29.08.2011 · Ungeachtet der 3:4-Pleite im Keller-Duell gegen Köln steht die HSV-Führung zu Trainer Oenning - „mindestens bis zur Winterpause“. Doch der Großklub sucht weiter nach seiner verlorenen Identität.
Von Frank Heike, HamburgNach dem Spiel machten sie alles richtig. Vom Vorstandsvorsitzenden über den Sportchef bis zu den Wortführern der Mannschaft - selbst, wer gern zwischen den Zeilen liest, konnte am Samstagabend nach dem 3:4 des Hamburger SV gegen den 1. FC Köln kein Wort der Kritik am Trainer herausfiltern. Stünde der HSV auf dem grünen Rasen so geschlossen da wie in den Stunden nach der dritten Saisonniederlage, dann wären die drängenden Fragen gänzlich ausgeblieben, ob der 45 Jahre alte Michael Oenning der richtige Trainer für den Großklub auf der Suche nach der verlorenen Identität ist.
Der Zusammenhalt in der Krise scheint also vorhanden zu sein - das ist schon mal ein Befund, der Mut macht. Nationalspieler Dennis Aogo hob zudem das Gemeinschaftsgefühl im Team hervor, das ganz anders sei als in den vergangenen Jahren: „Wir sind eine Mannschaft und wollen Erfolg. Wir älteren Spieler wollen keinen neuen Trainer, nicht wieder das Theater von früher.“ Das klingt gut, muss aber durch Punkte untermauert werden. Doch seit Samstag ist auch klar, wie lange der HSV seinem Trainer Zeit gibt, um aus dem Personalpuzzle von rund einem Dutzend Ab- und Zugängen eine vorzeigbare Collage zu machen. „Wir wollen dem Trainer mindestens bis zur Winterpause die Chance geben“, sagte der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow und schob nach: „Wir hatten in den letzten zehn Jahren neun Trainer. Das hat uns nicht weitergebracht.“ Der 56 Jahre alte Jarchow kennt die Bundesliga aus der Fan-Perspektive, weniger vernetzt im Profifußball als er dürfte kein anderer Vereins-Chef sein. Aber mit seiner notorischen Unaufgeregtheit ist der hanseatische Kaufmann und FDP-Politiker derzeit nicht der schlechteste Mann für den HSV.
Das bisher letzte Mal, dass ein Trainer bis zur Winterpause (und etwas länger) Zeit bekam, war in der Spielzeit 2006/2007 - da musste Thomas Doll gehen; die Hamburger hatten auf einem Abstiegsplatz überwintert. Als Champions-League-Teilnehmer. Huub Stevens kam und brachte den HSV sogar noch in den UI-Cup. Stevens selbst hat sich Mitte der vergangenen Woche eingeschaltet, als er sagte, in Hamburg und Köln hätten sie am wenigsten Geduld mit den Trainern. Da ist was dran. Jarchow und Sportchef Frank Arnesen würden aus diesem Teufelskreis gern ausbrechen. Doch Oenning hatte es ihnen mit seinen vielen Fehlern in den ersten vier Pflichtspielen und seiner schwachen Punktausbeute nicht leicht gemacht, zu ihm zu halten. Am Samstag machte der Coach vieles richtig. Es war keine junge, neue HSV-Mannschaft mehr, die da spielte. Es waren neun Profis aus dem Kader der Vorsaison. Safety first, das war schon daran abzulesen, dass die defensiv starken Tesche und Jarolim vor der Abwehr verteidigten - und die besten Hamburger waren.
Nach fünf Gegentoren in München bemühte sich Oenning um klare Konturen. Dass das unterm Strich schiefging und mit weiteren vier Toren bestraft wurde, lag an zweien, die doch Garanten für Stabilität sein sollten: Kapitän Heiko Westermann und Torwart Jaroslav Drobny. Nachdem der HSV einen Elfmeter geschenkt bekommen und durch Petric verwandelt hatte (11. Minute), lief der Kölner Peszko dem armen Westermann einfach weg und passte auf Chihi - der traf zum 1:1 (21.). Bei der ersten Kölner Führung durch Novakovic fiel HSV-Keeper Drobny dann wie eine Bahnschranke. Erreichen konnte er Podolskis scharfe Hereingabe nach starkem Konter so nicht (49.). Und warum er in der 88. Minute überhaupt aus dem Tor kam und so die Niederlage verschuldete, versuchte Oenning später so zu erklären: „Jaro will aus dem Tor, ganz auf Nummer sicher gehen - dabei wäre der Ball doch ins Aus geflogen!“ Gut gemeint, schlecht gemacht: Kevin McKenna kam an den Ball und schoss das 4:3. Die zuvor umjubelte Hamburger Führung durch die Treffer Rajkovics und Sons (59. und 62.) war dahin. In der 84. Minute war dem wie McKenna eingewechselten Clemens das 3:3 gelungen. „Das war ein extremer Nackenschlag“, kommentierte Oenning den Spielverlauf, „ich hatte nie das Gefühl, dass wir dieses Spiel noch verlieren“.
Fehler, für die kein Trainer der Welt etwas kann, auch Pech, als der gute Norweger Skjelbred in der 75. Minute die Latte traf - da war es verständlich, dass Oenning das Spiel später schöner redete, als es war. Er sprach von der guten Innenverteidigung, die aus dem Spiel heraus nichts zugelassen habe, von „richtig guten Kombinationen“. Nun ja: Westermann und Rajkovic spielten besser als die Paarungen in den Partien zuvor. Aber die beiden verloren am Ende völlig die Übersicht. Und das Mittelfeldspiel mit Jarolim und Tesche, das sah meistens so aus: annehmen, gucken, zurückspielen.
Es ist gar nicht so leicht, aus einem 3:4 gegen Köln Honig zu saugen. Aber beim Tabellenletzten HSV waren sie dazu wild entschlossen. „Wir sind am Anfang eines Weges, den wir gemeinsam beschritten haben“, sagte Oenning. „Heute war das der erste Schritt in die richtige Richtung.“ Ganz gelassen forderte er, sich von Punkten und Tabellenplatz zu lösen in der Beurteilung des HSV. Bei aller Liebe für den neuen Weg: Die Gesetze der Bundesliga außer Kraft zu setzen, das wird wohl nicht einmal dem immer erstklassigen Gründungsmitglied gelingen.
Die Qualität des HSV-Kaders...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 29.08.2011, 14:36 Uhr