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Ein Leben für den Verein „Frauen sind nach der Fortuna nur die 1b“

Seine Partnerin kann man wechseln, seinen Verein niemals: Der Düsseldorfer Fan Andreas Hintz hat 624 Pflichtspiele in Folge gesehen. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Im F.A.S.-Interview spricht er über Vereinstreue und den Fußball als Trennungsgrund.

© Alex Westhoff Vergrößern Tiger „Max“ ist immer dabei: Fortuna-Fan Andreas Hintz

Wie reisen Sie an diesem Dienstag zum DFB-Pokalspiel der Fortuna bei Kickers Offenbach (20.30 Uhr / Live im DFB-Pokal-Ticker bei FAZ.NET)?

Dies wird eins der wenigen Spiele sein, für das ich keinen Urlaub nehmen muss. Ich werde ganz gemütlich nach Feierabend mit der S-Bahn rüberfahren, zum Gästeparkplatz stiefeln und schauen, ob der Bus mit meinen Leuten vom Fanklub „Fortuna-Treu“ gut angekommen ist.

Sie wohnen in Düsseldorf und pendeln täglich nach Frankfurt, wo Sie für eine Bank arbeiten. Trotzdem haben Sie es geschafft, 624 Pflichtspiele von Fortuna Düsseldorf in Folge im Stadion zu sehen. Wie geht das?

Fortuna bestimmt mein Leben, weil ich es nach dem Spielplan ausrichte. Fortuna kann nichts dafür, aber Fortuna hat zum Beispiel auch dafür gesorgt, dass ich nicht Patenonkel meines Neffen werden konnte. Da konnte ich noch kurz mit in die Kirche, musste dann aber los nach Paderborn. Oberliga-Aufstiegsrunde!

Und?

Meine Familie hat eine Woche nicht mehr mit mir geredet. Mein bester Freund ist dann Patenonkel geworden. Der hatte auf das Spiel verzichtet.

Haben Sie das später bereut?

Nicht lange, denn als meine Nichte geboren wurde, sollte ich wieder Patenonkel werden. Der Rahmenspielplan sah an jenem Wochenende, an dem die Taufe stattfinden sollte, ein Spiel in Meppen vor. Ich habe meiner Schwester zugesagt - und das Spiel wurde Gott sei Dank auf einen anderen Tag terminiert. Zum Geburtstag habe ich dann schon mal aus einer Kneipe in Unterhaching gratulieren müssen.

Bild Fortuna 1 © dpa Vergrößern Hintz´ Helden: Die Fortuna-Spieler stimmen nach dem Sieg über Hannover mit den Fans an

Was bedeutet Treue für Sie?

Ich bin eine treue Fortuna-Seele. Meine Serie bemerkt habe ich erst in Kiel beim zufällig genau 250. Spiel in Folge. Wir haben angefangen zu rechnen, als mich jemand angesprochen hatte: Du bist aber auch bei jedem Spiel dabei, oder? Der Archivar von Fortuna hat mir das dann noch bestätigt. Seit dem 1. April 1995, ein Heimspiel gegen Mainz 05, habe ich jedes Spiel gesehen.

Was war eine Woche zuvor los?

Das war ein Montagabendspiel auf St. Pauli. Da habe ich noch in einer Bankfiliale in Ratingen gearbeitet und von meinem damaligem Chef nicht freibekommen. Da habe ich mich - ich war noch jung - morgens krankgemeldet. Meine damalige Freundin, die auch in dieser Filiale gearbeitet hatte, rief mich tränenüberströmt an: Fahr nicht, die schmeißen dich sonst raus! Da habe ich sie demonstrativ von der Arbeit abgeholt und bin nicht nach Hamburg gefahren.

Fortuna hat seine Fans in den vergangenen 15 Jahren mit dem Absturz in die vierte Liga, Beinahe-konkurs und anderen Irrungen und Wirrungen auf harte Proben gestellt. Haben Sie mal den Glauben an den Verein verloren?

Wenn man ins Archiv schaut, wie viel Leute sich bei Fortuna ein Stelldichein gegeben haben, wie viel Trainer und Spieler verschlissen worden sind in den Jahren, das ist schon enorm. Ich liebe nicht jeden einzelnen Spieler, aber diesen Verein, zumindest die Hülle, das Gebilde. Das geht nicht kaputt. In den finsteren Zeiten bin ich auch aus einem gewissen Trott heraus hingefahren. Dann versemmelt die Mannschaft das Spiel, spielt unter aller Sau und dann stehste noch im Stau. Dann fragst du dich: Was machst du hier, warum bist du hier? Das gab es öfter mal. Das Positive an den ganzen Auf- und Abstiegen war, dass ich schon 98 verschiedene Vereine bereist habe.

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Was waren die Tiefpunkte?

Wenn man zu Werder Bremen II auf den sogenannten Nebenplatz 11 muss, ist das - ’tschuldigung - schon Kacke. Eine schwarze Stunde war das 0:3 gegen Germania Teveren. Schlimm war auch die 1:4-Niederlage beim GFC Düren in der vierten Liga. Das fand auf so einer Bezirkssportanlage statt. Da haben die den Bereich für die Fortuna-Fans mit Bauzäunen umstellt. Da haben wir im Schlamm auf der Wiese gestanden neben ein paar Büschen und das Spiel geguckt. Da wusste ich, dass wir ganz unten angekommen sind.

Sind Sie verheiratet?

Nein. Seine Frau kann man wechseln, seinen Verein niemals.

Und mussten Sie schon notgedrungen die Partnerin wechseln?

Die Trennungsgründe waren bisher ausschließlich: Fußball. Ich habe nie einer etwas vorgemacht mit meiner Fortuna-Leidenschaft. Am Anfang sind die Frauen dann noch guten Glaubens und denken: Den biege ich mir noch zurecht, das wird schon. Irgendwann sehen sie dann ein, dass sie - krass formuliert - nur die 1b sind nach Fortuna.

Könnten Sie in der Sommerpause nicht ein besonders liebevoller Partner sein?

Schon, nur war ich seit 1988 bei jeder EM- und WM-Endrunde. Und im nächsten Sommer bin ich bei der U-21-EM in Israel. Und die Trainingslager der Fortuna . . .

Haben Sie Angst vor dem Tag, an dem Ihre Serie reißt?

Ich kenne einen Fortuna-Fan, der auch zwölf Jahre lang kein Spiel verpasst hat. Der musste dann, ist gar nicht lange her, einen Tag vor dem Spiel ins Krankenhaus: Blinddarm, Not-OP. Er meinte, das Reißen der Serie tut gar nicht so weh. Der stupideste Grund wäre natürlich mal ein Stau oder eine Vollsperrung auf der Autobahn. Früher waren 500 Spiele ein Ziel. 1000 ist nicht zu schaffen, das ist unmenschlich. Im Jahr 2015 die zwanzig Jahre vollzumachen, wäre schön.

Bild Fortuna 2 © dpa Vergrößern Die Fortuna im Cup-Wettbewerb: 1979 und 1980 trugen sich die Düsseldorfer in die Reihe der Pokalsieger ein

Ist da Zwang dabei?

Ja, aber irgendwann ist vielleicht die Erleichterung groß, diesen Zwang nicht mehr zu haben Und dann entscheide ich mich vielleicht mal für eine Hochzeit oder eine Geburtstagsfeier und verzichte auf ein Spiel.

Haben Sie eigentlich in all den Jahren einen direkteren Draht zu Team und Trainer bekommen als es anderen Fans möglich ist?

Nach meinem 500. Spiel - das war ein sensationelles 5:5 in Braunschweig - habe ich die ganze Mannschaft zum Griechen eingeladen. Da standen dann unser Bus und der Mannschaftsbus vor der Tür - ein schönes Bild. Leider war die Stimmung etwas getrübt, weil wir nicht wissen konnten, dass wir die restlichen drei Saisonspiele gewinnen und den Aufstieg in die zweite Liga noch schaffen würden.

Das Gespräch führte Alex Westhoff.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 15.12.2012, 19:20 Uhr