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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Eintracht-Trainer Veh im Gespräch „Ich war ein richtiger Diktator“

 ·  Auf einmal ganz weit oben: Eintracht-Trainer Armin Veh spricht vor dem Spiel bei seinem ehemaligen Klub VfB Stuttgart (15.30 Uhr) im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über sein gutes Auge, die Träume der Fans und Magaths Bruchlandung.

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© dpa Armin Veh: „Als Trainer gibt es keine Sorglosigkeit“

Es gibt den Frankfurter Grünen-Politiker Omid Nouripour, der Gründer des Eintracht-Fanklubs im Bundestag ist. Der sieht Sie aufgrund Ihres aktuellen Erfolgs schon als nächsten Bundestrainer. Verfügt Herr Nouripour über den nötigen Sachverstand?

Das kann ich nicht beurteilen. Mich freut natürlich die Wertschätzung. Ist ja besser, als wenn die Leute sagen würden: Was ist der Veh doch für eine Pflaume.

Sie sind ein erfahrener Trainer im besten Alter, Sie waren mit dem VfB Stuttgart Meister. Wäre das ein lohnenswertes Ziel: Bundestrainer? Oder Bayern-Coach?

Ich mach den Job jetzt 22 Jahre. Das ist eine lange Zeit. Und ich bin immer noch dabei. Mal sehen, was noch kommt. Aber eines weiß ich: Wenn es mir keine Freude mehr bereiten sollte, würde ich sofort aufhören. Das ist alles.

Sie spielen an diesem Sonntag mit der Eintracht in Stuttgart (15.30 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker). Sie betonen, dass diese Meisterschaft 2007 mit dem VfB ein einmaliges Erlebnis war. Glauben Sie nicht, dass das mit einer anderen Mannschaften zu wiederholen wäre?

Meister zu werden, kann ich mir weiter gut vorstellen. Ich meinte mit der Aussage nur die riesige Begeisterung damals. Unser Autokorso brauchte viereinhalb Stunden für acht Kilometer. An diesem Tag ist eine Energie in uns geflossen, das wird so wohl nicht mehr sein.

Viele Frankfurt-Fans riechen schon die Sensation und träumen von einer Eintracht-Zukunft in rosaroten Farben. Gibt diese Begeisterung Ihrer Arbeit Auftrieb oder behindert sie sie?

Das Träumen der Fans, die Euphorie im Umfeld - all das finde ich förderlich. Ich kann gut damit leben. Man muss richtig mit dieser Situation umgehen können. Ich muss da auch an meine Spieler denken, die sind 20, 22 oder 24 Jahre alt. Wie verkraften die das alles? Die sollen ja nicht an Leistung verlieren, weil sie sich vielleicht zu sehr feiern lassen.

Und wie machen Sie das?

Ich bin einfach unaufgeregt und gebe das so weiter. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass wir derzeit in einer Phase sind, in der wir etwas abbremsen müssten.

Halten Sie es für möglich, dass es noch einmal einen Klub in der Bundesliga geben wird, der wie Kaiserslautern 1998 als Aufsteiger den Titel gewinnt?

Wenn die Bayern mal absteigen und dann wieder aufsteigen sollten, könnten die ohne weiteres auch sofort Meister werden. Aber im Ernst: Das wird es im Normalfall nie wieder geben.

Wie toll ist die Phase der Sorglosigkeit, wenn bei einer Mannschaft fast alles funktioniert?

Als Trainer gibt es keine Sorglosigkeit.

Wie schrecklich.

Man glaubt es nicht, aber so ist es. Im Erfolg ist natürlich vieles einfacher, aber sorglos bist du nie. Es gibt so viele Kleinigkeiten, die immer passieren und einem dann Sorgen bereiten können.

Zermartert es einen, nie perfekt gerüstet zu sein vor einem Spiel?

Es gibt keine Perfektion im Fußball. Dafür sorgt allein schon der Gegner, das wird oft vergessen. Und außerdem: Als Trainer würde ich nie sagen, dass etwas perfekt gewesen sei. Ich würde immer etwas finden, was nicht läuft in einer Mannschaft. Als Trainer hat man diesen dauernden Antrieb, immer alles noch besser machen zu wollen, auch wenn es vielleicht nicht immer einen Sinn ergibt.

Wie unangenehm ist es dagegen, wenn auf einmal nichts mehr zu passen scheint?

Irgendwann kommt man als Trainer auch mal in diese Negativspirale. Da darf man nicht den Fehler machen, plötzlich seine Methoden ändern zu wollen. Das endet im Aktionismus, im Chaos. Deshalb wirke ich hier in Frankfurt auch schon vorbeugend ein und spreche weiterhin davon, dass unser Ziel der Klassenerhalt ist. Andere lachen darüber, ich nicht. Ich habe immer im Kopf, dass es schnell auch abwärtsgehen kann und die üblichen Mechanismen in einer Mannschaft losgehen.

Welche wären das?

Das Selbstvertrauen der Spieler nimmt ab, die auf der Bank werden unzufriedener, weil sie nicht spielen, die Berater der Spieler kommen und beklagen sich und so weiter.

Gerade ist ja bei Ihrem Kollegen Felix Magath alles zerbrochen. Gibt es Situationen, in denen eine Mannschaft keine Lust mehr auf ihren Trainer hat und gegen ihn spielt?

Bewusst kann ich mir das nicht vorstellen. Der Spieler auf dem Platz will das Spiel immer gewinnen. Wenn nicht, hätten wir es im negativen Sinn mit sogenannten Führungsspielern zu tun, die das so lenken würden. Das wäre verrückt. Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber es gibt zweifellos Situationen, in denen man sich vom Trainer trennen muss.

Sie sehen das sportlich.

Manchmal passt es eben nicht mehr. Man muss deshalb kein schlechter Trainer sein.

Ginge bei andauerndem Misserfolg Ihr Druck auf das Team so weit, dass Sie nach der Magath-Methode nach einem Waldlauf Wasserflaschen ausschütteten, um die Spieler zum Gemeinschaftssinn zu erziehen?

Man sollte jetzt nicht alles Schlechte mit Felix Magath in Verbindung bringen, denn er war als Trainer schon sehr erfolgreich. Aber natürlich würde ich das so nicht machen. Das kann kein pädagogischer Ansatz sein. Ich muss als Führungskraft doch berechenbar sein, darauf baut alles auf. Außerdem habe ich es in meiner Karriere als angenehm empfunden, dass ich bislang überallhin zurückkehren konnte und mit den ehemaligen Weggefährten gut zurechtkam. So wie jetzt in Stuttgart. Dass ich dort gerne gesehen werde, freut mich natürlich. Ich sehe die Leute dort auch noch sehr gern. Aber so eine Denke ist doch normal, meine ich. Wer will denn schon gerne ein Leben führen, bei dem einen andere als Arschloch einschätzen.

Wie leiten Sie Spieler an?

Ich würde jedem jungen Kollegen empfehlen, dass er Distanz zur Mannschaft aufbaut. Aber zugleich auch Nähe zulässt. Um eine gute Balance hinzubekommen, braucht man Erfahrung und Charakter.

Erfahrung kommt ja erst mit den Jahren. Wir war dass dann früher bei Ihnen?

Da war ich wesentlich emotionaler. Ein richtiger Diktator. Da durfte keiner was sagen. Das war ganz schlimm. Ich wollte den Spielern vorschreiben, dass sie nicht bei McDonald’s essen gehen. Einmal hatte ich einen Ernährungsberater engagiert, der dem Team einen Vortrag über gesundes Essen hielt und auch zeigte, wie bei einer Apfelschorle die optimale Mischung zwischen Saft und Wasser aussieht. Drei Tage später fahre ich in der Stadt beim McDonald’s vorbei - und was sehe ich? Da stehen drei Autos meiner Spieler. Von dem Moment an wusste ich: Meine Energie als Trainer stecke ich lieber woanders hinein. Ich muss nicht mehr alles vorschreiben, ich will mich und die anderen damit nicht ärgern.

Wie viel Selbstkritik gehört zum Trainerjob?

Jemand, der Menschen führt, braucht Sensibilität, um die Signale seines Umfelds überhaupt empfangen zu können. Diese Interaktion ist auch notwendig, um sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Das heißt nicht, dass Ansagen von oben und Disziplin nicht wichtig sind bei uns. Wir arbeiten mit lauter jungen Leuten, die gutes Geld verdienen. Wenn da jeder machen kann, was er will, kann man es gleich vergessen.

Woher nehmen Sie beim Zusammenstellen einer Mannschaft eigentlich die Sicherheit, auf die richtigen Spieler gesetzt zu haben - ist das Glück? Wissen? Gefühl?

Man braucht dafür ein Auge. Ich kann Ihnen schon nach kurzer Zeit der Beobachtung erklären, ob ein Spieler das Niveau für die Bundesliga hat. Ich sage auch Jugendspielern ganz offen, dass sie ihren Weg nicht machen werden im Profifußball, wenn ich davon überzeugt bin. Da habe ich mich bisher noch nie geirrt. Ich will da auch ehrlich sein zu den Spielern. Ich sehe das als Verpflichtung. Und wenn ich irgendwann doch mal falschliegen sollte, dann wäre es ja positiv für den Spieler, weil er es doch geschafft hätte. Und ich könnte mit meinem Irrtum auch gut leben.

Wie lange mussten Sie eigentlich Ihren Vorstandschef Heribert Bruchhagen bearbeiten, damit der nicht mehr behauptet, dass die Bundesligatabelle zementiert ist und die Eintracht ihren Platz höchstens im grauen Mittelfeld findet?

Heribert Bruchhagen ist clever. Er hat ja nicht unrecht. Er schützt seine Trainer mit diesem Realismus. Für mich gilt diese Saison auch nur der Klassenverbleib. Aber es würde mir nie langen, jedes Jahr nur Vierzehnter zu werden. So könnte ich nie arbeiten. Deswegen habe ich die Beispiele von Hannover und Mönchengladbach genannt, die das Gegenteil bewiesen haben. Wir wollen in Frankfurt ja nicht alle zusammen einschlafen.

Sie sagen, Sie wären gerne Journalist geworden, wenn es mit Ihrer Karriere im Fußball nicht hingehauen hätte. Das hätte Sie wirklich gereizt?

(lacht) Na klar, dann hätte ich die Möglichkeit, mich für ein Interview mit Leuten wie mir zusammenzusetzen.

Das Gespräch führten Michael Ashelm, Marc Heinrich und Josef Schmitt.

Quelle: F.A.S.
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