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Die Bayern-Krise Alle auf den Kleinen

09.11.2009 ·  Viel Lärm um Lahm, der das ganze Dilemma des FC Bayern anprangert: Die Krise ist bei den Münchnern angekommen - und der Kritiker wird bestraft, mit der höchsten Geldbuße der Klubgeschichte.

Von Christian Eichler, München
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Eine Standardsituation in Betrieben: Ein junger Mitarbeiter muckt gegen alte Strukturen auf. Wie wehrt man so etwas ab? Alte Hasen wie Uli Hoeneß oder Franz Beckenbauer wissen es. Sie beherrschen das ganze Arsenal der Abbügel-Techniken. Der junge Kollege Philipp Lahm, der es gewagt hatte, einige Verbesserungsvorschläge für innerbetriebliche Abläufe beim bekannten mittelständischen Unternehmen FC Bayern öffentlich zu machen, durfte sie am Wochenende kennenlernen. Technik eins: Was früher gut war, kann jetzt nicht schlecht sein (Beckenbauer: „Ich glaube, die Einkaufspolitik der letzten 40 Jahre war gut und fruchtbar. Umsonst sind wir nicht so oft deutscher Meister geworden.“). Technik zwei: Pack dir erst mal an die eigene Nase (Hoeneß: „Dass er auf der rechten Seite ein besserer Verteidiger wäre als links, das hat er exklusiv“, Beckenbauer: „Er kommt auch nicht an die eigene Höchstleistung heran.“). Technik drei: Du bist doch nur der Handlanger eines anderen (Hoeneß suggerierte, hier spreche nicht Lahm, sondern dessen Berater Roman Grill, ein früherer Bayern-Mitarbeiter, der sich zuletzt vergeblich als Sportdirektor beim Hamburger SV bewarb). Technik vier: Hier geht es nicht um die Sache, sondern um Macht (Hoeneß: „Grill will einen Job bei uns, nachdem es beim HSV nicht geklappt hat.“).

Und wenn all das nicht zieht, droht Technik Nummer fünf: die unheilvolle Einladung zum persönlichen Gespräch ins Büro des Bosses. Hoeneß hat Lahm die Vorladung bereits am Samstag über die TV-Mikrofone zukommen lassen. Am Sonntag wurde bekannt, dass Lahm eine Geldstrafe zahlen muss - die höchste in der Vereinsgeschichte, so der FC Bayern. Vermutlich sind das also mehr als 50 000 Euro.

Viel Lärm um Lahm. Alle auf den Kleinen. Dafür hatte Louis van Gaal so einen ruhigen Abend wie noch nie bei den Bayern. Obwohl es wieder nichts war mit Spielkultur und einem überzeugenden Sieg, war der Trainer nach dem 1:1 gegen Schalke 04 aus der Schusslinie geraten. Der Zorn der Bosse und die Neugier der Medien richteten sich auf den kleinen Zweit-Kapitän, der in der „Süddeutschen Zeitung“ das ganze Dilemma des FC Bayern angeprangert hatte.

Es liegt in Lahms realitätsnaher Darstellung nicht in Versäumnissen des Trainers, sondern in solchen der Klubführung; darin, dass der Klub keine „Philosophie“ habe, wie sie Klubs wie der FC Barcelona oder Manchester United pflegten; keine konkrete Spielidee, anhand derer er seine neuen Spieler aussucht und ausbildet. Es war Kritik an einer Transferpolitik ohne klaren Plan („Man kann einen Spieler nicht nur kaufen, weil er gut ist“). Kritik an Uli Hoeneß also.

Profiteur van Gaal

Der polterte zurück, Lahm werde „dieses Interview noch bedauern”. Der FC Bayern handelte auch prompt. Weil Lahm alles abbekam, war Luca Toni erst einmal glimpflich davongekommen, obwohl er nach seiner Auswechslung zur Pause einfach nach Hause gefahren war, ohne zuzuschauen, was das Team noch so anstellte - ein Affront gegen den Teamgeist, der an diesem Abend eher achselzuckend registriert wurde. Am Sonntag allerdings hieß es: Geldbuße auch für Toni.

Van Gaal war immerhin ein Profiteur. Lahm hatte ihn ausdrücklich in Schutz genommen, und an diesem Abend stellte vorerst niemand mehr die Trainerfrage. Während der Schalker Kollege Felix Magath seine funkelnd feinsinnigen Antworten zahlreich geben und dabei ausgiebig in seinem Tee rühren durfte, wurde van Gaal von den Journalisten fast ignoriert. Es gab eine knappe Frage zu Toni, dessen Verhalten der Trainer als „nicht gut“ missbilligte; und dann noch die Erkundigung eines Holländers über die Fitness von Arjen Robben vor den Länderspielen. Das war alles. Gut möglich, dass van Gaal jetzt erst einmal zwei Wochen Ruhe hat, wenn er es schafft, sich aus den atmosphärischen Störungen an der Säbener Straße herauszuhalten.

Die Nerven liegen blank, nach der Champions League droht nun auch die deutsche Meisterschaft eine Nummer zu groß zu werden für die Bayern. Wie sehr man von Summen und Namen geblendet war, zeigen im Nachhinein Beckenbauers Worte aus dem August: „Wir haben vor der Runde in die Kasse gegriffen wie noch nie. In meinen Augen haben wir jetzt die beste Mannschaft aller Zeiten“. Von allen besten Mannschaften aller Zeiten ist es bisher die schlechteste.

Die Krise ist angekommen

Drei Monate nach dem Verdikt des „Kaisers“ steht sie auf Platz acht der Bundesliga, hat in zwölf Spielen fünf Siege, 20 Punkte und 18 Tore erzielt - nach jedem einzelnen dieser Maßstäbe sind es die schlechtesten Startleistungen eines Bayern-Teams in den letzten fünfzehn Jahren. Das letzte Mal, dass man zu diesem Zeitpunkt der Saison schlechter dastand als auf Platz vier, war 1994. Damals beendete der FC Bayern die Saison auf Platz sechs und kam nur auf dem Gnadenwege noch in den Uefa-Pokal, weil die besser plazierten Gladbacher den Pokal gewannen.

Wieder traf am Samstag nur der Verteidiger Daniel van Buyten, wieder gab es Gefahr nur bei Standardsituationen, wieder brachte Arjen Robben nur eine Viertelstunde lang frischen Wind (und entging nach einer aufbrausenden Attacke gegen Schmitz nur knapp einer Roten Karte). Und nicht einmal die Verwirrung des Schalkers Vasileios Pliatsikas, der sich nach seiner Einwechslung auf die falsche Position begab und laut Magath „das ganze Mittelfeld durcheinanderbrachte“, ehe er erst nach mehreren Minuten das Gebrülle seines Trainers verstand - nicht einmal dieser Schalker Sketch konnte den Münchnern helfen. Was kann ihnen noch helfen? Beim bekanntesten mittelständischen Unternehmen Deutschlands ist die Krise angekommen. Sie kommt nicht aus der globalen Wirtschaftskrise, sondern aus der lokalen Personalplanung - nicht von außen, sondern von innen.

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