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Fall Amerell Zerrüttete Verhältnisse im Männerbund

17.02.2010 ·  Beziehungsgeschichte, Straftat, Machtspiel? Der deutsche Fußball kämpft sich durch Grauschleier, denn nach den Aussagen von Fifa-Schiedsrichter Kempter fehlen klare Worte und entschlossene Taten.

Von Michael Horeni
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Theo Zwanziger hat man schon aufklärerischer erlebt als in den Tagen der jüngsten Affäre um den von seinen Verbandsämtern zurückgetretenen ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Amerell. Es ist eine Affäre voller Grauschleier, für die der deutsche Fußball noch keinen Namen gefunden hat - und in der der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und sein Präsident nicht die richtigen Worte finden. So kommt es, dass die Angelegenheit für viele ein nebulöser „Fall Amerell“ geworden ist, für Reinhard Rauball, den Ligaverbandspräsidenten, ein Problem um den „Geheimorden“ des deutschen Schiedsrichterwesens - und für den Boulevard ein handfester „Sexskandal“.

Worum geht es? Auf der ersten Blick natürlich um eine Beziehungsgeschichte zwischen Manfred Amerell und Fifa-Schiedsrichter Michael Kempter, der sich nach eigenen Aussagen „sexuell belästigt“ fühlt. Kempter hat damit einen Blick auf bisher verborgene Seiten im deutschen Schiedsrichterwesen gelenkt und Dinge ins Rollen gebracht, deren Folgen noch nicht abzusehen sind. Nach den Aussagen von vier weiteren Schiedsrichtern und nach internen Ermittlungen hat der DFB Amerells Rücktritt nachträglich begrüßt. „Amerell wird stark und intensiv belastet. Seinen Rücktritt von allen Ämtern halte ich für absolut notwendig“, sagte Zwanziger der „Bild“-Zeitung.

Ob der Staatsanwalt eingeschaltet wird, steht nicht fest

Der Präsident hält es für möglich, dass der Verband in der Angelegenheit die Staatsanwaltschaft einschaltet. „Das ist nicht ausgeschlossen. Wir müssen die Prüfung unserer Juristen abwarten.“ Es geht dabei nach den schon am 17. Dezember geäußerten Vorwürfen Kempters um den Vorwurf der schwer zu fassenden sexuellen Belästigung.

Es ist ein merkwürdiger und fragwürdiger Begriff, den der DFB in Umlauf gesetzt hat. Als sexuelle Belästigung gelten unter anderem Annäherungen in Verbindung mit dem Versprechen auf Belohnungen oder der Androhung von Repressalien. Sprachlich besteht ein enger Zusammenhang mit der sexuellen Nötigung, die jedoch eine Straftat darstellt, mit der Mindeststrafandrohung von einem Jahr Freiheitsentzug. Sexuelle Belästigung ist kein Straftatbestand und nur in seltenen Ausnahmen gemäß anderen Tatbeständen (im Sinne der Beleidigung) strafrechtlich relevant.

Ganz offenkundig eine homosexuelle Beziehung

Amerells Anwalt forderte daher den Verband auf, „Ross und Reiter“ zu nennen, falls strafrechtliche Handlungen stattgefunden haben sollten. „Wenn strafrechtlich relevante Dinge im Raum stehen, wäre der DFB verpflichtet, zu einem frühestmöglichen Zeitpunkt die Staatsanwaltschaft einzuschalten“, sagte der Münchner Jurist Jürgen Langer. „Zur Stunde ist weder meinem Mandanten noch mir der konkrete Inhalt der Beschuldigungen bekannt.“ Er hat nun das DFB-Sportgericht angerufen, „um die Rechtmäßigkeit der Ablehnung der Akteneinsicht überprüfen zu lassen“, nachdem der DFB diese und auch jede andere Auskunft am Dienstag verweigert habe.

In dem Begriff der „sexuellen Belästigung“ kommt aber auch eine Verdruckstheit zum Ausdruck, die den gesamten Vorgang kennzeichnet, seit sich Kempter im Dezember mit seinen Vorwürfen an Schiedsrichter-Obmann Volker Roth gewandt hat. Ganz offenkundig handelt es sich um eine homosexuelle Beziehung, aber diese Bezeichnung wird von allen Beteiligten in einer Weise vermieden, ja tabuisiert, wie man das angesichts der öffentlichen Reden des Präsidenten zum Thema Homosexualität im Fußball in den vergangenen Jahren kaum mehr für möglich gehalten hätte.

Die Beteiligten verbergen sich hinter Wortschleiern

Amerell spricht von einer „intensiven privaten Freundschaft“, Zwanziger appellierte, mit den Personen „verantwortungsbewusst umzugehen“. Aber was soll er sagen, wenn die Beteiligten sich hinter Wortschleiern verbergen wollen? Am Dienstag kündigte der DFB in einer Pressemitteilung nicht nur eine Reform des Schiedsrichterwesen an, sondern teilte allen Ernstes mit: „Grundsätzlich ist es dem DFB nach Auswertung aller Anhörungen wichtig festzuhalten, dass es im Fall Amerell nicht um die Bewertung sexueller Neigungen geht.“ Gleichwohl sei es unzulässig „die betroffenen Personen in den Kontext Homesexualität zu stellen“.

Der „Fall Amerell“ wirkt in seinen Grundzügen, wenn sich Privates und Berufliches vermischen, doch sehr geläufig - wenn er sich allein auf Kempter bezöge. Es kann zunächst beruflich von Vorteil sein, sich mit dem Vorgesetzten einzulassen; wenn dies zu Ende geht, können Nachteile entstehen. Das ist nicht schön, aber hinlänglich bekannt - und schwer zu beweisen.

Ein System Amerell? Konkret wird der Verband nicht

Amerell gehörte seit Mitte der neunziger Jahre dem Schiedsrichter-Ausschuss an und hatte Einfluss darauf, welcher Unparteiische in den Regionalligen sowie in der A-Junioren-Bundesliga zum Einsatz kamen. Er konnte somit Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten von jungen Schiedsrichtern beeinflussen. Amerell bestreitet die Vorwürfe. Kempter sagt: „Es ist ein schwebendes Verfahren, daher möchte ich dazu nichts sagen. Es wird bald eine Erklärung vom DFB geben. Es geht hier nicht nur um mich.“ Kempter und der DFB sind so zu verstehen, dass sich dahinter ein System Amerell verbirgt - aber konkret wird der Verband nicht.

Es stellen sich zahlreiche Verfahrensfragen an den DFB nach den Vorwürfen Kempters, die er gegenüber Schiedsrichterobmann Volker Roth in der Woche vor Weihnachten anzeigte. Roth hat die Vorwürfe erst einen Monat später an Zwanziger übermittelt, was in der DFB-Führung dennoch auf Verständnis stößt - obwohl es auch innerhalb des Verbandes Stimmen gibt, die nicht ausschließen wollen, dass Roth daran gelegen gewesen sein könnte, die Sache zu vertuschen. Das Thema Homosexualität sollte demnach nicht mit Schiedsrichtern in Verbindung gebracht werden.

Ein personelles Opfer

Nicht ganz unverständlich angesichts der zu erwartenden Reaktionen von Teilen des Stadionpublikums. Der ehemalige Polizeibeamte Helmut Spahn ist Chef der DFB-Abteilung Sicherheit und Prävention, und er soll auch dafür sorgen, dass Homosexuelle im Fußball nicht länger ausgegrenzt werden. In einem anderen Zusammenhang sagte er kürzlich: „Die Leute müssen verstehen, was sie da eigentlich von sich geben, wenn sie jemanden als schwule Sau beschimpfen.“ Es war auf Fußballprofis gemünzt, Schiedsrichter haben darunter auch zu leiden.

„In diesem Fall steht die Sorgfalt absolut über der Schnelligkeit. Ich betone deutlich: Wir sind allen Beteiligten gegenüber verpflichtet, sie größtmöglich zu schützen. Ich wäre hier vorsichtig mit jeder Kritik“, sagte DFB-Generalsekretär Niersbach zu den Vorwürfen, der Verband reagiere nicht angemessen. Amerell selbst hat kürzlich eine SMS präsentiert, die er am 13. Januar, rund einen Monat nach Kempters Aussage, von dem Schiedsrichter erhalten haben will. „Wieso machen wir alles kaputt? Tut mir echt weh. Komm doch ohne dich auch nicht klar“, soll es darin heißen. Dies würde sehr deutlich ein einvernehmliches Verhältnis zwischen zwei Erwachsenen belegen, wobei sich ohnehin die Frage stellt, weshalb der DFB es versäumte, zügig mit allen Beteiligten ein Gespräch zu führen - und nun stattdessen mit dem Staatsanwalt winkt.

Ungeklärt ist bislang die Frage, die sich angesichts der Abläufe viele stellen - nämlich weshalb die DFB-Spitze den in diesem Oktober aus dem Amt scheidenden Schiedsrichterobmann Roth weiter stützt. Ein personelles Opfer hat die Affäre schon gekostet. Der für das Schiedsrichterwesen zuständige und bei den Unparteiischen eher unbeliebte DFB-Vizepräsident Koch hat seine Zuständigkeit abgegeben. Er fühlte sich nicht rechtzeitig informiert und sah darin einen Vertrauensbruch von Roth, der nur Zwanziger informiert hatte. Formal wohl zu rechtfertigen, aber nicht kollegial. Aber auch DFB-Präsident Zwanziger darf sich durch den Rücktritt seines Vizepräsidenten, dem Ambitionen und Chancen auf die Nachfolge nachgesagt werden, persönlich angesprochen fühlen. Zerrüttete Verhältnisse beim DFB gibt es mehr als genug.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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