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Europas Fußball Armes Deutschland

16.09.2008 ·  Russische und arabische Rohstoff-Gelder befeuern massiv den europäischen Fußball-Markt. Die Aussichten der deutschen Klubs im Kräftemessen der kontinentalen Elite werden immer geringer. Ändern wird sich daran so schnell wohl nichts.

Von Michael Horeni
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Peter Kenyon ist nicht unbedingt ein Mann, dem man mit Gefühlen kommen sollte. Der Manager hat erst Manchester United zum wohlhabendsten Klub der Welt gemacht, und seit vier Jahren führt er als Vorstandsvorsitzender den FC Chelsea. Kenyon ist also sehr vertraut mit dem großen Geld und auch mit der Macht, die darin steckt. Und das mit dem Geld und der Macht hat immer sehr gut funktioniert.

Bis vor zwei Wochen. Da sprang Robinho dem FC Chelsea auf den letzten Drücker ab und wechselte für rund 40 Millionen Euro zu Manchester City. Seitdem klagt ausgerechnet Großjäger Kenyon über verwilderte Sitten. Vier Wochen lang habe ihm Robinho jeden Tag erzählt, dass sein Herz für Chelsea schlage, aber dann sei er doch dem Ruf des Geldes gefolgt, berichtete Kenyon enttäuscht seinem Kollegen Uli Hoeneß.

Russisches und arabisches Rohstoff-Geld

Doch von Schadenfreude, dass der von Roman Abramowitsch in den letzten Jahren mit rund einer Milliarde Dollar aufgerüstete Klub erstmals mit dem Scheckheft geschlagen wurde, ist der Bayern-Manager weit entfernt: „Unter diesen Bedingungen will ich gar nicht mehr arbeiten. Nur in Abu Dhabi anrufen und sagen: Schick mir 50 Millionen - das macht keinen Spaß.“(siehe: Transfertheater: Das Geld vom Golf überrascht Großklubs )

Auch wenn es deutschen Managern und Präsidenten wenig Freude macht: In diesen Tagen kommt der deutsche Fußball nicht drum herum, sich mit den freudlosen Konsequenzen des mit russischem und arabischem Rohstoff-Geld befeuerten europäischen Fußball-Markts zu befassen. Die Champions League und der Uefa-Pokal starten - und die deutschen Aussichten werden angesichts des Wohlstandsgefälles immer geringer. „Ich beurteile das gesamte Finanzierungsmodell unserer Klubs im Vergleich zu den ausländischen Bedingungen als problematisch. Ich betrachte die Chancenungleichheit in Europa deshalb mit einem sehr kritischen Auge. Auf Dauer können die deutschen Vereine bei dieser Entwicklung, auch auf dem Fernsehmarkt, nicht mithalten“, sagt DFB-Präsident Theo Zwanziger nach dem jüngsten arabischen Coup.

Manchester City wird arabisch

Der Klubfußball in Europa stößt in neue Dimensionen vor. Die Deutschen sind jedoch nur Zuschauer bei einem Spektakel, das die europäische Statik immer stärker in Richtung Premier League verschiebt. Einer der neuen Fußball-Herrscher ist Sulaiman Al Fahim, der Manchester City über die Investorengruppe „Abu Dhabi United Group for Development and Investment“ für unbestätigte 185 Millionen Euro erworben hat. Er will die beste Mannschaft der Welt zusammenkaufen.

Die Unternehmergruppe soll ein Vermögen von 150 Milliarden Euro besitzen. Sie gehört einem Mitglied der Herrscher-Familie Al Nahyan, deren Vermögen auf rund 700 Milliarden Euro veranschlagt wird. „Mit Stolz in die Schlacht“, sagt der 31 Jahre alte Sulaiman Al Fahrim nach dem Deal selbstbewusst. Er selbst nennt sich „Bulldozer“. In drei Jahren will der Bulldozer die Champions League abräumen.

Bundesliga-Klubs sind skeptisch

Auf der Manager-Tagung in dieser Woche in Frankfurt waren dagegen weit weniger forsche Töne zu hören. Es kam dabei ein Thema auf den Tisch, in dem sich das Dilemma des deutschen Profi-Fußballs angesichts der Offensive der Investoren bündelt: die Forderung von Hannover 96 nach Abschaffung der Regel 50 + 1, die eine Entscheidungsmehrheit für den Verein gegenüber Teilhabern vorschreibt. Sie blockiert bisher die Übernahme deutscher Klubs durch fremde Finanziers, die Entscheidungshoheit als Gegenleistung für ihr finanzielles Engagement fordern. „Wir befinden uns weiter in intensiven Diskussionen. Der Antrag wird den Bundesligaklubs noch in diesem Jahr zur Entscheidung vorgelegt“, sagt Reinhard Rauball, der Präsident der Deutschen Fußball-Liga. (siehe: Großinvestoren im Profi-Fußball - nicht überall willkommen)

Doch auch wenn die Funktionäre noch um die passenden Formulierungen ringen - das Ergebnis steht quasi schon jetzt fest. „Wenn man einmal die Tür öffnet, dann kann man diesen Schritt nicht mehr zurückgehen“, sagt Rauball, der auch Borussia Dortmund vorsteht. „Ich habe große Vorbehalte, was im englischen Fußball passiert. Das sprengt alle Vernunft. Ich möchte nicht, dass die Leute eines Tages sagen: Warum hast du das getan?“ Auch Zwanziger ist sehr skeptisch gegenüber einer Änderung der Regel.

Die Großen sperren sich mehr noch als die Kleinen

Kampfansagen angesichts der Spaltung in ein immer reicheres und mächtigeres Fußball-Empire klingen anders. Hinter der Forderung nach einer Öffnung steht laut Teilnehmern der Tagung auch nur rund ein Drittel der Klubs. Die großen Vereine wie Bayern, Bremen, Schalke, Hamburg oder Dortmund gehören nicht dazu.

Aber auch andere Möglichkeiten, neue Finanzquellen anzuzapfen - etwa durch die Fernseheinzelvermarktung -, stößt weiter auf weitgehende Ablehnung. „Das ist für die meisten die Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagt ein Manager. Und beim jüngsten Fernsehgeschäft hat das Kartellamt einen Strich durch die Rechnung gemacht, bei den Wetteinnahmen die Politik. Es bewegt sich nicht viel. „Für unsere Klubs gibt es auch hausgemachte Probleme. Es ist derzeit halt ein bisschen zäh“, sagt Zwanziger.

„Hoffenheim ist überall“

Das Beharrungsvermögen der alten Elite in der Investorenfrage jedenfalls ist groß - und es fehlt an Leidensdruck. Denn das nationale Kerngeschäft auf dem gesunden und größten Fußballmarkt Europas läuft trotz der Schwierigkeiten mit dem Fernsehdeal gut. Die meisten Klubs wollen sich ohnehin nur national verbessern. Es gibt zudem schon zwei Vereine, die dem Einfluss von Konzernen unterliegen: Leverkusen mit dem Bayer-Konzern und der VfL Wolfsburg mit VW im Rücken.

Sie haben kein Interesse, durch Öffnung anderen Konkurrenten ähnliche Möglichkeiten einzuräumen. Dazu kommt auch noch Hoffenheim mit Milliardär Dietmar Hopp im Hintergrund. „Hoffenheim ist überall“, sagt ein Klub-Präsident angesichts der Sorge, dass sich Investoren einen kleineren Großstadt-Klub suchen könnten, um ihn gegen das Establishment in derselben Stadt zu positionieren. Ein Schreckensszenario für Traditionsvereine. (siehe: Das badische Dorf: Hopps Hoffenheimer sind in der Bundesliga)

Hoeneß: „Das ist dann nicht mehr mein FC Bayern“

Hohe europäische Ambitionen gelten in der Liga vor dem Start in die Europasaison ohnehin nur noch als abenteuerlich angesichts der explodierenden Summen für Transfers und Gehälter. Der HSV hat es beispielsweise geschafft, sich im Europa-Ranking in den letzten Jahren von Platz 98 auf 38 zu verbessern. Die Hamburger wollen weiterhin unter die besten zwanzig kommen. Das wird schwer genug, mehr wird kaum gehen.

In die Top Ten vorzustoßen, das wird nur noch dem FC Bayern zugetraut. „Mich würde es grundsätzlich überhaupt nicht stören, wenn die Abschaffung der 50+1-Regel kommt“, sagt Hoeneß. „Das muss dann jeder Klub für sich selbst verantworten.“ Aber allein wegen einer vagen Aussicht ,das Halbfinale der Champions League zu erreichen, die alten Strukturen zu zerstören, darauf würde er sich nie einlassen. Im kommenden Jahr soll das Thema trotzdem bei der Hauptversammlung behandelt werden.

Für eine Satzungsänderung wäre eine Zweidrittelmehrheit notwendig. „Gegen den Willen der Fans würden wir das nicht durchbringen“, glaubt Hoeneß. Und auch nicht mit ihm. „Das ist dann nicht mehr mein FC Bayern - nur ohne mich.“ Der Manager predigt vor dem Start der Champions League lieber Geduld und hofft, dass sich der Investoren-Spuk irgendwann von selbst erledigt: „Wenn sich Abramowitsch zurückzieht, kann man Chelsea am Kiosk kaufen.“

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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