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DFB Der Zickzack-Zwanziger

 ·  Erst der Vertragsstreit mit dem Trainerstab, dann der Fall Amerell: Das Krisenmanagement des DFB leidet unter einem Problem. Präsident Theo Zwanziger hält sich mitunter für wichtiger als seinen Verband.

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Es gibt Momente, da kann sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) keinen besseren Präsidenten als Theo Zwanziger wünschen. Die Trauerfeier im vergangenen November für Robert Enke war ein solcher Moment. Vor Innenminister de Maizière und Ministerpräsident Wulff trat der DFB-Präsident an das Mikrofon, und er fand im Stadion von Hannover mit traumwandlerischer Sicherheit genau die Worte, nach denen ein trauerndes Fußballland verlangte (siehe: Kommentar zur Trauerfeier: Ein Stück mehr Gemeinsamkeit) . Wenige Tage zuvor war Zwanziger mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden für seinen vorbildlichen Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung geehrt worden. Der DFB-Präsident war nach mehr als fünfzig Jahren der erste Preisträger aus dem Sport, und er sah sich aufgenommen in die erste Reihe des Staates mit Bundespräsidenten und Bundeskanzlern: von Weizsäcker, Herzog, Rau, Kohl, Merkel - Zwanziger. Höhere Weihen kann ein Fußball-Präsident nicht empfangen.

Aber nur wenige Monate später reiht Zwanziger einen Fehltritt an den nächsten. Nur wenige Tage nach dem Desaster in Sachen Vertragsverlängerung mit dem Bundestrainer versagt Zwanziger auch im „Fall Amerell” in atemberaubender Weise. Es ist mehr als nur eine Formkrise, die den Präsidenten im WM-Jahr befallen hat. Es taucht eine altbekanntes Phänomen auf, das unter Zwanziger beim DFB eigentlich als erledigt galt: das Führungsproblem.

Das Krisenmanagement im „Fall Amerell“ hat das Zeug, einen Tiefstand in der Ära Zwanziger zu markieren. Am Donnerstag erklärte der Präsident die Angelegenheit höchstpersönlich für „abgeschlossen”. Nur drei Tage später hielt sich der Zickzack-Zwanziger selbst nicht mehr an die eigene Verordnung. Er legte im Fall des von allen Ämtern zurückgetretenen ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichters - dem vorgeworfen wird, mehrere Unparteiische sexuell belästigt zu haben - selbst nach. „Die kolportierte Zahl von vier Betroffenen ist falsch. Es sind mehr“, sagte er in einem Interview mit der „Welt“. Auch die Gegenseite blieb nicht untätig. Nach den internen DFB-Ermittlungen wird sich nun wohl im März auch die Justiz mit der Angelegenheit befassen. Amerell will vor Gericht.

Zwanzigers untauglicher Versuch, den eigenen Wunsch zur Wirklichkeit umzudeuten, sorgte im deutschen Fußball in dieser Woche wieder einmal für Verwunderung. Eine Sache „von oben herab“ für beendet zu erklären sei doch arg fragwürdig, befand Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern. „Was der DFB im Moment auf seiner Kommunikationsschiene macht, finde ich irritierend.“

Eitelkeit des Präsidenten

Schon im Verlauf der Affäre wurde deutlich, dass sich der Umgang Zwanzigers mit der „Causa Amerell“ zu einer neuen Belastung für den DFB auswächst. Zur Lage passte eine ausufernde Presseerklärung, in der die Eitelkeit des Präsidenten in den Mittelpunkt rückte. Erst wurde darin festgestellt, dass DFB-Vizepräsident Koch, der wegen unzureichender Einbindung von seiner Zuständigkeit für das Schiedsrichterwesen zurückgetreten war, das „Vorgehen des Präsidenten nicht beanstande“. Erst ganz am Ende, als sich Zwanziger entsprechend positioniert fühlte, konnte es dann wieder um die Sache gehen: die vom DFB geplanten Neuordnung des Schiedsrichterwesens.

Es ist keine neue Entwicklung, dass sich der Präsident mitunter für wichtiger hält als den DFB. In den Vertragsverhandlungen mit Löw und Bierhoffmachte Zwanziger auch seine Befindlichkeit zu einem Teil des Problems. Er habe sich von den Forderungen persönlich getroffen und emotional verletzt gefühlt, beklagte Zwanziger nach dem Scheitern. Aber die Gefühle des Präsidenten, der oft sehr emotional reagiert, haben in dieser Frage keine Rolle zu spielen - es geht allein um das Interesse des Verbandes, mit dem Bundestrainer vor der WM einen Vertrag abzuschließen. Schon den sogenannten Handschlagvertrag hatte Zwanziger zuvor über die „Bild“-Zeitung lanciert, seinem bevorzugten Mitteilungsblatt. Er setzte damit sich selbst und den Verband unter Druck - was die Nationalmannschaftsführung dann durch überhöhte Forderungen auszunutzen versuchte.

Höhenluft bekommt nicht

Der Hang zur Selbstüberschätzung der eigenen Position ist zuletzt auch im Kanzleramt registriert worden. Als der DFB-Präsident dort mit der sportlichen Leitung am Tag nach dem Burgfrieden mit dem Bundestrainer und seinem Stab zum Abendessen geladen war, gewannen Beteiligte den Eindruck, dass sich Zwanziger selbst bei politischen Themen auf Augenhöhe mit der Kanzlerin fühle. Er sei fast schon belehrend aufgetreten, heißt es in Berliner Politikerkreisen. Dem Anwalt aus Altendiez, so sehen es jahrelange Begleiter, bekomme die Höhenluft als omnipräsenter DFB-Präsident mit den Jahren immer schlechter.

Ebenso stößt die Diskrepanz zwischen den öffentlichen Solidaritätsappellen des Präsidenten und seiner rigorosen Führung innerhalb des Verbands auf Verärgerung. Altgediente Funktionäre erinnert Zwanziger an die moderne Version seines Vorvorgängers Egidius Braun - ein öffentlicher Pater, der intern die Peitsche rausholt. Dem Bundestrainer über seinen 50. Geburtstag ein Ultimatum zu stellen kennzeichne diesen Stil.

Wachsende Beratungsresistenz

Der Selbsttäuschungsfaktor des Präsidenten jedenfalls wächst nicht erst in der Sache Amerell. Ein Ende ist nicht abzusehen. Der juristische Streit mit einem Journalisten, der Zwanziger als „Demagogen“ bezeichnet hatte (siehe: Streit mit einem Journalisten: Dünnhäutiger DFB und Sport-Kommentar: Keine Frage der Ehre), war vor knapp zwei Jahren das erste öffentliche Signal, dass dem Präsidenten schon mal die Wertigkeiten durcheinandergeraten. Er drohte damals mit Rücktritt und instrumentalisierte den DFB, um ausschließlich für seinen Ruf zu kämpfen. Schon dieser Fall zeigte ein Dilemma: die wachsende Beratungsresistenz des Präsidenten und ein fehlendes Korrektiv innerhalb des deutschen Fußballs.

Was früher Werner Hackmann für die Liga leistete, bringt Liga-Präsident Reinhard Rauball heute nicht an Gewicht auf. Es ist daher kein Zufall, dass Bayern-Chef Rummenigge zuletzt zweimal öffentlich intervenierte. Aus den Klubs wird auch die strukturelle Kritik laut, dass sich Zwanziger viel zu sehr in das operative Geschäft verstricke, anstatt den DFB wie ein Aufsichtsratsvorsitzender zu führen.

Innerhalb des Verbandes hat Generalsekretär Wolfgang Niersbach, der seine Meinung intern vertritt, noch den größten Einfluss. Doch wenn der Präsident wieder einmal seiner eigenen Wege geht, dann möchte oder kann ihn auch Niersbach nicht bremsen. Man darf nicht ausschließen, dass der Generalsekretär dabei auch den Kollateralnutzen für seine eigene langfristige Karriere beim DFB im Blick hat.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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