Borussia Dortmund ist wieder deutscher Meister. Was hat sich seit dem Titelgewinn 2011 geändert?
Man hatte uns im Sommer 2011 als Überraschungsmeister tituliert, der keine großen Ambitionen haben dürfe, noch einmal so erfolgreich zu sein. Dieser These haben wir auf dem Platz deutlich widersprochen. Der Erfolg, den wir dieses Jahr haben, war aber kein Selbstläufer, es steckt viel Arbeit und Leidenschaft dahinter. Die Philosophie des BVB ist die gleiche geblieben, wir bleiben bescheiden. Aber wir haben sportlich einen weiteren Schritt nach vorne gemacht, wir entwickeln uns kontinuierlich weiter.
Bayern-Präsident Uli Hoeneß sagt, richtig anerkannt sei der BVB erst, wenn die Klasse auch international vorhanden ist. Noch verdiene Dortmund keinen Ritterschlag. Fehlt es den Münchnern an Respekt?
Das internationale Geschäft ist für uns natürlich ein weiterer Baustein. Da müssen wir uns verbessern. Wir werden in der nächsten Saison zeigen, dass wir dazugelernt haben. Das ist unser Anspruch. Ich will gar nicht weiter auf die Worte von Uli Hoeneß eingehen. Ich glaube, er hat durchaus Respekt vor uns.
Zurück zum BVB. Hat der Erfolg Trainer Jürgen Klopp verändert?
Nein. Jürgen Klopp ist genauso gierig, genauso willensstark wie vorher. Er lebt Fußball. Ein Vergleich seiner Gesichtszüge mit denen der Vorsaison würde das zeigen. Da ist kein Unterschied zu sehen, was die Gier und seine Begeisterung betrifft. Er hat Power ohne Ende. Über allem steht aber, dass Jürgen Klopp sehr authentisch ist. Natürlich hat er auch mal einen Spruch auf den Lippen, den er gezielt einsetzt. Das wird auch so bleiben.
Hat der Trainer auch mal schlechte Laune?
Kein Mensch strotzt jeden Tag vor positiver Energie und läuft nur lächelnd durch die Gegend. Jürgen Klopp kann auch anders. Manchmal ist er durchaus fordernd und sehr kritisch uns Spielern gegenüber. Durch unser sportliches Auftreten haben wir ihm in der letzten Zeit allerdings sehr gute Laune vermitteln können, denke ich.
Wäre es nicht menschlich, wenn diese Gier nach Erfolg, für die Borussia Dortmund aktuell steht, irgendwann nachlässt?
Wie soll ich bewerten, was nach maximalem Erfolg über Jahre hinweg wäre? So viel haben wir ja noch nicht erreicht. Wir hatten hier im vergangenen Jahrzehnt auch viel Leerlauf, Phasen, in denen es wenig zu feiern gab, wirtschaftlich schwierige Zeiten, in denen die Existenz dieses Klubs auf dem Spiel stand. Warum also sollte bei uns jemand satt sein und sich mit weniger als dem maximal Möglichen zufrieden geben? Wenn wir zehnmal deutscher Meister geworden sind, können Sie mir die Frage gerne noch mal stellen.
Lässt sich die kraftraubende Art, Fußball zu spielen, über Jahre hinweg durchhalten?
Warum sollte das nicht funktionieren? Wir sind doch alle jung und in toller Verfassung. Wir trainieren dafür, diese Performance auch über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. In der Hinrunde hat uns die Doppel- und Dreifachbelastung nicht daran gehindert, unsere Bundesligaspiele zu gewinnen. Unsere Rekordserie mit 26 Siegen in Folge spricht für Stabilität. Für mich stellt sich die Frage nicht, was in einigen Jahren sein wird, wie wir dann Fußball spielen. Ich mache mir darüber keine Sorgen. Und falls Sie darauf anspielen: Wir haben unseren nationalen Erfolg nicht dadurch eingefahren, dass wir international früh ausgeschieden sind.
Bleibt es in der Bundesliga bei einem Zweikampf zwischen Bayern und Dortmund?
Für uns ist es ohne Zweifel eine berauschende Saison. Die Bayern werden sicher wieder einen neuen Angriff auf die Meisterschaft unternehmen, das lassen wir dann auf uns zukommen. Wir messen uns aber auch weiterhin nur an uns.
Der Trainer bezeichnet Sie als außergewöhnlichen Menschen. Was bedeutet Ihnen das?
Das Wort „außergewöhnlich“ kann man ja verschieden interpretieren, aber ich bin mit mir im Reinen und komme sehr gut mit ihm und mit mir zurecht. Als Kapitän glaube ich, einer zu sein, mit dem man sehr gut zusammenarbeiten kann. Einer, der vernünftig vorweggeht. Das wird der Trainer vielleicht gemeint haben.
Sie waren einige Jahre lang Nationalspieler. Warum bekleidet Ihr Kollege Mats Hummels noch keine Führungsrolle in der Nationalelf?
Mats wird eine sehr wichtige Rolle spielen bei der Europameisterschaft. Er ist körperlich und vom Kopf her wahnsinnig präsent. In ihm steckt das absolute Sieger-Gen. Und nach diesem großen Turnier wird sein Stellenwert noch höher sein als bisher. Ich hoffe, dass viele BVB-Spieler bei der EM dabei sein werden, aber bei Mats verteile ich gern Vorschusslorbeer. Ich bin mir ganz sicher, dass er wichtig wird für die deutsche Elf.
Ist es inzwischen einfacher, als BVB-Profi bei der Nationalelf akzeptiert zu werden?
Natürlich ist es für einen einzelnen Spieler oder eine Gruppe von Spielern bedeutsam, wenn die Vereinsmannschaft so erfolgreich spielt wie wir in letzter Zeit. Wenn man Außergewöhnliches geleistet hat, verfügt man über mehr Selbstvertrauen, hat eine überzeugtere Ausstrahlung. Das kann nur hilfreich sein, auch für die Nationalmannschaft.
In der vergangenen Saison haben Sie verletzungsbedingt nur sechs Spiele gemacht. Was bedeutet es Ihnen, dennoch Kapitän zu sein?
Die Situation im letzten Jahr war nicht ganz einfach für mich, das will ich gar nicht verhehlen. Meine Rolle ist nun mal die desjenigen, der gerne führt. Wenn man das auf dem Platz nicht kann, verändert sich die Situation. Das habe ich gespürt. Aber diese Situation schließt auch die Chance ein, dass andere Spieler mehr Verantwortung übernehmen und wachsen. Die Jungs haben 2010/2011 ihren verdienten Lohn eingefahren. Und in dieser Saison haben wir es wieder und noch überzeugender geschafft - mit mir.
Das Gespräch führte Richard Leipold.