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Der Fall Lahm Über die Grenzen hinaus

10.11.2009 ·  Freiräume für die Meinungsfreiheit - ein schwieriges Unterfangen für den mündigen Fußballprofi. Der Fall des Bayern-Profis Lahm ist hierfür exemplarisch: Duckmäusertum ist die Regel - nur hinter vorgehaltener Hand wird von Profis ein offenes Wort gesprochen.

Von Michael Horeni
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Bevor Karl-Heinz Rummenigge am Sonntag in seinen Dienstwagen stieg und die angeblich höchste Geldstrafe der Vereinsgeschichte gegen Philipp Lahm ausgesprochen wurde, gab der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München vor den Fernsehkameras noch einmal die beiden Grundsätze des Rekordmeisters zu Protokoll. Erstens: Interviews von Spielern und anderen Vereinsangestellten werden von der Pressestelle organisiert und autorisiert. Zweitens: Spielern des FC Bayern ist es untersagt, in der Öffentlichkeit Kollegen, den Trainer oder den Vorstand zu kritisieren. „Er hat gegen beide Grundsätze verstoßen“, sagte Rummenigge. Der Verein verschickte am Sonntag zur Stützung seiner Position noch eine Presseerklärung, in der die Bayern ausdrücklich darauf hinweisen, dass das organisatorische Verfahren im Lizenzspielervertrag festgeschrieben ist und von den Profis durch Unterschrift bestätigt wurde.

Das Problem dabei: Hätte sich der Bayern-Profi an Grundsatz eins gehalten – hätte die Pressestelle Grundsatz zwei, gegen den Willen Lahms, bei der Autorisierung mit einem Federstrich Geltung verschaffen können, ja müssen. Mit anderen Worten: Interviews von kritischen Fußballprofis können somit schon aus vertraglichen Gründen nicht deren Meinung wiedergeben, sondern nur die des Arbeitgebers.

Am Montag hatte der Verein das Interview seines kritischen Angestellten aus seiner Sicht endgültig aufgearbeitet. Nach einem Gespräch zwischen den Vorständen Rummenigge, Uli Hoeneß und Karl Hopfner mit dem aufmüpfigen Verteidiger kam eine Presseerklärung des FC Bayern folgenden Inhalts heraus: „In einem sehr offenen, ausführlichen und konstruktiven Gespräch hat sich Philipp Lahm für die Art und Weise seiner Aussagen und den eingeschlagenen Weg entschuldigt. Philipp hat eingesehen, dass es besser gewesen wäre, mit seiner Meinung direkt den Weg zum Vorstand zu suchen.“ Der Spieler sei dazu „ermutigt“ und „aufgefordert“ worden, seine Meinung künftig „im direkten Dialog mit den Verantwortlichen zu besprechen“. Lahm, verlautbarte die Erklärung, habe die vom Vorstand ausgesprochene Geldstrafe akzeptiert. „Für beide Seiten ist die Angelegenheit vom Wochenende damit erledigt.“

Punktum? Zumindest eine ganz grundsätzliche Frage drängt sich weiter auf: Wird die Meinungsfreiheit von Fußballprofis in unzulässiger Weise eingeschränkt? Die Brisanz, die für Arbeitgeber und Vorgesetzte durch Interviews von Angestellten ausgeht, ist beträchtlich. Lahms Fundamentalkritik in der „Süddeutschen Zeitung“ ist dabei nur der letzte von drei Fällen, die im deutschen Fußball im vergangenen Jahr für Schlagzeilen und Konsequenzen sorgten.

Das Ziel: Öffentlichen Wirbel vermeiden

Ein Interview von Michael Ballack in dieser Zeitung, in dem er den Umgang des Bundestrainers mit verdienten Spielern kritisierte, führte fast zur Absetzung des Kapitäns. Die Nationalmannschaft hatte monatelang mit Turbulenzen zu kämpfen. Ein ebenfalls am Verein vorbei organisiertes Interview von Bruno Labbadia hatte am Tag des Pokal-Endspiels gegen Bremen seinen Anteil an der Trennung von Bayer Leverkusen und dem Trainer. „Im Endeffekt ist alles, was an die Öffentlichkeit geht, immer gefährlich“, sagt Ballack nun zum aktuellen Fall.

Die Regelung, wonach die Spieler über Interviews nicht mehr selbst oder über ihre Berater oder Manager entscheiden dürfen, haben die Bayern vor Saisonbeginn getroffen. Ziel ist es, öffentlichen Wirbel zu vermeiden. Zudem sollen mit dem öffentlichen Kritik-Tabu der Respekt und das Vertrauen in einem Team gestärkt werden. Lahms Kritik allerdings sprengte den alltäglichen Rahmen. Es handelte sich um einen fachlich motivierten Angriff auf die Führung des FC Bayern mit Rummenigge und Manager Uli Hoeneß an der Spitze.

Duckmäusertum ist die Regel

Lahm hatte sich allem Anschein nach im Spannungsfeld zwischen Zivilcourage, freier Meinungsäußerung und arbeitsrechtlichen Bestimmungen ganz bewusst dafür entschieden, über die Grenzen, die ihm der Lizenzspielervertrag setzt, hinauszugehen. Es ist eine Abwägung, die angesichts der Rechtslage jeder Spieler für sich selbst treffen muss. Das Duckmäusertum ist daher die Regel – nur hinter vorgehaltener Hand wird von Profis ein offenes Wort gesprochen.

Kommt es anders, wie nun bei Lahm, argumentieren die Klubs in diesen für sie unangenehmen Fällen gern, Angestellte eines normalen Unternehmens würden nach solchen Äußerungen umgehend entlassen oder versetzt. Allerdings: Arbeiter und Angestellte werden vielleicht mal nach einer Insolvenz am Werkstor über ihre Meinung befragt – und nicht nach jedem Training von zwei Dutzend Reportern.

Freiräume bei der Nationalmannschaft

Der Terminplan hat es so eingerichtet, dass am Montag in München die Pressesprecher der Bundesligaklubs zusammenkamen. Ein Tagesordnungspunkt ihrer turnusmäßigen Sitzung lautete: Umgang mit Beratern. Diese machen den Medienabteilungen der Vereine immer größere Sorgen bei ihrem Ziel, Wirbel in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Durch gezielt plazierte und an den Vereinen vorbei organisierte Interviews lässt sich erfolgreich Politik machen. Dabei ist manchem in der Liga schon aufgefallen, dass die Klienten von Roman Grill, der neben Lahm auch Owen Hargreaves, Michael Rensing und den Hamburger Nationalspieler Piotr Trochowski vertritt, ihre Freiräume geschickt zu nutzen verstehen.

Freiräume für kritische Beiträge entstehen für Profis vor allem während der Abstellung zur Nationalmannschaft. Dort gelten zwar die gleichen internen Regelungen wie beim FC Bayern. Aber dort sind sie der Klubkontrolle entzogen, und es fällt viel leichter, (moderate) Kritik am eigenen Verein zu üben. Andererseits nutzen Nationalspieler wie zuletzt Ballack den Freiraum, den ihnen die Vereine geben, wenn sie eine Botschaft an die Nationalmannschaft und deren Führung senden wollen.

Der Vertrauensverlust weigt schwerer als das Geld

Lahms Kollegen dürften allerdings an anderer Stelle hellhörig werden als bei der Kritik des Verteidigers an der verfehlten Personalpolitik der Bayern-Führung und der fehlenden sportlichen Leitlinie. „Wen soll man denn anspielen? Wo ist jemand, der mal was bewegt, der den Ball zur Seite mitnimmt, nach vorne schaut und irgendwie den Ball durchsteckt, dass man nachrücken kann?“

Das sind Sätze, die als Kollegenschelte von Bastian Schweinsteiger und Co. wohl nicht so schnell vergessen werden. Ballack hatte vor einem Jahr in seinem Interview indirekt Kritik an Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger geäußert. Dies führte für den Kapitän in der Nationalmannschaft zu einem Vertrauensverlust, der viel schmerzhafter war, als eine Buße von zehntausenden von Euro je sein könnte.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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