Bayern oder Borussia? Das war schon einmal eine Frage, der man nicht ausweichen konnte. Man musste sich entscheiden, damals, genau wie bei den anderen großen Fragen der Epoche: Käfer oder Kadett, Coca oder Pepsi, Wrangler oder Levi’s, Stones oder Beatles. Und: Beckenbauer oder Netzer. Doch die Siebziger, spielerisch golden, endeten glanzlos, und irgendwann blieb zumindest im Fußball keine große Wahl mehr. Denn danach ließ der FC Bayern die alte Konkurrenz aus Mönchengladbach und den Rest der Liga um Längen hinter sich. Und wurde zu einer mächtigen und doch paradoxen Institution des Fußballs: ein Klub, der polarisierte, obwohl ihm ein Gegenpol fehlte.
So musste sich das Publikum jahrzehntelang in der Meisterfrage aufspalten: hier die Bayern-Fraktion, dort das Egal-wer-Hauptsache-nicht-Bayern-Lager. Erst vier Jahrzehnte nach der ersten großen Bayern-Borussia-Ära hat man nun wieder eine bessere, eine konkretere Wahl - weil sich ein nördlicher Gegenpol zum Kraftprotz des Südens gebildet hat. Auch er hat magnetische Anziehung auf Freunde emotionalen Fußballs, wie einst Gladbach. Auch er trägt das lateinische Wort für Preußen im Namen - Borussia, der Gegenentwurf zu Bavaria.
„Toll, dass wieder ein Verein kommt“, der das Duell „auch mal längere Zeit aushält“, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß in dieser Woche bei „Sport1“. Es hätten ja schon viele versucht, „die meisten sind dann aber wieder abgebrochen“. Seit die Dortmunder die Leistung aus dem Meisterjahr 2011 bestätigt und sich dabei personell wie finanziell breiter aufgestellt haben, weiß Hoeneß, dass er es nicht mit einem der üblichen Einmal-und-nie-wieder-Meister zu tun hat, die ihn eine Saison ärgern und dann wieder ins bessere Mittelmaß zurückfallen. Er traut Dortmund zu, „einige Jahre lang mit uns auf Augenhöhe“ zu bleiben.
Fußball, der Spaß macht
Das täte gut. Auch den Bayern selbst, die sich durch die neue Konkurrenz in Frage stellen und neu fordern mussten. In dieser Saison ist ihnen das gelungen, und so fiebert Fußball-Deutschland einem Spitzenspiel am Mittwoch entgegen, wie es das in solch titelentscheidender Konstellation nur alle Jubeljahre gibt. Beide Teams brillieren mit Tempoattacken und attraktivem Spiel, mit kollektiver Organisation und individueller Weltklasse - und auch mit ihren Ergebnissen, so dass beider Punktausbeute am Ende wohl deutlich über der Zahl von 72 liegen wird, die seit Einführung der Dreipunkteregel 1995 durchschnittlich zum Titel gereicht hat.
Vielleicht sogar hat es in fast fünfzig Jahren Bundesliga noch nie zur gleichen Zeit zwei stärkere Vereinsmannschaften gegeben als diese beiden: die Bayern, die in Europa nur noch die beiden Mega-Teams aus Madrid und Barcelona vor sich sehen - und die Borussen, die in Europa noch nicht so weit sind, in Deutschland aber vielleicht weiter als die Bayern.
Für beide gilt: Fußball, der Spaß macht. Auch den Beteiligten, was sich auf die Zuschauer überträgt. Wie man Erlebnis und Ergebnis zusammenbringt, das machten die Borussen vor und die Bayern nach. Es ist eine kühne Vorstellung, aber womöglich wird man es eines Tages sogar erleben, dass ein Bayern-Trainer nach einem in der Nachspielzeit kassierten 4:4 solch lustige Laune zeigt wie Jürgen Klopp. Der sagte nach dem Spektakel gegen Stuttgart, das ihn zwei Punkte im Meisterrennen kostete, den schönen Satz: „Das ist Fußball, das ist Leben, das ist total verrückt.“ Denn auch die Bayern tun nun schöne, aufregende Dinge, die nicht allein mit nacktem Erfolgsdenken zu erklären sind. Viele ihrer Siege in dieser Saison waren weit über das nötige Maß hinaus spektakulär.
Ernsthafte Kontraste und lustige Klischees
Wohl nie gab es deshalb einen besseren Zeitpunkt für die Liga, um Kasse zu machen in den Verhandlungen über die Fernsehrechte von 2013 an. Wer den Zuschlag erhält, sichert sich die Chance, seinem Publikum in den nächsten Jahren eine Dauerrivalität zu verkaufen, wie es sie sonst nur in Spanien, Italien oder England gab. „Jetzt wissen wieder alle, warum sie so viel blechen sollen“, sagte Klopp nach dem 4:4-Werbefilm vor einer Woche.
Blechen auch für ein Duell, das die nächsten Jahre prägen könnte. Das Verkaufsfördernde daran ist neben dem Fußball selbst die populäre Dialektik von ernsthaften Kontrasten und lustigen Klischees, die sich in solche Machtkämpfe hineininterpretieren lassen. Lederhose gegen Blaumann, Weißbier gegen Pils, Bavaria gegen Borussia. Hier die alte katholisch-bayrische Mischung aus Kontrolle und Kunstfertigkeit, dort die neu entdeckte westfälisch-protestantische Lust und Leichtigkeit am Ball.
Beruhigende Gewissheiten
Und endlich Spannung, die länger dauert als nur eine Saison. Die Jahre nach Titelverlusten der Bayern waren immer langweilig. Fünfmal von 1997 bis 2010 hieß der Meister nicht Bayern, und fünfmal holten sie sich den Titel danach besonders motiviert zurück - mit einem durchschnittlichen Vorsprung von zwölf Punkten vor dem Zweiten. Nun, beim sechsten Mal, ist es anders. Die Dortmunder machen eine Saison spannend, die an der Spitze ohne sie längst langweilig wäre. Denn ohne diesen Gegner, der Titelverteidiger ist, aber wie ein Herausforderer auftritt, hätten die Bayern die Lage im Griff, lägen kommod vorn und könnten sich in der Liga für die Champions League ausruhen. Nun aber müssen sie jede Woche alles zeigen.
Das beweist: Es ist kein Naturgesetz des deutschen Fußballs mehr, dass das teuerste Team im Lande nur Normalform erreichen muss, um den Titelkampf zu dominieren. Oder dass es sogar mal reichen kann, mit einer unterdurchschnittlichen Saisonleistung Meister zu werden, so wie 2001 mit dem in letzter Sekunde gewonnenen 63. Punkt (einen vor Schalke, dem damaligen „Meister der Herzen“).
Solch beruhigende Gewissheiten gingen den Bayern spätestens im letzten Jahr verloren, als sie nach der 1:3-Heimniederlage gegen die Borussen schon im Februar, bei 16 Punkten Rückstand, dem Titel ade sagen mussten. Vor zwei Jahren waren die Dortmunder noch nicht auf dem Niveau der Bayern, vor einem Jahr waren es die Bayern selbst nicht - nun sind es beide, und Deutschland hat die Bescherung.
Jetzt wissen die Zuschauern endlich, warum sie soviel blechen müssen
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 11.04.2012, 16:06 Uhr
...und keiner schaut zu!!!
gerd hodina (hodger)
- 11.04.2012, 15:23 Uhr
Ein FC Bayern Freund...
Sascha Philip Rheinert (saphirh)
- 11.04.2012, 12:30 Uhr
Ein Duell für Deutschland
Jürgen Zocher (berele)
- 11.04.2012, 09:38 Uhr
Schöne Bescherung...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 10.04.2012, 17:52 Uhr