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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eintracht Frankfurt Beispielloser Absturz

 ·  Ein Abstieg nach 26 Hinrundenpunkten: Das gab es noch nie. Dem Niedergang der Frankfurter Eintracht werden Konsequenzen folgen. Zu viel ist in dieser Saison misslungen.

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Unten, im Keller des Stadions, war der Trubel, der draußen herrschte, nur gedämpft durch viele Türen zu vernehmen. Während die Fans der Borussia den Gewinn der Meisterschaft feierten, traten die Spieler der Eintracht mit hängenden Köpfen den Rückzug an. Von einem Tiefpunkt in seiner Karriere sprach Ioannis Amanatidis, einer der wenigen, die überhaupt noch etwas sagen konnten oder wollten. Er und seine Mitstreiter hatten an diesem Samstag beim 1:3 alles verspielt und müssen den Gang in die zweite Liga antreten. Dabei sah es zwischenzeitlich so aus, als wäre eine spektakuläre Rettung doch noch möglich. Sebastian Rode hatte das 1:0 erzielt (46. Minute), Torwart Ralf Fährmann zwei Strafstöße gegen Lucas Barrios (68.) sowie Dede (82.) pariert, die Ergebnisse auf den anderen Plätzen machten Hoffnung. Aber nur vorübergehend. Denn die Dortmunder ließen sich die Festtagsstimmung von den kämpfenden Hessen dann doch nicht verderben, kamen durch Barrios (68.) zum Ausgleich, wurden durch ein Eigentor von Marco Russ zum 2:1 (72.) und den Platzverweis für Marcel Titsch-Rivero begünstigt (81.), ehe Barrios den Endstand erzielte (90.) - und ein Fußballtag zu Ende war, der in beiden Klubs in die Geschichtsbücher eingehen wird. An diesem Nachmittag wurde der Frankfurter Abstieg faktisch besiegelt. Begonnen hat er viel früher.

Der Ursprung des anhaltenden Abwärtstrends, der nun in Dortmund im vierten Absturz in die zweite Liga mündete, liegt ausgerechnet im ersten Aufeinandertreffen mit dem BVB begründet. Kurz vor Weihnachten gelang der Eintracht das Kunststück, den bis dahin auswärts unbesiegten Spitzenreiter 1:0 zu bezwingen; Gekas war mit seinem Treffer für den glücklichen Erfolg verantwortlich, der zu einer fatalen Fehleinschätzung der Lage führte: Mit 26 Punkten und dem siebten Tabellenplatz sah die Fußball-Welt zu Beginn der Winterpause rosarot aus.

Der Abstiegskampf schien kein Thema mehr, stattdessen vertrat Vorstandschef Heribert Bruchhagen die These, dass es mit einem Startplatz in der Europa League etwas werden könnte, „wenn es uns mit etwas Glück gelingt, Konkurrenten wie Freiburg und Hannover abzufangen“.

Falsche Strategie

Auf das anhaltende Verletzungspech rund um den Jahreswechsel reagierte die Klubführung mit demonstrativer Gelassenheit - und dem Verzicht auf Transfers, die durch das Aus im DFB-Pokal nur durch finanzielle Risiken machbar gewesen wären. Das langfristige Fehlen der Verteidiger Maik Franz und Marco Russ sollte mit „Bordmitteln“ (O-Ton Michael Skibbe) kompensiert werden. Ohne die verletzten Stammspieler und adäquaten Ersatz kam die Eintracht nach der Winterpause miserabel in Gang, kassierte auf Anhieb drei Niederlagen - der Schlamassel nahm seinen Lauf.

Eine Elf, kein Team

Augenscheinlich besaß die Eintracht den besten Kader seit langem. Vier international erfahrene Angreifer (Altintop, Gekas, Amanatidis, Fenin) und eine ansprechend verlaufene Vorbereitung weckten Begehrlichkeiten. Skibbe gab das ambitionierte Ziel von 50 Punkten aus. Schnell wurde aber deutlich, dass der Mannschaftsgeist, der die Frankfurter früher ausgezeichnet hatte, abhandengekommen war; den Verlust ihres guten Geistes, Kapitän Christoph Spycher, der in seine Heimat nach Bern zurückgegangen war, konnten sie nie wettmachen. Sein Nachfolger Chris war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und stand abermals wegen einer Rückenverletzung so gut wie gar nicht zur Verfügung.

Gekas entpuppte sich als Ich-AG, der Bereitschaft zur Integration vermissen ließ, wobei Skibbe auch fast jeden Versuch unterließ, den Griechen mehr Gemeinschaftssinn abzuverlangen. Handgreiflichkeiten zwischen Franz und Tzavellas, Faustkämpfe zwischen Halil Altintop und Patrick Ochs legten schonungslos offen, dass das Binnenklima bescheiden war. Und jede Niederlage griff das Nervenkostüm noch mehr an. „Wir müssen ausmisten“, verlangte Amanatidis.

Keine glückliche Hand

Dass Michael Skibbe erfolgreich arbeiten kann, bewies die Hinserie. Doch als sich das Blatt wendete, fand der Trainer keine Antwort, setzte null Impulse. Und Bruchhagen sah der Tatenlosigkeit viel zu lange zu. Neunmal in Serie gelang der Eintracht kein Sieg, als er endlich gegen den FC St. Pauli gelungen war (dem bis zuletzt keiner mehr folgte), musste Skibbe gehen. Kurios.

Die Idee, dass Christoph Daum als Feuerwehrmann der Richtige sein könnte, war noch so ein Irrtum. Seine Motivationssprüche genügten nicht, um eine verunsicherte Mannschaft substantiell zu stärken, das Festhalten an einem System, das ausschließlich auf den formschwachen Gekas baute, war ein Kardinalfehler.

„Es war ein besonderes Jahr, wie ich es zuvor noch nicht erlebt habe“, sagte Bruchhagen in seiner Rückschau am Abend in Dortmund, „aber nicht alles im Fußball ist erklärbar.“ Mit dieser Erklärung alleine gibt sich der Aufsichtsrat zu Beginn der neuen Woche sicher nicht zufrieden. Bruchhagen drohen Konsequenzen. Dem Vernehmen nach ist seine Abberufung als Sportmanager beschlossen. Am Montagabend, nach der Sitzung der Räte, soll sie verkündet werden.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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