausdruck stand er nach einer halben Stunde an der Außenlinie und versuchte, sich bemerkbar zu machen - um das drohende Unglück vielleicht doch noch abzuwenden.

Die Handflächen nach oben, wedelte er ein wenig mit den Unterarmen, wie ein schüchterner Dirigent, der ein Crescendo fordert. Es war das Zeichen an seine Spieler, beim Freistoß von Bastian Schweinsteiger hochzuspringen. Doch keiner bemerkte die Signale des müden Maestros. Und so blieb der entscheidende Teil des Schalker Mäuerchens fest im Boden verwurzelt, als der Ball zum 2:0 über die Köpfe flog.

Der FC Bayern sucht derzeit Gegner und findet Opfer. Beim 4:0 am Samstag fand er ein besonders bemitleidenswertes. Es waren die schüchternsten Schalker, die man je sah. Nicht nur der Trainer blieb ohne Überzeugungskraft, auch alle anderen, die Wortführer sein könnten, sprachen gedämpft verlegen wie bei einem Trauerfall.

Sportdirektor Horst Heldt, vorsichtig lächelnd: „Wir hatten viele Ausfälle, aber die, die spielen, müssen sich trotzdem wehren.“ Kapitän Benedikt Höwedes, mutlos mahnend: „Zum Schluss hat man sich ein bisschen dem Gegner ergeben.“ Abwehrkollege Christoph Metzelder, sanft selbstkritisch: „Wir sind nur hinterhergelaufen.“

Und der einzige Schalker, der sich aufs Münchner Tor zu schießen traute, Neuzugang Michel Bastos, gab frühzeitig Friedenszeichen, als er schon in der Pause sein Trikot mit dem Gegenspieler Dante tauschte. Das gab einen Rüffel vom Sportdirektor, aber nur einen ganz kleinen, in Form einer Kaufempfehlung im Bayern-Fanshop: „Ich hätte mir in dieser Situation lieber ein Trikot gekauft“, so Heldt, „statt eins zu tauschen.“.

Was ist geworden aus einem Klub, der in seiner heroischen Geschichte eher zu sympathischer Großmäuligkeit neigte, nun aber wie ein Leisetreter daherkommt? Ein Klub, in dem nur noch einer sich traut, seine Stimme zu erheben - der Fan? Selbst beim Stand von 0:4, als die elf Schalker unten hilflos herumtaumelten, machten die 6000 Schalker unter dem Stadiondach unermüdlich Betrieb mit trotzigen Gesängen und Sprechchören.

“Guter Kader, gute Atmosphäre, komfortabler Vorsprung“

Kapitulationen sind die Bayern in dieser Saison gewohnt, aber von diesem Gegner, der immerhin ebenfalls im Achtelfinale der Champions League steht, hätte man sich doch etwas mehr Gegenwehr und Trainingseffekt für härtere Aufgaben versprechen können. „Die ganz großen Spiele kommen erst noch“, sagte Arjen Robben, der zwei Tore vorbereitete.

Der Holländer war einer von sechs zuletzt unbeschäftigten Spielern, denen Trainer Jupp Heynckes gegen den Sparringspartner Schalke das Gefühl geben konnte, gebraucht zu werden - neben Robben vor allem Mario Gomez, der das 4:0 erzielte und dazu dem zweifachen Torschützen David Alaba das 3:0 vorlegte. In den „Genuss von Spielminuten“, wie Heynckes das nannte, kamen zudem vier defensive Zweitkräfte: Luiz Gustavo, Rafinha und Diego Contento durften je 17 Minuten genießen, Jerome Boateng sogar 90.

“Guter Kader, gute Atmosphäre, komfortabler Vorsprung“ - Heynckes konnte beim besten Willen kein Haar in der Suppe finden. Auch Robben diesmal nicht: „Eine richtig schöne Woche“ sei es gewesen. Erst die „schöne Feier“ des 30. Geburtstags seiner Frau, dann der Einsatz gegen Italien (“zur Nationalelf zu kommen ist wie eine warme Dusche“), schließlich neunzig Minuten im Bayern-Trikot, erst zum dritten Mal in dieser Bundesligasaison.

Es sei „nicht einfach, Geduld zu haben“, räumte Robben ein und klagte über jene, „die auf mich losgehen und schreiben, dass ich schwierig wäre. Ich bin nicht schwierig.“ Nur manchmal, wie zuletzt in Mainz, nach neunzig Minuten auf der Bank, „gehe ich halt schnell duschen. Muss ich da sechs Ehrenrunden laufen?“ Es sind Luxusprobleme eines Teams und seines Reserve-Stars, der sagt: „Man darfjetzt überzeugt sein, die Meisterschaft zu gewinnen.“

Zutreffende, aber pädagogisch verheerende Botschaft

Die Bayern sind ein Gegner, der andere machtlos macht - und deshalb dazu einlädt, sich vor der Wahrheit wegzuducken wie die Schalker Mauer vor dem Ball. Jedoch hat bisher kein Gegner so dankbar die Stärke der Bayern als Alibi benutzt. Heldt sah eine Mannschaft, „die die Liga beherrscht und uns heute auch beherrscht hat“.

Er fand für alles, was er dem eigenen Team vorwerfen konnte, zugleich die Entgegnung, dass es für den Ausgang gleichgültig war - eine zutreffende, aber pädagogisch verheerende Botschaft. Bei Schweinsteigers Freistoß zum Beispiel „sprangen nicht alle hoch, aber er war auch sehr gut geschossen“.

Wie sehr sich die verzagte Expedition aus Gelsenkirchen ins Schicksal fügte, drückte Höwedes mit den Worten aus: „Es war vorher abzusehen, dass es so kommen wird.“ Und Heldt mit seiner kleinlauten Klage über angeblich irreguläre Tore: „Beim ersten war’s kein Elfer, beim zweiten kein Freistoß, beim dritten Abseits“, behauptete er, tat das aber ohne jeden Nachdruck. Wozu auch? „Wenn die Bayern diese Tore nicht gemacht hätten, hätten sie halt andere gemacht.“

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