Ein paar Jahre lang konnte man glauben, der Führungsspieler im deutschen Fußball, der kraft seines Willens den Gegner bezwingt, wäre ausgestorben und man könnte ihn nur noch im Fernsehen als Kommentator bestaunen, also ungefähr so wie die plastische Rekonstruktion des Tyrannosaurus Rex vor dem Frankfurter Senckenberg-Museum. In der vergangenen Woche aber ist dieser Spielertypus aus dem Fußball-Mesozoikum von Oliver Kahn noch mal zum Leben erweckt worden, und da man vom Fußball und von Kahn immer wieder eine Menge lernen kann, sollte man die zeitlosen Fragen, die der Titan a.D. aufgeworfen hat, ruhig mal auf sich selbst beziehen: „Ein Führungsspieler besitzt den Willen und die Leidenschaft, in entscheidenden Momenten seine Mitspieler zu motivieren, um zu gewinnen. Führungsspieler verstehen es, das Team so anzutreiben, dass es in jeder Sekunde an den maximalen Erfolg glaubt.“ Und, waren Sie zuletzt ein guter Führungsmitarbeiter, der sein Team bis zur letzten Sekunde angetrieben hat? Da haben wir es ja.
Der FC Bayern hat sich von der Kritik aus dem eigenen Legendenstadel unbeeindruckt gezeigt. Kapitän Lahm und sein Partner Schweinsteiger, denen Kahn als Repräsentanten des heutigen Fußballs mentale Nachhilfe gab, erzielten beim 5:0 gegen den HSV zwar keine Treffer, aber dafür gibt es mit Ribery und Robben auch noch ein paar andere Spieler, die den Unterschied ausmachen. Unter der Woche beim Duell zwischen Barcelona und Madrid konnte man übrigens ungefähr 22 Führungsspieler im Gesamtwert von mehr als einer Milliarde Euro sehen, die sich wie wild zum Erfolg treiben wollten. Aber es gab nur einen Messi. So ganz wird man bei der Führungsspielerdebatte also um die Frage der Qualität nicht herumkommen.
Für die mentale Stärke, Kahn wird das bedauern, gibt es keine Maßeinheit. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen körperlichen und geistigen Zuständen, das Körper-Geist-Problem des Fußballs, hat sich in Deutschland aber in den vergangenen Jahren auffällig verschoben. Die körperliche Leistungsfähigkeit steht (neben der Technik) mehr denn je im Mittelpunkt, sie lässt sich messen, auswerten und verbessern. Das geschieht mit einiger Konsequenz.
Wenn man sich die siegreichen Bayern, Dortmunder und Leverkusener genauer ansieht, dann fällt auf, dass sie in zwei Maßeinheiten, die als unverzichtbar im modernen Fußball gelten - Laufdistanz und Sprints -, der Konkurrenz am Samstag überlegen waren. Bei den Bayern war Thomas Müller individueller Liga-Spitzenreiter mit 28 Sprints auf 11,6 Kilometern. Müller lief mehr als jeder Hamburger, und bei den Sprints mussten sich schon die beiden besten Hamburger zusammentun, um Müllers Wert zu erreichen. In Leverkusen legten gleich sieben Spieler zwischen 11,2 und 12,3 Kilometer zurück (beim HSV keiner). In Dortmund erreichten, abgesehen von Torwart Weidenfeller und Stürmer Lewandowski, alle anderen zwölf (!) eingesetzten Feldspieler bei ihren Sprints eine maximale Geschwindigkeit von mehr als 30 Kilometern pro Stunde, auch das unerreichte Werte. Wenn das so weitergeht, ist Borussia Dortmund die deutsche Sprintmeisterschaft nicht mehr zu nehmen.
Papierkügelchen
gisbert heimes (gisbert4)
- 22.08.2011, 12:46 Uhr