27.01.2012 · Walther Seinsch führte den FC Augsburg aus der vierten Liga in die Bundesliga. Der Vereinschef im Gespräch über harte Arbeit im Leben und Gelassenheit im Bundesliga-Geschäft.
Der Siebzigjährige Walther Seinsch ist seit dem Jahr 2000 Vorstandsvorsitzender des FC Augsburg. Der frühere Textilunternehmer führte den Klub aus der vierten Liga bis in die Bundesliga.
Sie sind ein erfolgreicher Unternehmer im Ruhestand. Warum opfern Sie Ihre Zeit und Ihr Geld für einen Fußballklub?
Ich war schon immer ein politischer Mensch. Ich bin bei den Pfadfindern und dann bei den Jusos sozialisiert worden, die haben mich gerettet. Denn ich hatte eine problematische Kindheit, um es freundlich zu formulieren. Viele Väter und Lehrer mussten ihre Nazi-Träume begraben und ließen ihren Frust mit brutaler Gewalt an ihren Kindern und Schülern aus. Und Fußball ist eine hochpolitische Veranstaltung. Wenn hier die Leute im Stadion zusammen feiern und lachen, und das auch bei Niederlagen, dann hat das hohen gesellschaftspolitischen Wert.
Das allein kann doch nicht der Grund sein.
Nein. Ich liebe Fußball. Ich finde es toll, wenn die Menschen zusammenhalten. Deshalb bin ich fußballjeck.
Auch selber am Ball?
Ich war ein Fußballgenie. Aber die Mädels und der Alkohol haben mich ruiniert.
Das ging vielen begnadeten Fußballern so.
Ich habe aber noch bis in die Alten Herren gespielt, dann ging es nicht mehr mit dem Knie.
Sie legen Wert darauf, kein zweiter Dietmar Hopp zu sein, keine Kopie des SAP-Gründers und Milliardärs, der seinen Jugendklub Hoffenheim in die Bundesliga gepuscht hat.
Man hat mich schon „Mini-Hopp" genannt. Dabei kann ich mich mit ihm überhaupt nicht vergleichen. Ich habe die Textilketten Takko und KiK gegründet, aber die Mehrheitsanteile besaß ein großer Konzern. Mit 59 ließ ich mich ausbezahlen, ich kann davon gut leben und meinen Kindern eine gute Berufsausbildung ermöglichen.
Und auch dem FCA unter die Arme greifen.
Auch in den FCA habe ich etwas eingebracht. Aber vor allem habe ich 2000, als der Klub insolvent war und deshalb nicht in die neue Regionalliga kam, bei den Gläubigern einen Schuldenerlass ausgehandelt. Ich ging betteln, warb Sponsoren und fand sechs Geldgeber aus der Unternehmerlandschaft, deren Einlagen ich treuhänderisch verwalte. Sollten wir mal Gewinne erzielen, bekommen die das zurück.
Wie weit ist man von Gewinn entfernt?
Seit vier Jahren steht der FCA finanziell auf eigenen Füßen. Letzte Saison in der Zweiten Liga gab es nur noch ein kleines Minus, jetzt in der Bundesliga machen wir ein kleines Plus. Wir haben keine Bankschulden. Nur die Restschuld von rund zehn Millionen Euro für unser neues Stadion.
Wegen Ihrer Depressionserkrankung haben Sie sich zwischenzeitlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, sind deswegen auch lange nicht im Stadion gewesen. Was bekommen Sie von der bisherigen Saison mit?
Schon in der Regionalliga bin ich während der Spiele lieber spazieren gegangen. Manchmal habe ich mich nach Spielen nicht getraut, jemanden nach dem Ergebnis zu fragen, versuchte stattdessen, aus den Gesichtern der heimgehenden Fans das Resultat abzulesen. Total bescheuert. Aber jetzt taste ich mich langsam heran. Ich habe jetzt wieder eine kleine Wohnung in Augsburg. Diese Saison habe ich schon einige Heimspiele gesehen. Um alle zu sehen, dafür bin ich aber noch zu aufgeregt. Puls 500.
Einen ruhigen Nachmittag können Sie im Abstiegskampf nicht erwarten. Fast alle Spiele sind heiß umkämpft, und die Atmosphäre ist erstaunlich intensiv für eine Stadt, die zuvor nie Erstliga-Fußball hatte. Überrascht Sie das?
Sehr sogar. Selbst beim 1:4 gegen Leverkusen gab es „standing ovations", unglaublich. Die Augsburger überraschen sich selber. Ihnen werden immer Minderwertigkeitskomplexe gegenüber München nachgesagt. Das Klischee ist: Die gehen zum Lachen in den Keller. Doch da hat sich etwas entwickelt, die Einstellung: Wir können das, jetzt erst recht. Dafür ist der Fußball die Zündschnur gewesen.
Sind Sie enttäuscht, dass die sportliche Entwicklung damit noch nicht Schritt hält? Nach der Niederlage in Freiburg sind Sie wieder Letzter.
Nein, ich bin überaus angenehm überrascht von den meisten bisherigen Spielen. Ich hätte nie gedacht, dass sich das so positiv entwickelt. Fußballerisch hat es am Anfang gehakt, aber die letzten Spiele der Hinserie waren sehr stark, vor allem das Pressing, das wir manchmal schon am gegnerischen Strafraum beginnen. Was Trainer Jos Luhukay da strategisch-taktisch aus dieser Mannschaft macht, davor muss man den Hut ziehen.
Geben Sie dem Trainer Ratschläge?
Ich unterhalte mich ab und zu mit ihm. Aber ich glaube, er bekäme Schüttelfrost, wenn ich ihm einen taktischen Tipp geben würde.
Nach dem Aufstieg wurden kaum neue Spieler mit Erstliga-Erfahrung geholt, weshalb Ihr Team als eindeutigster Abstiegskandidat seit vielen Jahren galt. Kann man so sparsam in der Liga überleben?
Ich sehe das ziemlich gelassen. Wir geben alles, und wenn's nicht reicht, greifen wir neu an. Wir sind wirtschaftlich darauf vorbereitet, anders als manch andere Vereine, bei denen mit einem Abstieg eine Spirale nach unten beginnt. Teure Verpflichtungen, Schulden, das ist bei uns nicht der Fall.
Augsburg hat den mit Abstand kleinsten Etat der Bundesliga, deutlich kleiner etwa als der, mit dem St. Pauli in der vergangenen Saison Letzter wurde. Die Statistik belegt: Das kann mal eine Saison gutgehen, aber mittelfristig nicht.
Wir sind ja dabei, den Umsatz zu steigern. Wir sind positiv überrascht davon, wie schnell unsere Einnahmen gewachsen sind. Sie sind viel höher, als wir uns das erträumt hatten. Vierzig Prozent vom Gesamtetat sind schon Sponsoring-Einnahmen, und da stehen wir erst am Anfang. Es ist eine ungemein prosperierende Region mit vielen starken Unternehmen. Wir haben fünfzig Firmen-Logen, alle vermietet.
Die wichtigste Zahl ist aber immer der Tabellenplatz. Werden Sie da nicht irgendwann nervös?
Wir bleiben ruhig. Es ist unser Plan, uns in den nächsten fünf Jahren in der Bundesliga zu etablieren. Wir müssen solide bleiben, dann wird das auch was.
Sie klingen, als könne Sie nichts mehr aufregen nach den elf Jahren auf dem Weg von der vierten in die erste Liga.
Ich habe ich viel lernen müssen. Vor allem in den vier Jahren Regionalliga, das waren die teuersten.
Was war die schmerzhafteste Lektion?
Dass ein Trainer, der schon mal in der Bundesliga trainiert hat, nicht unbedingt ein guter Trainer sein muss und dass der richtige Trainer zum richtigen Zeitpunkt die alles entscheidende Basis für den sportlichen Erfolg ist. Jeder neue Trainer will neue Spieler, und wenn du dann fünf neue holst und vier davon erweisen sich als ungeeignet, und das wiederholt sich mehrfach - dann kostet das eine Menge Geld, Mannomann.
Sie hätten das Erlebnis Bundesliga auch viel schneller haben können - als Präsident von Schalke 04, oder?
Ja, das ist auch so ein Roman. Damals, 1994, hatte ich noch die Firma bei Münster, und da kam der Möllemann ins Büro geschneit und fragte: Willst du Schalke-Präsident werden? Ich wollte schon, aber nicht ohne vorher mal in die Bücher zu gucken. Man wollte mir aber die Zahlen nicht geben. Es kam zu einer zehnstündigen Nachtsitzung mit Aufsichtsrat, Vorstand, Manager. Charly Neumann hielt Wache vor der Tür, weil Dutzende von Fernseh- und Reporter-Teams ungeduldig auf Entscheidungen warteten. Es war eine aggressive und aufgeheizte Atmosphäre, die dann sogar in eine kleine Schlägerei mündete.
Da bekamen Sie ja gleich die richtige Vorstellung vom großen Fußball.
Ja, richtig lustig. Am Ende wollten die aber lieber den Tönnies, den Bruder des heutigen Präsidenten.
Vielleicht gut so, auf Schalke hätten Sie wohl nicht so ein ruhiges Leben wie hier.
Heute will ich nur noch chillen.
Chillen? Das sagt mein Sohn, wenn er sein Zimmer nicht aufräumen will.
Ja, ich habe das Wort auch von meinen Kindern. Ich habe lange genug geschuftet, die Drecksarbeit sollen jetzt die anderen machen. Ich war ja noch nicht mal zehn, da habe ich schon das erste Geld verdient. Bombig verdient. Wir holten Blei-, Kupfer- und andere Drähte aus den Trümmerhäusern in Bonn und verkloppten das beim Altwarenhändler. Da fing mein Arbeitsleben schon an. Dann mit 14 die Schule abgebrochen und in die Lehre. Und die letzten dreißig Jahre im Schnitt 70, 80 Stunden die Woche gearbeitet.
Sie könnten sich ja auch ganz zur Ruhe setzen, ohne den Job beim FCA?
Das hier ist ja keine Arbeit mehr. Das macht nur noch Spaß.
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |