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Samstag, 11. Februar 2012
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Die Gentrifizierung eines Fußballklubs Das neue St. Pauli

11.05.2010 ·  Wem gehört der Verein? Der Hamburger Stadtteilklub steigt in die Bundesliga auf und feiert seinen hundertsten Geburtstag. Hinter der glänzenden Fassade streiten Realisten und Romantiker. Ein Streit, der das Leben auf St. Pauli und in der ganzen Stadt spiegelt.

Von Christian Kamp, Hamburg
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Corny Littmann stößt auf einen Fluss, wenn er seine Wohnung in St. Pauli verlässt. Nicht die Elbe oder die Alster, kein wirklicher Fluss. Es ist, bildlich gesprochen, ein Grenzfluss, von dem Littmann spricht. Die Hopfenstraße trennt zwei Welten von St. Pauli. Auf Littmanns Seite reihen sich alte Häuser aus der Gründerzeit, ein fast behagliches Bild im Herzen des Amüsierviertels.

Auf der anderen Seite ragt ein kupferfarben verglaster Neubau nach oben, modern, schick, kühl. Das Empire Riverside Hotel trägt nicht nur einen protzigen Namen, auch die Zimmerpreise - zwischen 139 und 349 Euro - sind nicht für den kleinen Geldbeutel. Maklerschilder werben hier für „Designbüros“, von deren Preis man vermutlich nicht einmal etwas ahnt - gegenüber, in der „Scharfen Ecke“, wo das vergilbte Asbach-Uralt-Schild über dem Tresen hängt und Karten geklopft werden. Oder in der Drogenberatung „Stay Alive“ ein paar Schritte weiter.

Hier, am Rande des ehemaligen Brauereiviertels, kann man wie unter dem Brennglas sehen, wie sich der Stadtteil wandelt. „Das ist schon eine andere Welt, die da entstanden ist“, sagt Littmann, der seit über dreißig Jahren in St. Pauli lebt und dort zwei Theater betreibt. Überall eröffnen Restaurants und schicke Cafés. Werbeagenturen, Kanzleien und Büros großer Firmen haben gleichermaßen den Reiz der Hafenlage für sich erkannt. Der einstige Arbeiterstadtteil ist längst dabei, sich nach dem Schanzenviertel zum In-Quartier der Hansestadt zu entwickeln. Neureicher Glamour hier, das alte, rauhe, liebenswerte St. Pauli dort: Auch das ist es, was Littmann meint mit dem „kulturellen Kanal“, der durchs Viertel geht.

Seit 2002 ist Littmann auch Präsident des FC St. Pauli, eines Vereins, der sich sehr über seine Heimat definiert. „Der FC St. Pauli ist ein Stadtteilverein“, heißt es in den Leitlinien, die sich der Klub vor einem halben Jahr gab. „Hieraus zieht er seine Identifikation und hat eine soziale und politische Verantwortung gegenüber dem Stadtteil und den hier lebenden Menschen.“ Aus den Worten weht der Geist, für den der Klub über Hamburg hinaus berühmt geworden ist: freiheitsliebend, sozial engagiert, unangepasst. Was aber passiert, wenn sich das Viertel und die Menschen verändern? Wenn plötzlich Geld und Status eine Rolle spielen, wo das Leben vorher - zumindest abseits der Amüsierbetriebe - ein eher schlichtes war?

Angemessene Geburtstagsfeier

Dass auch der FC St. Pauli im Wandel begriffen ist, sieht man schon, wenn man vor der neuen Südtribüne des Millerntor-Stadions steht: ein Bau, der an das Torgebäude im Vereinswappen erinnert (ein bisschen auch an eine Kathedrale) und in seiner Mischung aus norddeutschem Rotklinker und Glas Tradition und Moderne gelungen verbindet. Schick irgendwie. Und ganz anders als das alte Klubheim, durch das sich Spieler, Fans und Journalisten einst gemeinsam quetschten.

Der Stadionumbau ist das Großprojekt Littmanns. Unter seiner Führung hat der Klub 2003 eine existentielle Krise überstanden und steht heute besser da denn je - sportlich und wirtschaftlich. Im letzten Saisonspiel gegen Paderborn wurde der bereits gewisse Aufstieg in die erste Liga auch rechnerisch perfekt gemacht. Und weil der Klub im Mai auch noch hundert Jahre alt wird, dürfte es ein feuchtfröhlicher Sommer auf St. Pauli werden. Es wird jedenfalls angemessen gefeiert: mit Fußball-Festspielen gegen den FC United of Manchester, mit dem man sich gegen die Kommerzialisierung des Sports im Bunde sieht, gegen Celtic Glasgow sowie einem großen Jubiläumskonzert mit Bands wie Fettes Brot, Kettcar oder Slime.

Sprengkraft für das Binnenklima

Littmann muss ein glücklicher Präsident sein in diesen Tagen, ein sorgenfreier ist er nicht. Mehrmals klingelt sein Telefon am Morgen nach dem Heimsieg gegen Augsburg, es gibt mal wieder etwas aufzuarbeiten: Ärger mit den eigenen Fans. Vor dem Heimspiel gegen Rostock hatte das Präsidium angesichts der Rivalität mit den Hansa-Anhängern beschlossen, nur 500 namentlich registrierte Rostocker Fans zuzulassen. Das wiederum interpretierten die St.-Pauli-Anhänger als Verrat an ihrem Fußball- und Freiheitsideal, die Fangruppe „Ultrà St. Pauli“ rief zu einem Tribünenboykott auf, den sie zum Teil handgreiflich gegenüber anderen Zuschauern durchzusetzen versuchte. Littmann und seine Kollegen fanden, dass damit eine Grenze überschritten war und entzogen den Fans einige ihrer Sonderrechte.

Was aus der Ferne wie eine kleine atmosphärische Störung wirken mag, besitzt für das Binnenklima im Verein Sprengkraft. Bei Teilen der Fans gilt Littmann keineswegs nur als Heilsbringer, der dem Klub mit solidem Wirtschaften und viel Netzwerkarbeit eine Rückkehr in die Beletage des Fußballs ermöglicht hat. Sondern als einer, der den Ausverkauf des Klubs und seiner Werte betreibt.

Romantiker gegen Realisten - darum geht es in Stadtteil und Verein

Einer, der Logen und Business Seats ans Millerntor gebracht hat, der eine Bezahlkarte samt eigener Währung, den „Millerntaler“, einführen wollte. Der Werbung für ein Getränk namens „Kalte Muschi“ duldete (was manche sexistisch finden), der sogar den Stadionnamen verkaufen würde, wenn ihn nicht die Mitgliederversammlung bislang daran gehindert hätte. Das alles passt wenig zu einem Klub, der vom Image des Rebellischen, Antikommerziellen lebt, der den Totenkopf wie ein zweites Wappen führt.

„Littmann wird natürlich als Überpräsident in die Geschichte eingehen“, sagt Stefan Schatz, der Fanbeauftragte des Klubs. „Er ist aber auch eine ambivalente Persönlichkeit.“ Ein Geschäftsmann eben, der, so sehen es die Fans, im Zweifel wenig Rücksicht auf ihre Interessen nimmt. Romantiker gegen Realisten - das ist eine Konfliktlinie, die sich durch den Klub zieht. Die viel mit dem wachsenden sportlichen Erfolg zu tun hat, aber auch etwas mit dem Wandel im Stadtteil. Unter den besten 25 Teams in Deutschland will sich der Verein dauerhaft etablieren, dazu braucht es eine entsprechende Infrastruktur und das nötige Kleingeld. Und da kommt es allemal entgegen, wenn im Viertel die Kaufkraft wächst.

Die Fans fürchten ein ernstes Ungleichgewicht

Littmann und Trainer Holger Stanislawski gehören zu den Realisten; anders ist ein Fußballunternehmen auch nicht erfolgreich zu führen. „Wir müssen auch die Besserverdienenden für den Fußball begeistern“, sagt Stanislawski, der die klammen Phasen aus seiner Zeit als Spieler bestens kennt. Missen möchte er die alten Tage nicht - die Perspektive aber ist wichtiger. Für Littmann ist es keine ideologische Angelegenheit, dass die Zahl der Business Seats auf der neuen Südtribüne von 1000 auf 1200 erhöht wurde, sondern vor allem eine der Nachfrage. Und dabei wähnt er sich sogar mit Uli Hoeneß auf einer Linie. Der bayerische Fußballkapitalist hatte den eigenen Fans vor einiger Zeit in deftiger Sprache vorgerechnet, wer eigentlich die günstigen Stehplatztickets finanziere: die Besucher auf den teuren Plätzen. Littmann findet Hoeneß' Wutausbruch „sympathisch“.

An der Basis wird das naturgemäß anders gesehen. Wurden die Edelplätze auf der Südtribüne noch als notwendiges Übel hingenommen, fürchten die Fans nach dem nächsten Bauschritt, der Haupttribüne, ein ernstes Ungleichgewicht. Und damit auch eine Verschlechterung der Atmosphäre im Stadion. Schon jetzt sei die Stimmung am Millerntor nicht mehr das, was sie einmal war. „Der Verein lebt immer noch vom Stimmungsmythos von vor 10 oder 15 Jahren“, sagt Schatz, der seit 22 Jahren die Spiele besucht. „Aber den berühmten ,Millerntor-Roar' von dem überall geschwärmt wurde, gibt es heute eigentlich nicht mehr.“

Dafür umso mehr Eventpublikum, das teilhaben will an der Party und am Image des Vereins. Stanislawski und Littmann nehmen es gelassen. „Wir sind Entertainer und Dienstleister am Fan“, sagt Stanislawski, der sich auch an Modefans, die sich mit dem Totenkopf schmücken, nicht stört. „Jeder, der das Trikot kauft, empfindet irgendwas.“ Littmann meint dazu nur: „Jeder soll mit dem Verein assoziieren, was er möchte.“ Aber ist es wirklich so einfach?

Wem gehört eigentlich Hamburg?

Wem gehört der Klub - das ist die Frage, auf die es hinausläuft. „Es ist noch nicht so, dass die Leute auf die Barrikaden gehen“, sagt Schatz. „Aber man merkt, dass sich langsam etwas regt.“ So wie in Hamburg insgesamt. Über die Frage, wem eigentlich die Stadt gehört, wird dort gestritten wie nirgendwo sonst. Die Auseinandersetzung um das Gängeviertel, ein historisches Quartier, das ein Investor von der Stadt erworben hatte und abreißen wollte, der Streit um ein Ikea-Möbelhaus mitten in Altona, der Umbau eines Wasserturms in ein Luxushotel im Schanzenviertel - überall dreht es sich darum, wie weit sich Stadtentwicklung dem Kommerz unterwerfen darf, wie sehr Geld gewachsene Strukturen verdrängen darf.

Um fast 28 Prozent ist das Mietniveau in St. Pauli zwischen 2005 und 2009 gestiegen. Wer aufmerksam durch das Viertel geht, sieht hier und dort kleine Aufkleber mit dem Satz: „Alles, was dumm und scheiße ist, passiert hier, genau hier.“ Es ist ein Zitat des Hamburger Künstlers Rocko Schamoni aus dem Dokumentarfilm „Empire St. Pauli“, in dem es genau um dieses Phänomen geht. Gentrifizierung ist der soziologische Begriff dafür, dass ehemals ärmere Stadtquartiere zunehmend von Besserverdienenden bewohnt und geprägt werden.

St. Pauli und sein trotziges Selbstbewusstsein: Ausdruck der Freiheit

Für Littmann ist es Wandel. Notwendiger Wandel. „Die Alternative ist Stillstand“, sagt er. „Das finde ich sowohl im künstlerischen Bereich als auch im Fußball völlig langweilig.“ Beim FC St. Pauli hat er eine Phase grundlegender Veränderung, wenn auch unter anderen Vorzeichen, schon einmal mitgemacht: in den 1980er Jahren, als die Hausbesetzerszene in der Hafenstraße den Verein für sich entdeckte. „All die Neuen sind damals auf äußerstes Befremden gestoßen bei den alten Mitgliedern“, sagt der Siebenundfünfzigjährige. Bis dahin war St. Pauli ein ganz normaler Arbeiter- und Stadtteilklub - vom „Kult“-Image noch keine Spur.

Optimismus für eine Veränderung im positiven Sinne zieht Littmann auch aus der Geschichte des Viertels. St. Pauli war einst Niemandsland zwischen Hamburg und dem dänisch besetzten Altona, eine Gegend, die von Kaufleuten und Bürgern gemieden wurde. Daraus resultierte zum einen trotziges Selbstbewusstsein. Noch heute, sagt Littmann, „ist der St. Paulianer zuallererst St. Paulianer und dann Hamburger“. Was St. Pauli aber genauso ausmacht, ist ein besonderes Bewusstsein für Freiheit. Und das bedeutet, dass Platz für alle ist - im Viertel wie im Verein.

Wie viel vom „alten“ St. Pauli wird sich unter Bundesliga-Bedingungen behaupten können? Wie wird sich die Haltung, dass es „nicht immer nur um den Fußball geht, sondern auch um höhere Dinge“ (Stanislawski), mit den Regeln des Unterhaltungsbetriebs vertragen? Spannende Fragen. Etwas Besonderes in der deutschen Fußballlandschaft ist der Klub bis heute geblieben. Noch immer dröhnt vor jedem Heimspiel die Punk-Version des Hans-Albers-Klassikers „Das Herz von St. Pauli“ durchs Stadion, das Schild des alten Clubheims wurde in die neue Sportsbar transferiert, selbst die legendäre Anzeigetafel lebt weiter: in digitaler Variante. Dass man bei St. Pauli nie so genau sagen kann, ob echte Nostalgie oder kluges Marketing dahintersteckt, ist ein anderes Thema. „Man muss sich den Marktgegebenheiten anpassen, aber man darf seine Seele dabei nicht verkaufen“, sagt Stanislawski. Für manche ist das schon passiert.

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