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DFB-Sportgericht Sechs Stunden Verhandlung und kein Ende

 ·  Das Urteil über die Wertung des zweiten Relegationsspiels in Düsseldorf ergeht erst am Montag. Schiedsrichter Stark erhebt schwere Vorwürfe gegen Hertha-Spieler.

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© dpa Ausnahmesituation: Für Schiedsrichter Stark wurde Hertha BSC durch die Zustände im Düsseldorfer Stadion nicht benachteiligt

Die Entscheidung über den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga ist vertagt. Mehr als sechs Stunden lang verhandelte das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) unter Vorsitz von Hans E. Lorenz am Freitag den Antrag von Hertha BSC, die Spielwertung des zweiten Relegationsspiels bei Fortuna Düsseldorf (2:2) zu annullieren. Nach Beendigung der Beweisaufnahme, den Plädoyers der beiden Anwälte der Klubs und der Bewertung durch Anton Nachreiner, dem Vorsitzenden des DFB-Kontrollausschusses, kündigte Richter Lorenz die Urteilsverkündung für Montag um 15 Uhr an. Nachreiner empfahl dem Sportgericht, die Spielwertung beim 2:2 zu belassen, was den Abstieg der Hertha bedeutete. Wie die Entscheidung am Montag auch ausfällt, die Parteien haben die Möglichkeit, Berufung beim DFB-Bundesgericht einzulegen. Lorenz kündigte an, dass diese Verhandlung schon in der nächsten Woche stattfinden würde, weil die Zeit dränge. „Eigentlich dachten wir, die Saison wäre beendet, jetzt stellen wir fest, dass sie für uns gerade erst beginnt“, meinte der DFB-Sportrichter sarkastisch.

Die Hertha hatte den Einspruch gegen die Spielwertung mit dem Paragraphen 17 Ziffer 2b begründet. Danach ist ein Protest rechtens, wenn die „Schwächung der eigenen Mannschaft durch einen während des Spiels eingetretenen Umstand erfolgt, der unabwendbar war und nicht mit dem Spiel und einer dabei erlittenen Verletzung im Zusammenhang steht“. Christoph Schickhardt, der Anwalt der Hertha, sah den Tatbestand der Schwächung dadurch erfüllt, dass die Berliner Spieler sich durch die Düsseldorfer Fans bedroht fühlten. Gegenüber Medien hatte Schickhardt vor Verhandlungsbeginn von Todesangst der Profis gesprochen, im Frankfurter Sportgerichtssaal formulierte er es in seinem Plädoyer nur wenig moderater: „Es herrschte Anarchie im Stadion, einen Schutz für die Hertha gab es nicht, die Spieler hatten Angst, sie wollten nur noch ihre eigene Haut retten.“

Damit beschrieb der Anwalt, welche Emotionen die Berliner Profis durchlitten hätten, weil die Zuschauer in der Schlussphase der Begegnung am vergangenen Dienstag zunächst von den Tribünen an den Spielfeldrand drängten und dann in der sechsten Minute der Nachspielzeit den Platz stürmten. Schiedsrichter Stark blieb nichts anderes übrig, als die Begegnung zu unterbrechen. Nach einer Pause von gut 20 Minuten setzte der Unparteiische die Partie für anderthalb Minuten fort. Mit dem Schlusspfiff überfluteten die Zuschauer wiederum das Spielfeld.

Die Zeugenaussagen über die chaotischen Zustände auf dem Spielfeld deckten sich weitgehend, die Interpretation war indes sehr unterschiedlich. Während die Hertha-Spieler Mijatovic und Kraft sowie Assistenztrainer Ante Covic von irregulären Verhältnissen sprachen, die zwischen der 85. Minute (2:2-Ausgleich durch Raffael) und der Unterbrechung in der sechsten Minute der Nachspielzeit sowie in den letzten 90 Spielsekunden nach der Unterbrechung herrschten, behauptete Schiedsrichter Stark: „Das Spiel wurde nicht gestört.“ Mit dieser Aussage unterstützte der Schiedsrichter die Argumentation der Düsseldorfer Verteidigung, die sich einfach auf das Prinzip der Tatsachenentscheidung berief. Solange der Schiedsrichter den Spielverlauf für regulär hält, sei auch das Ergebnis regulär. Starks Einschätzung wurde von seinem Assistenten Pieper sowie vom DFB-Sicherheitsbeauftragten für dieses Spiel, Ralf Ziewer, gestützt. Die Hertha argumentierte dagegen, dass schon rein formal das Spiel irregulär beendet worden sei, weil es in den letzten 90 Sekunden keine Balljungen, keine Eckfahnen und nur noch einen Elfmeterpunkt gegeben habe – der andere war während der ersten Fan-Welle herausgerissen und als Souvenir weggeschleppt worden. Schickhardt hob auch auf das psychologische Moment ab, dass die Hertha-Profis in den zehn Minuten vor der Spielunterbrechung auf Torejagd gehen mussten, während Tausende Fortuna-Fans sich an den Seitenlinien aufhielten. „Was wäre denn geschehen, wenn Berlin tatsächlich ein Tor geschossen hätte?“, fragte der Anwalt.

Das Gericht wirkte insgesamt kritisch bei den Einlassungen der Berliner Seite. Dazu mag geführt haben, dass die Hertha vorab durch Medien transportierte, die Mannschaft sei gegen ihren eigentlichen Willen nur deshalb noch mal auf den Platz zurückgekehrt, weil Schiedsrichter Stark und die Polizei sie darum gebeten hätten, um Schlimmeres zu verhindern. Stark behauptete – und seine Aussage wurde von anderen bestätigt –, dass er keinen Druck von der Polizei erhalten hatte, sondern selber die Entscheidung zum Weiterspielen traf, weil er sich davon überzeugt hatte, dass seine drei Kriterien erfüllt waren: „1. völlige Räumung des Spielfeldes, 2. völlige Räumung des Innenraums, 3. die Gewährleistung der Sicherheit durch die Polizei.“

Die reine Opferrolle, die die Berliner für sich reklamierten, geriet auch ins Wanken als Stark berichtete, dass mehrere Hertha-Spieler und auch Manager Preetz ihn unmittelbar nach der Spielunterbrechung bedrängt hätten, auf jeden Fall das Spiel noch fortzusetzen. Es seien ja wohl noch zwei Minuten Restspielzeit nachzuholen.

Bluterguss am Hinterkopf

Als dann endgültig Schluss war, ereigneten sich nicht nur Jagdszenen auf dem Spielfeld, wo die Fortuna-Fans ihrer Freude freien Lauf ließen, sondern wohl auch in den Katakomben. Schiedsrichter Stark erhob schwere Vorwürfe gegen verschiedene Hertha-Spieler, die ihn bedrängt und beschimpft haben sollen, einige hätten versucht, in die Schiedsrichter-Kabine einzudringen. Gegen den Berliner Außenverteidiger Kobiaschwili hat Stark sogar bei der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet. Vor dem Sportgericht erläuterte der WM-Referee, wieso: „Der Spieler Kobiaschwili hat mit ausgestrecktem Arm, mit der Faust in meine Richtung geschlagen. Ich duckte mich kurz ab und wurde am Hinterkopf getroffen. Wenn ich mich nicht an einem Geländer hätte festhalten können, wäre ich fünf bis sechs Meter die Treppe hinuntergestürzt“. Sein Assistent Pickel und der vierte Offizielle, Markus Wingenbach, bestätigten den Vorfall, bei dem sich Stark einen Bluterguss am Hinterkopf zuzog.

Gegen die Berliner Profis Kobiaschwili, Lell, Kraft und Mijatovic hat der DFB-Kontrollausschuss Ermittlungen eingeleitet, ebenso gegen Fortuna-Kapitän Andreas Lambertz. Er soll nach dem Abpfiff im Innenraum ein bengalisches Feuer in der Hand gehalten haben. Darüber wurde am Freitag aber nicht verhandelt, dieses Verfahren soll nächste Woche stattfinden. Dabei müssen auch Fortuna Düsseldorf und Hertha wegen Zuschauerausschreitungen mit empfindlichen Strafen rechnen.

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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