Home
http://www.faz.net/-gtn-u58v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Bundesliga-Kommentar Bayerisches Gebräu

18.02.2007 ·  Früher waren die Bayern Meister der Kunst, Krisen zu bewältigen, indem sie ihnen einfach zuvorkamen. Doch dafür ist es dieses Mal definitiv zu spät. Der Bundesliga-Kommentar von Gerd Schneider.

Von Gerd Schneider
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Zu den Vokabeln, mit denen in der Fußball-Berichterstattung mehr als verschwenderisch umgegangen wird, gehört das Wort „Krise“. Sein Gebrauch ist genauso inflationär wie etwa der der Begriffe „Pleite“ oder „Triumph“, die an die Stelle von Sieg und Niederlage getreten sind.

Offenbar lässt sich eine Pleite besser verkaufen als ein Misserfolg, erzielen die Sportagenturen mit 1:0-Triumphen bessere Abdrucke als mit 1:0-Erfolgen. Was dabei verloren geht, ist das Gefühl für die eigentliche Bedeutung dieser Wörter. Nicht anders verhält es sich mit der Krise. Im gängigen Medienjargon steckt, besser: stürzt ein Verein in die nämliche, sobald er zwei Spiele nacheinander nicht gewonnen hat. Werder Bremen hat dreimal nacheinander verloren, müsste also schon kurz vor einer Katastrophe stehen. In Wirklichkeit ist Bremen von einer Krise etwa so weit entfernt wie Werders Trainer Thomas Schaaf von der Arbeitslosigkeit. Auch den VfB Stuttgart und den FC Schalke 04 steckten viele Medien in dieser Saison schon in eine Krise. Glücklich, wer solche Krisen zu durchstehen hat.

Die Symptome sind alarmierend

Bei den Münchner Bayern liegt der Fall anders. Bislang verließ einen nicht die Ahnung, dass die Fußballmacht aus dem Süden rasch wieder auf die Beine kommt - so wie immer in den seltenen Schwächephasen vergangener Jahre. „Was soll's, am Ende stehen doch wieder die Bayern oben“, unkte Torhüter Oliver Kahn vor nicht allzu langer Zeit. Ein Irrtum, so viel ist seit der Niederlage in Aachen gewiss. In München braut sich ordentlich was zusammen.

Wie weit die Bayern von ihrem Weg abgekommen sind, lässt sich im Bundesliga-Archiv nachlesen. Seit der Einführung der Drei-Punkte-Regel im Jahr 1995 hatte der Rekordmeister am jeweiligen 22. Spieltag noch nie so wenige Zähler wie in dieser Saison (37). Auch sonst sind die Symptome alarmierend. Nach einer gängigen Definition - sie stammt bezeichnenderweise von einem amerikanischen Futurologen namens Kahn, Herman Kahn - hat eine Krise folgende Merkmale: dringende Notwendigkeit von Handlungsentscheidungen, ein wahrgenommenes Gefühl der Bedrohung, ein Anstieg von Unsicherheit, Dringlichkeit und Zeitdruck sowie das Gefühl, das Ergebnis sei von prägendem Einfluss auf die Zukunft; und das alles begleitet von Empfindungen wie Verzweiflung (bislang nur zu ahnen) und unkontrollierbarem Zorn (siehe Kahn, Oliver Kahn). Noch Fragen?

Ballacks Weggang weit unterschätzt

Der Zeitpunkt naht, da die sportliche Krise auf die operative Führung der Bayern - in Person von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge - zurückfällt. Sie haben die Qualität des aktuellen Kaders weit über- und das Vakuum nach Michael Ballacks Weggang weit unterschätzt. Sollte ihre risikofreie Retro-Lösung in der Trainerfrage nicht bald aufgehen, könnten turbulente Monate auf die Münchner zukommen. Fußball-Derrick Ottmar Hitzfeld und sein Harry Michael Henke machen momentan nicht den Eindruck, als könnten sie den kniffligen Fall rasch lösen. 0:3 in Nürnberg, 1:0 gegen Bielefeld und 0:1 in Aachen: Bislang spricht Hitzfelds Bilanz nicht dafür, dass sich Magaths Rauswurf gelohnt hat. Nicht auszudenken, setzte sich das Scheitern nun auch im Champions-League-Duell mit Real Madrid fort.

Früher waren die Bayern Meister der Kunst, Krisen zu bewältigen, indem sie ihnen einfach zuvorkamen. Doch dafür ist es dieses Mal definitiv zu spät.

Quelle: F.A.Z., 19.02.2007, Nr. 42 / Seite 21
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche
Ergebnisse, Tabellen und Statistik