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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Krise des VfB Stuttgart Das Modell Ostalb

 ·  Der VfB Stuttgart kommt nicht zur Ruhe. Gross-Nachfolger Keller will zwar um seinen Job kämpfen - aber schon kursiert der Name eines anderen Cheftrainers. In die Linie des Vereins würde es passen: Seit Jahre durfte jeder herumwursteln, Trainer wie Vorstand.

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Es kommt selten vor, dass Pressestellen von Bundesligaklubs Auskunft über die Parkgewohnheiten ihrer Trainer geben müssen. Beim VfB Stuttgart löste diese Frage jüngst starkes Interesse aus. Jens Keller, der Mann, der Christian Gross folgte, parkte nicht auf dem Parkplatz des Cheftrainers. Auch am zweiten Tag nach der Beurlaubung des Schweizers nicht. Die im Grunde nebensächliche Geschichte gewann durch ein Vorkommnis während Kellers Präsentation an Gewicht, und man konnte darin durchaus auf die Gesamtverfassung des Klubs schließen, der in der Sache ratlos wirkte. Die Klubspitze nebst Manager Fredi Bobic saß minutenlang auf dem Podium, da war der Begriff „Cheftrainer“ kein einziges Mal gefallen. Präsident Erwin Staudt sagte, Herr Keller habe die Leitung. Erst mit Hilfe von Pressechef Oliver Schraft gelang eine Art Befreiungsschlag. Schraft flüsterte Bobic etwas ins Ohr. Der ehemalige Stürmer sagte daraufhin: „Er ist Cheftrainer.“

Keller auf alle Fälle begreift seine Beförderung als eine Chance, für die er meilenweit gehen würde. Doch lässt sich nun trefflich darüber spekulieren, wie groß das Vertrauen in ihn tatsächlich ist. Besonders groß kann es vor dem zum „Krisengipfel“ erhobenen Duell des Tabellenletzten an diesem Samstag beim FC Schalke 04 nicht sein. Wie lange Keller im Amt bleibt, wollte verbindlich keiner festlegen. Namen von „wirklichen“ Cheftrainern machen derweil die Runde, die Keller im Fall von Niederlagen beerben könnten. Dabei kristallisiert sich einer als Favorit heraus, der zumindest derzeit selbst kein „Chef“ ist: Lorenz-Günther Köstner. Er ist Amateurtrainer des VfL Wolfsburg und war dort in der Winterpause der vergangenen Saison ein halbes Jahr lang als Chef eingesprungen, als man sich von Armin Veh trennte.

Immerhin, so spöttelte mancher, habe es der VfB Stuttgart mit dem Trainertheater für einen Tag fertiggebracht, das Stuttgarter Dauerthema um den umstrittenen Bahnhof „S 21“ aus den lokalen Schlagzeilen zu verdrängen. In den Fanforen, den Leserbriefspalten der örtlichen Zeitungen, den Sportsendungen des Südwestrundfunks allerdings geht es weniger um Kellers Parkplatz als vielmehr um Führungskrisen und einen Verein, der ohne Perspektive zu sein scheint. Die „Stuttgarter Nachrichten“ stuften Klubchef Staudt zum gemeinen „Fan“ herab, der die „Lizenz zum Jubeln und Meckern“ habe. Staudt, so schrieb das Blatt frotzelnd, habe „immerhin noch keinen Spieler um ein Autogramm gebeten“.

Seit Jahren durfte jeder Trainer herumwursteln

Der Aufsichtsrat mit Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bekommt sein Fett weg und wird mit dem Hinweis an den ehemaligen Manager Horst Heldt zitiert, Verteidiger doch auf der Ostalb zu suchen, weil die dort billiger seien. Die „Stuttgarter Zeitung“ attackiert Hundt, der als mächtigster Mann des Vereins und Gegenspieler von Staudt gilt und das „Tafelsilber“ trotz anderer Ankündigungen verkauft habe. Mit den Transfers von Profis wie Mario Gomez, Sami Khedira, Alexander Hleb, Andreas Hinkel und Sebastian Rudy habe man zwar die Bilanzen positiv gestaltet, aber die Linie des Klubs aufgegeben.

Die Tage, als die Schwaben als Modell der Zukunft galten, sind in der Tat lange vorbei. Seit Jahren durfte jeder Trainer herumwursteln und sich nach seinen eigenen Wünschen den Kader bestücken. In der Führungsetage sei lieber darauf geachtet worden, Handyrechnungen von Cheftrainern nicht vollständig bezahlen zu müssen und die Kosten von Auslandsreisen des jeweiligen Managers überschaubar zu halten, heißt es.

Obwohl es dem Klub bei geschätzten Gesamteinnahmen aus Transfers in Höhe von rund 80 Millionen Euro während der vergangenen Jahre gut geht, die Mitgliederzahl Richtung 50.000 tendiert und im kommenden Sommer der Traum von der reinen Fußballarena Wirklichkeit wird, setzten die Macher weiter aufs Sparen. Die Spitzenfunktionäre, so viele Kritiker des VfB, versteckten sich hinter überholten Zahlen. Durch den Klub gehe deshalb ein tiefer Riss.

Frust im Ausbildungsbereich

Vor allem Arbeitgeberpräsident Hundt halte an Sparbeschlüssen fest, die aus schlechten Zeiten stammten, heute aber die Zukunft des VfB gefährdeten. Lange hatte sich Hundt das Hobby geleistet, Präsident des österreichischen Klubs SV Bad Aussee zu sein, der später Insolvenz anmeldete. Statt wirklich auf die Jungen zu setzen, verkauften die Stuttgarter Talent Rudy, liehen Stürmer Julian Schieber nach Nürnberg aus und versetzten das Talent Patrick Funk zurück zu den Amateuren. Gleichzeitig verkündete man ein „Übergangsjahr“, um den Stadionumbau zu schultern, der mit jährlich sieben Millionen Euro zu Buche schlägt. Was dem folgte, war der Einkauf des 34 Jahre alten Mauro Camoranesi. Die Abkehr vom Plan, auf die Jugend zu setzen, habe Auswirkungen bis in den Ausbildungsbereich hinein. Dort habe sich angesichts der Stagnation längst Frust breitgemacht.

Keller ist derweil entschlossen, um seinen Job zu kämpfen und Akzente zu setzen. Gleich in der ersten Trainingseinheit des Neuen musste die medizinische Abteilung einschreiten, um nach harten Zweikämpfen zu helfen.

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